Autor Thema: So lernt ich traurig den Verzicht  (Gelesen 2012 mal)

Sufnus

So lernt ich traurig den Verzicht
« am: M?RZ 09, 2020, 12:06:52 »
So lernt ich traurig den Verzicht

Die Alten buchstabierten die Gefahr
und schufen unsre Welt aus den Verboten.
"Du sollst nicht" wuchs sich aus zum Grimoire,
Tabus zum Pferch gezäunt von Sprachzeloten.

Am Anfang ist das Wort und auch am Ende
und fängt uns den Verstand verlässlich ein,
aus der Verneinung baut die Sprache Wände,
darin darfst Du, mein Kindlein, sicher sein.

So ist der Sprachraum Spielfeld der Gedanken,
und was dahinter auch am Dasein webt,
verweist der Geist dreist in die stummen Schranken,
dieweil er sich die Labergrube gräbt.




Eisenvorhang

  • Gast
Re: So lernt ich traurig den Verzicht
« Antwort #1 am: M?RZ 09, 2020, 16:44:13 »
"Du sollst nicht" provoziert "Du sollst".
Sünde wird oft aus Verboten resultieren.
Die Frage ist inwiefern es Sprachsünden gibt ;)

Komplexes Gedicht, lässt sich vielschichtig deuten, sowas mag ich.

Aussagen wie "Am Anfang ist das Wort und auch am Ende". Hier gehts auch um Daseinsberechtigung von Schrift.
Sprache ist Unendlichkeit, ein Kreis.

Verneinung auf welche Frage? Baut die Sache auch Wände bei Bejahung? Ich denke, Wände existieren in beide Richtungen respektive in alle Richtungen.
Der destruktive Zweifel, der alle zwickt.

Was ich nicht in Tiefe verstehe, ist: "verweist der Geist dreist in die stummen Schranken,"

Wieso sollte das der Geist tun? Meinst du damit den individuellen Geist oder den Geist der Geistlichkeit?

Mir fällt auf, dass ich immer mehr Fragen habe. :D  :)

vlg

EV

PS: Das Werk ist grandios!

« Letzte Änderung: M?RZ 09, 2020, 17:30:22 von Eisenvorhang »

Sufnus

Re: So lernt ich traurig den Verzicht
« Antwort #2 am: M?RZ 09, 2020, 20:28:42 »
Du lobst mich zu sehr, lieber EV... tut gut...  ;D
Das Gedicht ist - um mal den ernüchternden Blick hinter die Kulissen zu werfen - aus dem Wunsch entstanden, etwas auf das Wort Grimoire zu reimen... aus dem Reimpaar Gefahr - Grimoire hat sich dann das Gedicht manifestiert und dieses Mal ist es eins von der Ad hoc-Sorte, also ohne jahrelanges Feilen... das kommt dann ab jetzt... reden wir also in 10 Jahren nochmal drüber ;)
Der Titel ist eine Anspielung auf ein Gedicht von Stefan George über die Einschränkungen, die die Sprache dem Denken auferlegt: "Kein Ding sei, wo das Wort gebricht".
George behauptet hier, dass nicht etwa unser Denken die Grenzen der Sprache definiert, wir also kein Wort für etwas erfinden können, das unsere Vorstellungskraft sprengt, sondern dass umgekehrt unsere Sprache dem Denken ein Limit setzt, wir also nur auf den Bahnen denken können, die uns die Sprache (wo kommt die dann wohl her) vorgibt.
Das ist natürlich irgendwie ein etwas theoretisierendes Henne-Ei-Fragespiel, aber wir können zumindest aus den Grenzen unserer Sprache etwas über die Grenzen des Denkens lernen.
Lyrik (und überhaupt anspruchsvolle Literatur) ist dabei immer der Versuch, durch eine neue Sprache, die Möglichkeiten unseres Denkens zu erweitern (oder umgekehrt).
Ich würde das Gedicht aber nicht auf diese Deutungsebene einengen. Du hast auf die Geistlichkeit hingewiesen, die im Geist stecken könnte (nicht notwendigerweise muss) und die ersten zwei Strophen spielen ja stark in die religiöse Richtung. Gerade in den Schriftreligionen wird ja sehr stark mit Sprache operiert und es geht hier natürlich auch um Grenzziehung... wäre also auch ein Deutungsansatz...
LG!
S.

Eisenvorhang

  • Gast
Re: So lernt ich traurig den Verzicht
« Antwort #3 am: M?RZ 09, 2020, 21:10:32 »
Wieso zu sehr loben? :D Wenn mir etwas nicht gefiele oder ich etwas aus meiner Sicht zu bemängeln hätte, würde ich das Verkundgeben.  ;D
Aber nein, ist astrein: Zu Deiner letzten Antwort, Folgendes...

Ich wusste nicht, dass du auf ein anderes Gedicht abzieltest, hier fehlte es mir an Bildung. Natürlich habe ich sofort google benutzt und stieß erstmal auf eine Heidegger-PDF. Die muss ich erstmal durchwühlen und verinnerlichen.

Wir können Worte schaffen, was sich in unserer Vorstellung abstrakt zusammenreimen lässt. Sprich: Es gibt dann die passenden Wörter, wenn der Zusammenhang einer Struktur erklärbar gemacht wurde. Sprache ist für mich wie Hilberts-Hotel.

Das Gedicht gibt an Deutung tonnenweise her, aber auch verlangt und fordert es ein bestimmtes Ufer, nämlich Sachverstand und Bildung. Das tun aber alle Deine Gedichte. Um darauf reagieren zu können bedarf es ein ähnliches oder gleiches Ufer.
Davon ab: Gibt das Gedicht aber auch für Unwissende wie mich eine Menge her; es provoziert eigenes Gedankengut.
Folgende Frage stelle ich mir jetzt... Besitzt ein Gedicht auch eine nonverbale Sprache? Kommunikation durch Form, ja - aber das meine ich nicht.

;)

vlg

EV
« Letzte Änderung: M?RZ 09, 2020, 21:24:19 von Eisenvorhang »