Autor Thema: Täglich Gift  (Gelesen 2594 mal)

hans beislschmidt

Täglich Gift
« am: Februar 19, 2020, 23:17:50 »
Wir essen, trinken täglich Gift
und sind am Ende dumm wie Brot.
Was die Entwicklung besser trifft,
ist Dekadenz bis hin zum Tod.
"Lyrik braucht Straßendreck unter den Fingernägeln" (Thomas Kling)

Sufnus

Re: Täglich Gift
« Antwort #1 am: Februar 20, 2020, 16:17:19 »
Ganz kurz auf den Punkt gebracht. Oder eher auf eine Art Doppelpunkt? Immerhin verweigern sich die Z3 und 4 erstaunlich hartnäckig einer eindeutigen Lesart. Das finde ich sehr anregend!
Auch der Titel und Z1 und 2 wollen mit Bedacht gelesen werden, legen sich aber zumindest etwas stärker auf eine Art Grundhaltung fest.
So enthält der Titel durchaus zwei Bedeutungsebenen. "Täglich Gift" kann gelesen werden als "Täglich (gibt es) Gift (zu essen)", also mit einem adverbial verstandenen "täglich". Dieses "täglich" kann aber auch als etwas altertümlich verkürztes Adjektiv gelesen werden: "Das täglich(e) Gift" und dann wird die Anspielung auf das Vaterunser klar, die durch das prompt in Z2 auftauchende Brot noch unterstrichen wird - nicht unser täglich Brot, sondern unser täglich Gift gib uns heute!
In diesem Kontext würde ich die Z1 und 2 gut marxisch als eine Abrechnung mit dem heutigen "Opium des (sic!) Volkes" lesen. Wobei wahrscheinlich nicht die Religion gemeint ist, sondern... ja was eigentlich... ?
Hier erwartet man nun Aufklärung in Z3 und 4 und, wie oben schon gesagt, steht man am Ende selbst betroffen usw. Denn weder ist klar, was hier mit "Dekadenz" gemeint ist, noch ob diese Dekadenz nun das wahre Problem des Volks (bzw. des "Lyrischen Wirs") bezeichnet oder nicht vielleicht sogar eine Art Ausweg aus dem täglichen Gift darstellen könnte. Die letztgenannte, recht kühne Volte ist, denke ich jetzt mal, nicht im Sinne des Autors, aber rein vom Sprachmaterial ausgehend, lässt sie sich auch nicht so ganz aus den Zeilen verbannen.
"Was die Entwicklung besser trifft" könnte eine Präzisierung von S1 und 2 sein, im Sinne von: Jetzt erzähle ich Euch mal, was wirklich hinter diesem Gift steckt: Voilà! La décadence! (Was auch immer dann mit Dekadenz gemeint sein könnte)
Mit diesem ominösen"Was die Entwicklung besser trifft" könnte aber auch ein subversiver Ratschlag gemeint sein: Anstelle sich mit Brot für dumm verkaufen zu lassen, strebe doch lieber nach dekadentem Kuchen...
Wer also spricht hier wohl? Ein Idealist, ein Zyniker, ein Nostalgiker des Ancien Régimes, eine Unschuld im Narrenkleid? Der Leser muss sich wohl selbst entscheiden...
Gerne gelesen also!!! :)
S.

hans beislschmidt

Re: Täglich Gift
« Antwort #2 am: Februar 21, 2020, 15:00:18 »
Wow Sufnus, ich nehme mal den subversiven Ratschlag auf, welcher sinnstiftend für die zahlreichen Deutungsebenen steht, die du schlaglichttechnisch und zugleich wortgewandt inszeniert hast. Du bist ein guter Beobachter, ein empathischer und kluger Mensch, das steht außer Frage aber ich fühle mich leicht unwohl, denn das Lobeskleid will mir nicht passen, denn nur Unmut und Groll über den kognitiven Virus, dem wir anheim gefallen sind, ließen diese Zeilen entstehen. Eine bare Erkenntnis, in Schlichtheit fast unanständig, war der Impulsgeber, dass wir da nicht mehr rauskommen aus dieser Malaise. Unser toxisches Dasein mag ein Feldversuch sein, inwieweit wir in der Lage sind uns anzupassen, ähnlich einer Rattenzählung nach unterschiedlicher Vernichtungsdichte. Ich fürchte jedoch, dass wir reproduktionstechnisch zu langsam sind, um das Endergebnis ausreichend zu dokumentieren. Dank für Zeit und Gedanken. Gruß vom Hans
"Lyrik braucht Straßendreck unter den Fingernägeln" (Thomas Kling)

Sufnus

Re: Täglich Gift
« Antwort #3 am: Februar 23, 2020, 16:58:15 »
Lieber Hans,
vielen Dank für Deine überaus freundliche Einschätzung und vor allem Deinen Hinweis, dass das Lobeskleid noch einmal zu Maßschneider muss, weil es leider zwickt! Ich arbeite dran! :) Auch Deine pessimistische Einschätzung zur menschlichen Malaise - diesen Begriff von Dir greife ich sehr gerne auf! - ist leider äußerst bedenkenswert.
Liebe Grüße,
S.