Ich bin kein Ossi aber das ist nachvollziehbar
𝗚𝗘𝗛𝗧 𝗗𝗢𝗖𝗛 𝗡𝗔𝗖𝗛 𝗥𝗨𝗦𝗦𝗟𝗔𝗡𝗗 𝗢𝗗𝗘𝗥 𝗡𝗢𝗥𝗗𝗞𝗢𝗥𝗘𝗔! 🤡
Diesen hochgebildeten Satz liest man täglich unter unseren Beiträgen. Mehr ist bei manchen offenbar nicht mehr vorhanden. Der politische Erdkundeunterricht endet bei Russland und Nordkorea, danach kommt nur noch weißes Papier.
Sobald jemand schreibt, dass er gern in der DDR gelebt hat oder gute Erinnerungen an diese Zeit besitzt, beginnt bei einigen unserer netten Mitbürger aus den alten Bundesländern sofort der innere Ausnahmezustand.
Das darf nicht sein!
Ein Ostdeutscher erinnert sich gern an seine Kindheit? Schnell die Tastatur holen, eine Beruhigungstablette einwerfen und darunter schreiben: „Dann geh doch nach Russland!“
Wer noch zwei Gehirnzellen in Reserve hat, ergänzt Nordkorea. Damit wäre das gesamte politische und geografische Wissen dann auch schon aufgebraucht.
Denn selbstverständlich kann niemand gern in der DDR gelebt haben. Wir müssen alle rund um die Uhr unglücklich gewesen sein, jeden Morgen verzweifelt aufgestanden sein und uns gefragt haben, wie wir diesen schrecklichen Tag mit bezahlbaren Mieten, einem sicheren Arbeitsplatz, kostenloser Bildung, Kinderbetreuung und einem funktionierenden Gesundheitssystem nur überstehen sollen.
Wer sich heute positiv an irgendetwas aus der DDR erinnert, möchte natürlich sofort die Mauer wieder aufbauen, das Westfernsehen abschalten und morgens um sechs mit der Kalaschnikow zum Fahnenappell antreten.
So einfach funktioniert Geschichte im Kopf mancher Kommentatoren. Mehr passt dort offenbar nicht hinein, weil der Speicherplatz bereits von RTL, Bild-Zeitung und dreißig Jahren betreutem Denken belegt ist.
Besonders laut poltern dabei nicht selten Menschen, deren eigener Lebenslauf ungefähr so erfolgreich verlief wie der Bau des Berliner Flughafens. Selbst finanziell nie auf einen grünen Zweig gekommen, vielleicht seit Jahren Stütze und möglicherweise schon in zweiter oder dritter Generation vom Staat versorgt, aber anderen erklären, in welchem Land sie gefälligst zu leben haben.
Das Selbstbewusstsein wächst bei manchen Menschen offenbar zuverlässig mit der Entfernung zur eigenen Leistung.
Und Russland?
Was genau spricht eigentlich grundsätzlich dagegen, Russland zu besuchen oder dort zu leben? Russland ist ein riesiges Land mit Millionen ganz normalen Menschen. Es ist nicht Nordkorea und auch nicht der persönlich von deutschen Nachrichtensprechern erschaffene Vorhof der Hölle.
Ja, Russland ist im Februar 2022 militärisch in die Ukraine einmarschiert. Aber dieser Konflikt ist nicht am Morgen des 24. Februar plötzlich vom Himmel gefallen, weil Putin schlecht geschlafen hatte und spontan Lust auf Krieg bekam.
Davor lagen jahrelange Kämpfe im Donbass, tote Zivilisten, gebrochene Vereinbarungen von Minsk, die NATO-Frage, westliche Einflussnahme und eine ukrainische Regierung, die nun wirklich nicht als leuchtendes Vorbild für Korruptionsfreiheit, Demokratie und Menschenrechte bekannt war.
Darüber darf man offenbar nicht sprechen. Die Geschichte beginnt nach offizieller deutscher Lesart exakt an dem Tag, an dem Russland einmarschierte. Alles davor wird gelöscht, denn Zusammenhänge könnten den Bürger am Ende noch dazu bringen, selbst nachzudenken.
Der Begriff „Angriffskrieg“ wird deshalb inzwischen wie ein politisches Weihwasser verspritzt. Einmal darübergegossen, sind sämtliche Fragen beantwortet. Wer trotzdem nach Ursachen, Vorgeschichte oder deutschen Interessen fragt, ist automatisch Putin-Versteher, Kremltroll oder wahrscheinlich persönlich mit einem russischen Panzer nach Berlin gefahren.
Gleichzeitig wird uns die Ukraine als freundliches, soziales, demokratisches und nahezu korruptionsfreies Musterland verkauft, das nur zufällig seit vielen Jahren regelmäßig auf den hinteren Plätzen internationaler Korruptionsranglisten auftaucht.
