Autor Thema: Der junge Jean Paul  (Gelesen 824 mal)

Rocco

Der junge Jean Paul
« am: Februar 08, 2021, 11:07:15 »
Als Student besuchte Jean Paul (1763 bis 1825) Vorlesungen selten. Obwohl er doch Theologe werden wollte.

Lieber saß er im Wirtshaus und dichtete Satiren, im Stile Jonathan Swifts (1667 bis 1745), weshalb manche Kollegen über ihn witzelten:

"Der Johann studiert Satire und dichtet Theologie."



Über Jean Paul (1763 bis 1825) - der in Wirtshäusern sehr gerne dichtete, hatte Goethe (1749 bis 1832) eine wohlmeinende Ansicht.

"Seine Gewohnheit erklärt, warum seine Romane Nüchternen auf den Magen schlägt und mir gefallen."



"Ja, du hast Talent!", sagte ein Freund zu Evel Knievel (1938 bis 2007).

"Was redest du? Meine Stunts haben mir fast alle meine Knochen gebrochen."

"Du bist ein guter Stuntman, Evel. Nur willst du unbedingt ein großer werden."



Einer hatte sich verraten, das war kaum mit bloßem Auge zu sehen, aber Mark war Mark. Seine Bilder entstiegen bewaffnet Tausenden Spiegeln.



"Ich dachte, Eintagsfliegen leben immer nur einen Tag lang?" Herr Meier ließ die eingerollte Zeitung sinken.

Die Eintagsfliege, auf dem Küchentisch, strich nachdenklich über ihren weißen Bart (sie hatte schon Herrn Meiers Vater gekannt) und sagte philosophisch:

"So wie ihr zu wissen glaubtet, dass ihr nicht fliegen könnt..."



"Er lief ins nächste Musikgeschäft, weil er eine E-Gitarre wollte: der junge und dynamische und teuflisch gut aussehende Wolf."

"Gar nicht wahr, Großvater. Der Wolf hat dem Rotkäppchen im Wald aufgelauert."

"Stimmt. Und er sagte ihr: Ich bin ein Rockstar mit eigener Band."

"Im Lebtag nicht! Er wollte wissen, wo sie lang will."

"Genau. Denn für seine Band THE WOLVES OF ROCK 'N ROLL suchte er eine Sängerin. Rotkäppchen war bis in die Haarspitzen begeistert..."

"… denn sie war mit Wein und Kuchen auf dem Weg zur Großmutter..."

"... fragen, ob die zum nächsten Konzert der WOLVES mitkommen wolle."

"Ach Großvater, erzähl nicht falsch. Das Rotkäppchen lief zur Großmutter, wo der Wolf wartete. Und er fraß sie auch, wie zuvor schon die Großmutter. Dann schlief er ein und der Jäger kam..."

"... einer der ältesten Wolves-Fans, der ein Autogramm seines Idols wollte: Jimmy Hendrix Wolf!"

"Blödsinn! Alles nur Mist! Der Jäger hat gesehen, was das Monster getan hatte. Da tat er das einzig Richtige: Er nahm sein Messer, riss ihm den Bauch auf, so dass die Großmutter und Rotkäppchen fliehen konnten und dann hat er es diesem Teufel von Wolf richtig gegeben: Riss ihm seine Gedärme raus und stopfte sie ihm in die verdammte..."

"Junge!"

"Was? Soll man mit einem Monster Mitleid haben? Außerdem ist es toll, jemanden zu zertreten, zu zerhacken, zu erschießen - Pengpengpeng!"



Mein Vater war ein unheimlicher Mensch. Ich weiß noch, wie ich mit sieben einen Turm, aus Holzbausteinen, gebaut habe. Der sollte biiiis zur Decke reichen. Ich war, selbstverständlich, der genialste Baumeister auf Erden. Leider war die Schwerkraft nicht ganz meiner Ansicht. So krachte Meisterwerk um Meisterwerk in sich zusammen.

Eines Tages, die Schwerkraft hatte mir wieder einen Streich gespielt, stampft er über den Linoleumboden unsres Flurs. Ein Nilpferd ist null! Und seine Stimme donnert: "Treibst du wieder Unsinn?"

"Uiuiuiui!", denke ich mir und will mich gerade verstecken, aber da ist er schon im Zimmer. Und er steht vor mir und... sagt: "Kannst du denn nicht warten?"

Noch unheimlicher war aber Mutter. Vater übertrieb und mit mir begann sie Streit.



"O mein Gott - der Teufel steckt sowas von im Detail!"

"Schatz, ich behaupte ja nicht, dass du zwei linke Hände hast, aber wir könnten
längst zu Mittag gegessen haben, wenn du mich den Klempner rufen liessest.

"Wovon redest du? Ich kann sehr wohl ein verstopftes Abflussrohr reparieren."

"Hast du auch heute Morgen..."

"Ja, aber da wusste ich nicht, dass der Teufel..."

"Jaja - immer der Teufel..."

"Aber sieh doch: Er hockt im Abflussrohr und winkt."



Kaum hatte er gesagt: "Wie hass ich...", flog das Nudelholz seiner Großmutter. Er konnte sich knapp weg ducken.

"Behandle mich nicht wie ein Kind!"

