Autor Thema: Der Cordhosenbesitzer  (Gelesen 80 mal)

hans beislschmidt

Der Cordhosenbesitzer
« am: Juni 22, 2020, 09:03:19 »
Der Cordhosenbesitzer

Ich/du/wir kennen diesen Mann, der ohne seinen Senf nicht kann - über alles, über jeden kann er sich erheben, denn er ist belesen und mal irgendwas gewesen, erteilt den Besserwisser-Rat, denn schließlich war er lang beim Staat - in seinem Schrank und das ist krank, hängen 15 Hosen, allesamt aus Cord, auch karierte Hemden sind an Bord und vorm Haus, da parkt ein Ford - muffige Gerüche aus der Einbauküche, denn kochen mag er nicht für sich allein, denn er geht ins Gasthaus Klein, weil dort bedient Milai, diese hübsche Thai und daheim träumt er in Katalogen aus Fernost, wo man die jungen Dinger auch verlost, was ihn sehr erbost, denn er hat noch nie gewonnen, wenn auch oft davon gesponnen, dass sie kommt als Frachtpaket auf dem dann steht ... welcome me, ich heiße Li und bin der große Preis und wer weiß, vielleicht bin ich dein Glück, falls nicht, schick mich zurück ...

tja, mit dem ist nicht zu spaßen, wobei er in Maßen singt, was fast wie Käßmanns Bibelstunde klingt ...

auch weil er jeden Kraftaufwand vermeidet, was die Geister scheidet, von denen, die sich bücken und sich nicht vor Arbeit drücken, die brav die Steuern löhnen, um die Geschäftemacher zu verwöhnen, die nur mit Papierchen rascheln und den großen Rest verarschen, die auch so gerne Männchen machen und in Sachen Widerstand nur lachen, so ungeübt und tumb, dass sie jedem Lump noch Stöckchen holen, anstatt dem Pack den Arsch zu versohlen ...

diese Cordhosenträger sind die wahren Übeltäter, ihr Vergehen ist nur das Wegsehen, das Runterducken und auf andere spucken, die es nicht so kuschelig haben aber ihr falsches Mitgefühl ist erkannt, wenn sie so penetrant in Büchereien, Bus und Bahn, wo ihr Nörgelwahn wie Magensäure aufstößt und den Dreck entblößt ...

eine Hälfte schafft fürn Staat, die andere lebt von ihm ... is halt so.

KL Slam Texte
« Letzte Änderung: Juni 22, 2020, 13:34:45 von hans beislschmidt »
"Wir sind mehr" Hilfe für den aussterbenden Konjunktiv.
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"Lyrik braucht Straßendreck unter den Fingernägeln" (Thomas Kling)

Erich Kykal

Re: Der Cordhosenbesitzer
« Antwort #1 am: Juni 22, 2020, 11:05:05 »
Hi Hans!

Es muss heißen: "wo man die jungen Dinger auch verlost,"

Und: "wobei er in Maßen singt,"

"tumb"


Ein wenig klischeehaft. Ich bin sicher, dass irgendwo genau so ein Exemplar rumläuft, aber ebenso sicher, dass es jede Menge Leute solcher Denkungsart gibt, die nie beim Staat waren, keine blutjungen Thailänderinnen bevorzugen, einen Ford fahren oder Cordhosen tragen, um nur einige Beispiele zu nennen.
Ich finde deinen "Typen" allzu genau beschrieben, was den irrigen Umkehrschluss nahelegt, dass alle und nur die Leute, die sich genauso kleiden und genauso leben, so
denken könnten.

Ich finde mich zB selbst teilweise ganz gut durch diesen Text beschrieben - aber ich trage kein Cord, fahre keinen Ford, gehe kaum je auswärts essen, spucke nie auf andere runter, beteilige mich nicht an Verlosungen und verwende fast nie öffentliche Verkehrsmittel.  ;)

Zwischen "brav die Steuern löhnen" und "Arsch versohlen" treibt der Text leider ab in duffuse Rundumschläge gegen eine schwammige Definition von Bürgertum, die als endlose Aneinanderreihung von beschreibenden Gliedsätzen auch recht mühselig zu lesen ist - dort verliert man leicht den Bezug.


LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

hans beislschmidt

Re: Der Cordhosenbesitzer
« Antwort #2 am: Juni 22, 2020, 13:36:10 »
Hi Erich,
Danke für die Rechtschreibhinweise, wird gleich abgeändert. Manchmal führt mein Samsung auch ein widerspenstiges Eigenleben.

Ja, der Text ist böse, pauschalisierend und stellenweise diffus. Hast du alles richtig benannt, außer dass er durch seine Übertreibung auch eine Komik hat (für mich jedenfalls) und einem losen Reimschema folgt. Ich hatte einen Bekannten im Blick, nein du nicht - du fährst ja Range Rover hehe ...

Es geht auch um den Umstand, dass die Gilde der "Versorgten" in ihrer Blase leben und sich nicht vorstellen können, wie es den Menschen geht, die im Existenzkampf fighten müssen. Dieses Mißverhältnis braucht die groteske Übertreibung.
Danke für's Lesen und Kommentieren.
Gruß vom Hans

Edit... hab's mir noch mal durchgelesen. Stimmt, der letzte Teil verwässert zu viel. Die Figur wäre authentischer, wenn der Text nahe an der Person bleiben würde... ich muss den Text nochmal überarbeiten.
« Letzte Änderung: Juni 22, 2020, 14:43:45 von hans beislschmidt »
"Wir sind mehr" Hilfe für den aussterbenden Konjunktiv.
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"Lyrik braucht Straßendreck unter den Fingernägeln" (Thomas Kling)

Agneta

Re: Der Cordhosenbesitzer
« Antwort #3 am: Juli 26, 2020, 09:22:26 »
ích stimme Dir zu  Hans, da auch mein neuer PC ein Eigenleben führt. Ich schicke es richtig ab und es kommt mit Tippfehlern an. :-\ ;D
Auch Erich stimme ich zu. Die Thai hätte es nicht gebraucht, es scheint mir anhand oberflächlicher Charakeristika doch eher auf eine bestimmte Person aus deinem Umfel gemünzt zu sein.
Die Cordhose würde doch eher für den Biedermann stehen, der auch bei einer Bank arbeiten könnte. Passt irgendwie nicht zum Nichtarbeitenden.
Die Reime und ein gewisser Witz reißen es irgendwie raus, aber es bleibt mir zu flüchtig...
LG von Agneta