Aber natürlich. Dort wurde vermutlich nur so viel gestohlen, weil die Schränke zu klein waren.
Seit 2022 wurden in Deutschland insgesamt mehr als 1,6 Millionen Menschen aus der Ukraine registriert. Rund 1,2 Millionen Ukrainer.
Hunderttausende bekamen also Wohnung, Krankenversicherung, Heizkosten und den Lebensunterhalt bezahlt, während deutschen Rentnern erklärt wurde, sie sollten beim Heizen sparen, im Winter einen Pullover mehr anziehen und sich über zwölf Euro Rentenerhöhung gefälligst dankbar zeigen.
Und ja, einige Menschen aus der Ukraine sind tatsächlich vor dem Krieg geflohen. Andere haben schlicht die Gelegenheit genutzt, ein Land zu verlassen, in dem sie schon vor dem Krieg keine vernünftige Zukunft mehr sahen. Wieder andere pendelten zwischen Deutschland und der Ukraine oder reisten weiter.
Das alles darf man benennen, ohne jeden Ukrainer über einen Kamm zu scheren. Aber genauso wenig muss man so tun, als wären ausnahmslos 1,6 Millionen schwer traumatisierte Menschen direkt aus einem brennenden Schützengraben nach Deutschland getragen worden.
Besonders interessant wird es, wenn unter solchen Beiträgen Menschen mit einer Ukraineflagge im Profilbild erklären, wie schlimm Nationalismus ist. Die eigene Flagge ist natürlich ein Zeichen von Menschlichkeit. Wer sich an die DDR erinnert oder eine andere Meinung über Russland hat, ist dagegen sofort ein gefährlicher Nationalist.
Diese Logik muss man erst einmal schaffen. Vermutlich gibt es dafür inzwischen staatlich geförderte Aufbaukurse.
Und nun zurück zu unserer DDR.
Ja, es gibt Millionen Menschen aus den sogenannten neuen Bundesländern, die gern in der DDR gelebt haben. Nicht, weil dort alles perfekt war. Nicht, weil niemand Fehler gemacht hat. Und auch nicht, weil jeder politische Entscheidungen kritiklos gefeiert hätte.
Sie lebten dort gern, weil es ihr Zuhause war.
Dort standen ihre Elternhäuser, dort gingen sie zur Schule, dort wurden ihre Kinder geboren, dort hatten sie ihre Freunde, ihre Arbeit und ihr ganz normales Leben. Dieses Leben bestand nicht nur aus Stasi, Mauer und angeblich leeren Regalen, auch wenn manche Westdeutsche seit 35 Jahren nichts anderes darüber gelernt haben.
Die letzte Volkskammerwahl wurde anschließend zum Freibrief für den schnellstmöglichen Beitritt zur Bundesrepublik erklärt. Danach wurden Betriebe geschlossen, Vermögen verteilt, Grundstücke verkauft, Arbeitsplätze vernichtet und ganze Lebensleistungen für wertlos erklärt.
Natürlich hat sich dabei niemand aus dem Westen bereichert.
Die Unternehmen kamen ausschließlich aus christlicher Nächstenliebe. Sie kauften Betriebe, Grundstücke, Maschinen, Marken und Absatzmärkte nur deshalb, weil sie uns Ostdeutsche so lieb hatten. Dass sie dabei manchmal unsere Geldbörse mitnahmen, war sicherlich ein bedauerliches Versehen.
Viele Ostdeutsche fühlten sich belogen, überrollt und hinters Licht geführt. Erst versprach man blühende Landschaften, dann blühten vor allem die Gewinne westdeutscher Unternehmen und die Arbeitsämter in den neuen Bundesländern.
Wer das heute anspricht, soll nach Russland gehen.
Wer sich an die soziale Sicherheit der DDR erinnert, soll nach Nordkorea gehen.
Wer bezahlbare Wohnungen, sichere Arbeitsplätze und kostenlose Bildung gut fand, ist ein Diktaturfreund.
Wer dagegen Waffenlieferungen, Milliardenhilfen, steigende Mieten und immer höhere Sozialabgaben beklatscht, steht selbstverständlich fest auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.
So, liebe Bundesbürger, besonders diejenigen mit Ukraineflagge im Profilbild: Jetzt dürft ihr euch wieder richtig austoben.
Schreibt „Dann geh doch nach Russland!“, „Zieh nach Nordkorea!“ oder überrascht uns zur Abwechslung einmal mit einem dritten Land. Vielleicht Kuba. Dann wissen wir wenigstens, dass der Atlas etwas weiter als bis Seite zwölf gelesen wurde.