Sie trat ins Wohnzimmer: "Wenn du fertig gesaugt hast, ist der Abwasch dran!"

Er blieb mit erhobenem Kopf stehen.

"Sei froh, dass ich dir nicht dein Fell abziehe und dich am Spieß grille", sagte sie.

Da packte er den Staubsauger und schmiss ihn raus, dass Scheiben klirrten. "Wenn ich wollte...", er ballte die Fäuste.

Sie hob das Nudelholz auf. "Ach so - und wer macht deine Wäsche und Essen?"

Einige Seelen des Ortes sammelten sich am Fenster. Ihre Blicke und ihr Tuscheln trafen ihn wie Kreuzigungsnägel. Tränen der Wut kullerten über seine Backen.

"Ewig dein Jammern...", sagte sie, hielt sich die Ohren zu und lief zurück in die Küche.

Das Gelächter am Fenster war jetzt kaum noch zu überhören.

"Das werdet ihr büßen!", sagte er.

"Aber wir...", sagte einer.

"An dem Ort hier, muss man nichts, rein gar nichts, getan haben. Denn sonst", er musste bitter lachen, "wärs der Himmel."



Die Berge spuckten Lava in ein schwarzes Loch, das ein Meer gewesen war. Johannes dachte: "Was für eine Welt." Da ertönten erneut Sirenen.
"Erst in Rage werde ich grob -
aber gelte als der Hitzkopf?!"

Yusuf Ben Goldstein, aus Rocco Mondrians Komödie: Yusuf Ben Goldstein, ein aufrechter Deutscher

Erich Kykal

Re: Der junge Jean Paul
« Antwort #1 am: Februar 08, 2021, 11:34:41 »
Hi Rocco!

Eine nette Sammlung skurriler Geschichtlein mit philosophischem Hintergrund und Augenzwinkern - aber auch mit einem gerüttelt Maß Zynismus und Fatalismus für die dunklen Seiten der menschlichen Natur.
Allerdings unzusammenhängend, und was sie insgesamt mit dem Titel zu tun haben, außer dass es in den ersten beiden "Kapiteln" um eine Person dieses Namens geht, entzieht sich mir. Da wäre mir ein umfassenderer und erklärender Titel lieber gewesen.

Am nachdenklichsten gestimmt hat mich der Abschnitt mit Rotkäppchen: Der Opa will dem Kind Phantasie und Kreativität nahebringen, aber dem Fratzen geht es nur um die sture Konformität der immer gleich zu sein habenden Geschichte und die gewaltverherrlichenden Szenen. Verrohung oder kindliche Naivität?
Dazu muss man wissen, warum die Geschichten für kleinere Kinder immer gleich sein MÜSSEN - die Kinder lernen den Text quasi auswendig und korrigieren sofort tadelnd, wenn man etwas ändert. Das kommt daher, dass sie Sicherheit in der Konformität finden: die Gewissheit, dass etwas kontrollierbar ist, verlässlich immer gleich bleibt, dem wirren, ihnen noch weitgehend unverständlichen und beängstigenden Universum ein stückweit Ordnung und Verlässlichkeit abringt. Und die Geschichten sind moralischer und soziokultureller Kompass und Wegweiser, der ihnen zeigt, wie man in der jeweiligen Gesellschaft "richtig" funktioniert.
Gesetzestexte ändert man ja auch nicht nach Gusto - und für die Heranwachsenden sind Märchen wie Gesetzbücher und Regelwerke für das korrekte Erwachsenwerden.

Man sollte also wirklich GUT überlegen, welche Version vom Wolf man ihnen als allererste erzählt, wenn man positiv beeinflussen will, wie die eigenen Kinder später mal ihre Welt sehen und gestalten!  ;)

Gern gelesen!

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Rocco

Re: Der junge Jean Paul
« Antwort #2 am: Februar 11, 2021, 15:54:15 »
Hallo Erich,

leider bin ich kein systematisch denkender Mensch. Sufnus hat, bei meinen Sprüchen angemerkt, dass sie ungeordnet sind. Mit den kurzen Geschichten ist es ähnlich. Das kommt daher, dass ich schreibe, was mir spontan einfällt. Dahinter steckt kein System und kein übergeordneter Gedanke.

Im Grunde soll jeder Text für sich selbst stehen. Das ist auch der Grund, warum alle Geschichten in sich geschlossen sind. Alles, was man zum Verständnis braucht, steht im Text.

So ist auch zu erklären, warum die Überschrift nicht passt. Ich hätte sie besser nur: kurze Geschichten genannt. Das werde ich bei den nächsten machen. Sie heißen: kurze Geschichten 1, kurze Geschichten 2 usw. Klingt einfallslos, aber alles andere ist verwirrend.

Ob, und wie, ich die Geschichten/ Sprüche ordne, weiß ich nicht. Da fehlt mir noch jede Idee. Ich mute meinen Lesern (zu) viel zu. Kann es aber, noch nicht, besser lösen.

Danke für deine Einschätzung und dein Lob.

Rocco
"Erst in Rage werde ich grob -
aber gelte als der Hitzkopf?!"

Yusuf Ben Goldstein, aus Rocco Mondrians Komödie: Yusuf Ben Goldstein, ein aufrechter Deutscher