Autor Thema: Dunkle Erinnerungen  (Gelesen 3103 mal)

Erich Kykal

Dunkle Erinnerungen
« am: Dezember 28, 2012, 14:23:11 »
Wir lachen laut, um manches zu verbergen,
das an uns gräbt, wenn wir alleine sind
mit des Erinnerns ungeliebten Schergen,
genannt Gewissen, Reue und auch Scham,
und wirken hilflos wie dereinst als Kind,
wenn uns ein tiefes Wehtun überkam.

Wir drehen uns, wie in uns selbst gefangen,
nur immer ruhelos im gleichen Gleis,
aus dem wir lebenslänglich nicht gelangen,
gewachsen an der Schuld, doch unvergeben
vom eignen Selbst, das gleich der Hölle Kreis
uns grausam bindet, wo wir einsam leben.

Sind wir nicht andre lang, da wir doch lernten
aus allem Übel, das wir einst getan?
Aus nicht vergessenen, doch weit entfernten
Gefäßen alten Schmerzes tropft ein Schämen
in wunde Glut und facht sie tosend an,
uns Zuversicht und allen Mut zu lähmen.

Doch nur, wenn wir die Schatten auch umarmen,
die uns zu jenen machten, die wir sind,
wenn wir Vergebung finden und Erbarmen
auch vor uns selber, die wir menschlich fehlen,
kann endlich sein, dass all das Blut gerinnt,
und Wunden heilen, statt uns nur zu quälen.
« Letzte Änderung: April 04, 2026, 20:18:58 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re:Dunkle Erinnerungen
« Antwort #1 am: Dezember 28, 2012, 18:42:33 »
Mir mit Deinen wundervollen Worten aus dem Herzen geschrieben!
Könnte doch die letzte Strophe wahr werden....



für
cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re:Dunkle Erinnerungen
« Antwort #2 am: Dezember 28, 2012, 19:25:18 »
Könnte doch die letzte Strophe wahr werden....für cyparis

Das liegt allein bei dir, liebe Cypi! Ich schrieb dies dir zum Troste und zu wohlwollendem Bedenken und hoffte, nicht zu dick aufgetragen zu haben - bei solchen Empfindlichkeiten muss man sehr behutsam sein. Aber deine schmerzlichen Zeilen letzthin haben mich angeschrien und bewogen, meine Gedanken dazu niederzulegen, auf dass sie dir Trost spenden mögen. Letztlich entscheidest du immer selbst, wie lange und wie schrecklich du büßen musst, um dir selbst vergeben zu dürfen. Nimm die Erfahrung, um ein anderer zu werden - und entwachse diesem Schmerz.

LG, eKy
« Letzte Änderung: Juni 19, 2016, 21:55:14 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re:Dunkle Erinnerungen
« Antwort #3 am: Dezember 28, 2012, 20:17:34 »
Lieber Erich,


ich versuche, zu verdrängen.
Aber zu Tode geschundene Tiere können nicht vergeben.
Wie könnte ich das, obwohl ich "nur" Zuschauer war?

Ganz lieben Nachtgruß
von
cyparis!
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re:Dunkle Erinnerungen
« Antwort #4 am: Dezember 29, 2012, 00:02:30 »
Hättest du vorher gewusst, was geschehen würde, und dich dennoch hingestellt, um zuzusehen, dann hättest du Anlass, dich zu schämen.

Ich weiß natürlich nichts über deine Motive, aber ich denke nicht, dass du der Mensch bist, der so handelt.

Wenn du aber nur Zuschauer in einer Situation warst, die ohne dein direktes Zutun eskalierte, kannst du dir bestenfalls zum Vorwurf machen, dass du nicht den Mut hattest zu intervenieren. Und sein wir mal ehrlich: Wer schon hätte diesen selbstmörderischen Mut, sich einem wütenden Mob zu stellen, der jenseits aller Zugänglichkeit zu Vernunft und Mitmenschlichkeit agiert? Da wären wir wohl alle lieber "feig" gewesen - so schwer es auch sein mag, sich dies einzugestehen!

Warum muss es nur so sein, dass die Guten, denen derlei widerfährt, sich dafür innerlich zerfleischen, während die wahren Täter keinen tieferen Gedanken an ihr unseliges, tierhaftes Tun verschwenden - oder, oberflächlich, primitiv und dumm, wie sie sind, sogar noch Stolz daraus zu ziehen wagen!!?

Nun, wie gesagt, ich weiß nicht, was da tatsächlich geschah, deshalb bleiben solche Gedankenspiele natürlich stets mit Vorsicht zu genießen. Aber vielleicht helfen sie, dir zumindest einen Teil dieser Last zu nehmen. Ich hoffe es!

Und nun will ich nicht weiter daran rühren.

LG, eKy
« Letzte Änderung: Dezember 29, 2012, 00:05:21 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.