Autor Thema: Wer kommt im Leben auf die Kosten?  (Gelesen 1654 mal)

Eleonore

  • Gast
Wer kommt im Leben auf die Kosten?
« am: Oktober 13, 2019, 12:59:13 »
Wer kommt im Leben auf die Kosten?

Wer kommt im Leben auf die Kosten
getragen von der andren Fleiß?
Wer muss dagegen früh schon rosten,
weil er gezahlt für jeden Scheiß.

Das Leben treibt es manchmal bunt -
und dies nicht nur im Karneval.
Durch Macht und Häme wird man rund
(von Lehrer, Eltern, General).

Wer hat die Karten Dir gemischt?
Warst immer das und stets nur Du?
Wer hat das Glück für Dich gefischt?
Bekamst nen Joker Du dazu?

Was wäre denn, wärst Du der Penner,
so wie Du abfällig ihn nennst?
Wärst nicht mehr Hit und nicht mehr Renner.
Wärst Einer, den Du gar nicht kennst.

Wohlan, steig ein in sein Kostüm.
Dreh eine Runde mit ihm mit!
Vielleicht wirds ganz schön ungestüm
- und Dein Verstand hält nicht mehr Schritt.

Vielleicht steigst Du mit ihm hinab
tief in die Gruft der Menschenwelt.
Begreifst, wie hart dreht manche Nab'
und was im Innern wirklich zählt.

Erich Kykal

Re: Wer kommt im Leben auf die Kosten?
« Antwort #1 am: Oktober 13, 2019, 13:36:59 »
Hi Eleonore!

Ich weiß nicht, wie gut du in klassischer Lyrik geübt und bewabdert bist, aber das obige Werk würde ich unter "interessanter früher Gehversuch mit Potential" einstufen.

Mache Wendungen wirken noch etwas ungelenk, Inversionen solltest du tunlichst vermeiden (die wenigsten wurken wirklich lyrisch, egal was der Laie glaubt).

Mit gemeinsprachlichen Ausdrücken fällst du aus dem gehobenen Rahmen deiner lyrischen Sprachhabung ("Scheiß", "rund werden", flapsige Verkürzungen wie "'nen", fremdsprachliche Vokabeln wie "Hit", vielleicht noch "Penner/Renner"), aber das ist wohl hier dem Furor geschuldet, der dich zu diesen Strophen animierte. Verstehst du, wenn du Ausdrücke wie "wohlan", "Häme" oder "ungestüm" verwendest, passen so "niedere" Ausdrücke wie die in der Klammer genannten einfach stilistisch nicht dazu.

Ans Ende von S1 gehört auch noch ein Fragezeichen hin, und ans Ende der ersten Zeile ein Komma.

Ein paar lyrische Vorschläge:

Wer kommt im Leben auf die Kosten,
getragen von der andern Fleiß? (Sprache flüssiger so)
Wer muss dagegen früh schon rosten,
weil er von dem Geschäft nichts weiß? (Ohne Gemeinsprachliches)

Das Leben treibt es manchmal bunt,
und dies nicht nur im Karneval.
Du gehst durch fremde Macht zugrund (Bei deinem "rund" fehlt das "gemacht", das macht die Phrase unvollständig, daher diese Alternative)
von Lehrer, Eltern, General.

Wer hat die Karten Dir gemischt?
Warst immer das und stets nur Du?
Wer hat das Glück für Dich gefischt?
Bekamst den Joker Du dazu? (Schöner ohne Verkürzung)

Was wäre denn, wärst Du der Penner,
so wie Du ihn verächtlich nennst? (Senkungsprall "abfällig" beseitigt)
Wärst nicht mehr Hit und nicht mehr Renner.
Wärst Einer, den Du gar nicht kennst.

Wohlan, steig ein in sein Kostüm.
Dreh eine Runde mit ihm mit!
Vielleicht wirds ganz schön ungestüm,
und Dein Verstand hält nicht mehr Schritt.

Vielleicht steigst Du mit ihm hinunter
ins Dunkelste der Menschenwelt. (Du hattest da betonten Auftakt)
Begreifst die Wahrheit tief darunter, (Inversion beseitigt)
und was im Innern wirklich zählt.


Mit etwas Übung und Lektüre arrivierter Poeten (ich empfehle immer Rilke) sehe ich gutes Potential in dir. Ich empfehle dir, dranzubleiben. ZB. metrisch gibt es bei dir nichts auszusetzen, das ist schon mal ein ganz wichtiger Pluspunkt.
Nimm von meinen Vorschlägen, was dir brauchbar erscheint oder versuche eigene Lösungen zu finden. Ich hoffe, ich war hilfreich.


Gern gelesen und bearbeitet!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

  • Gast
Re: Wer kommt im Leben auf die Kosten?
« Antwort #2 am: Oktober 13, 2019, 21:17:38 »
ein nettes Wortspiel mit Kosten, liebe Eleonore. Es konnotiert sogleich: Alles im Leben hat seinen Preis und dies ist nicht nur materiell gemeint.
Man verliert und gewinnt, so kenne ich das Leben. Schuld? Immer ist es sinnvoll und lehrreich, in die Gedanken eines anderen zu schlüpfen, zu hinterfragen, weshalb er so oder so lebt und ist.Um vielleicht die eigenen Problem besser zu verstehen.
Dies sagt mir dein Gedicht.
Erich hat zum Formalen etwas gesagt.Er ist ein guter Lehrer. Ohne Dünkel.
LG von Agneta