Ganz kurz auf den Punkt gebracht. Oder eher auf eine Art Doppelpunkt? Immerhin verweigern sich die Z3 und 4 erstaunlich hartnäckig einer eindeutigen Lesart. Das finde ich sehr anregend!
Auch der Titel und Z1 und 2 wollen mit Bedacht gelesen werden, legen sich aber zumindest etwas stärker auf eine Art Grundhaltung fest.
So enthält der Titel durchaus zwei Bedeutungsebenen. "Täglich Gift" kann gelesen werden als "Täglich (gibt es) Gift (zu essen)", also mit einem adverbial verstandenen "täglich". Dieses "täglich" kann aber auch als etwas altertümlich verkürztes Adjektiv gelesen werden: "Das täglich(e) Gift" und dann wird die Anspielung auf das Vaterunser klar, die durch das prompt in Z2 auftauchende Brot noch unterstrichen wird - nicht unser täglich Brot, sondern unser täglich Gift gib uns heute!
In diesem Kontext würde ich die Z1 und 2 gut marxisch als eine Abrechnung mit dem heutigen "Opium des (sic!) Volkes" lesen. Wobei wahrscheinlich nicht die Religion gemeint ist, sondern... ja was eigentlich... ?
Hier erwartet man nun Aufklärung in Z3 und 4 und, wie oben schon gesagt, steht man am Ende selbst betroffen usw. Denn weder ist klar, was hier mit "Dekadenz" gemeint ist, noch ob diese Dekadenz nun das wahre Problem des Volks (bzw. des "Lyrischen Wirs") bezeichnet oder nicht vielleicht sogar eine Art Ausweg aus dem täglichen Gift darstellen könnte. Die letztgenannte, recht kühne Volte ist, denke ich jetzt mal, nicht im Sinne des Autors, aber rein vom Sprachmaterial ausgehend, lässt sie sich auch nicht so ganz aus den Zeilen verbannen.
"Was die Entwicklung besser trifft" könnte eine Präzisierung von S1 und 2 sein, im Sinne von: Jetzt erzähle ich Euch mal, was wirklich hinter diesem Gift steckt: Voilà! La décadence! (Was auch immer dann mit Dekadenz gemeint sein könnte)
Mit diesem ominösen"Was die Entwicklung besser trifft" könnte aber auch ein subversiver Ratschlag gemeint sein: Anstelle sich mit Brot für dumm verkaufen zu lassen, strebe doch lieber nach dekadentem Kuchen...
Wer also spricht hier wohl? Ein Idealist, ein Zyniker, ein Nostalgiker des Ancien Régimes, eine Unschuld im Narrenkleid? Der Leser muss sich wohl selbst entscheiden...
Gerne gelesen also!!!

S.