Autor Thema: Zur Architektur des Geistes  (Gelesen 421 mal)

Erich Kykal

Zur Architektur des Geistes
« am: November 10, 2019, 18:28:50 »
In der Empfangshalle gehen immer wieder mal die Lichter aus und kommen
dann grundsätzlich zu spät nach Hause.

Die Tür zur Treppe der Weisheit ist meistens mit Luftschlössern gesichert.

Im Keller der Lethargie ist immer ein gemütliches Bettchen frei.

Im Ballsaal der Lust tanzen die unerfüllten Träume, bis ihnen schwindlig wird.

Auf dem Dachboden der Eitelkeiten verstaubt der freie Wille.

In der Ideenküche kocht man meistens nach alten Rezepten, weil es für neue
an Zutaten mangelt. Die Köche schicken immer wieder Küchenjungen der
Inspiration danach aus, aber aus dem Keller der Lethargie ist kaum je einer
zurückgekehrt.

Aus der Tiefkühltruhe unliebsamer Erinnerungen beginnt es immer wieder mal
streng zu riechen.

Fazit der Begehung:
Selbst die Erbauer der kleinsten Gebäude hatten große Pläne.
 
« Letzte Änderung: November 10, 2019, 18:56:33 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

wolfmozart

Re: Zur Architektur des Geistes
« Antwort #1 am: November 16, 2019, 11:54:14 »
Sehr weise Gedeanken, Erich.
Sehr ansprechend aufbereitet.

Lieben Gruß wolfmozart

Erich Kykal

Re: Zur Architektur des Geistes
« Antwort #2 am: November 16, 2019, 12:17:39 »
Hi WM!

Danke für dein Lob!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Erich Kykal

Re: Zur Architektur des Geistes
« Antwort #3 am: Mai 10, 2020, 12:08:39 »
Einer meiner wenigen Prosatexte - ich bin mal so frech und lifte ihn für jene, die ihn vielleicht damals übersahen. Tschulligung ...  :-\
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Eisenvorhang

  • Gast
Re: Zur Architektur des Geistes
« Antwort #4 am: Mai 10, 2020, 13:36:50 »
Hallo Erich,

mir gefallen vor allem Z1 und Z3 und 4.

Alles in allem hast du die Lebensweisheiten mit all ihren Schatten gut komprimiert verwoben, so dass alles wie ins Gefüge gesetzt funktioniert und sich an vertikalen Priorisierungen/Ebenen orientiert.
Die ausgehenden Lichter in der Empfangshalle, Keller der Lethargie und aufm "Dachboden der Abgehobenheit" die Eitelkeiten und ferner der freie Wille.
 
Prosa lebt aber auch davon sich dem Lese- und Schreibfluss hinzugeben, weswegen das kleine Werk mehr wie expressionistische Aphorismen anmuten und weniger als feinverwobene Prosa. Die scharfsinnige Zusammensetzung der Begrifflichkeiten wirkt grostek und sehr ausdrücklich. Gefällt mir sehr. Da ich selbst in diese Richtung sehr aktiv bin.
 
Der Charakter einer sanften Führung/Begehung geht für mich aber durch die stakkatoartigen Einschübe verloren, die du wahrscheinlich gebaut hast, um die Präzision und Aussagekraft nicht zu verlieren.
Ich denke, man könnte hier eine feine sehr kleine Geschichte bauen oder sogar eine Analogie um die 3000-4000 Zeichen. Wenn man dann noch den Nonsens der Pronomenfüller, Adjektive und CO streicht, käme man sicher bei 2000-2500 Zeichen an, die eine Begehung mit Pointe sehr ins Licht höben.

Sehr gern gelesen!

vlg

EV
« Letzte Änderung: Mai 10, 2020, 13:41:49 von Eisenvorhang »

Erich Kykal

Re: Zur Architektur des Geistes
« Antwort #5 am: Mai 10, 2020, 18:10:32 »
Hi EV!

Ich wollte den menschlichen Geist wie ein Gebäude darstellen, das man begehen kann wie zB ein Brandinspektor. Darin wohnt - wie im Körper - der jeweilige Geist, sprich das Bewusstsein dessen, der sich dieses Haus gebaut hat.

Und das Haus beheimatet eben alles, was den menschlichen Verstand ausmacht, eben auch seine Schwachstellen ...

Und jedes Haus spiegelt auch - je nach Größe und Baustil - den Charakter seines Bewohners wider.

Man kann den obigen Text lesen wie die "Begehung" eines einzelnen dieser Häuser - oder man versteht ihn als auf alle Häuser anwendbar, da im Grunde ja allgemein gehalten.

Ich denke nicht, dass es etwas brächte, den Text zu verändern. Die "stakkatohaften Einschübe" sollen nur die verschiedenen Räumlichkeiten verdeutlichen, die man bei einer Begehung findet. Und mit jeder Räumlichkeit geht ein Bonmon als Parallele zu einem weniger angenehmen menschlichen Charakterzug einher.

Mit deiner Zeichenangabe kann ich nichts anfangen - ich habe keine Ahnung, wie viele "Zeichen" der ursprüngliche obige Text hat und kann nicht abschätzen, was dir vorschwebt, da ich früher als Schüler bestenfalls Wörter zählte, um zu wissen, ob mein Aufsatz für Schularbeit oder Hausübung schon lang genug war!

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

Re: Zur Architektur des Geistes
« Antwort #6 am: Juli 09, 2020, 18:48:56 »
2 und 3 gefallen mir am besten, Erich. ich denke, jeder kennt das ein oder andere aus diesem Haus.  ;)LG von Agneta

Erich Kykal

Re: Zur Architektur des Geistes
« Antwort #7 am: Juli 09, 2020, 22:57:31 »
Hi Agneta!

Danke für die Begehung meiner Geistesarchitektur!  ;) Mir ist ALLES darin vertraut.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.