Autor Thema: Traum  (Gelesen 2258 mal)

gummibaum

Traum
« am: September 17, 2023, 02:39:25 »
Es klopft des Nachts an unsrer Tür,
hat Licht im Treppenhaus.
Ich lieg im Kinderbett und spür,
sie kommen, es ist aus.

Ich schleich mich durch den Flur gebückt
und sehe sie sofort. 
Die Tür ist nämlich eingedrückt,   
die Eisenkette fort. 

Gleich ruf ich nach der Mutter schrill,
die bald im Hemd erscheint,
und als es heißt, dass man mich will,
nur nickt und leise weint.

Ich spüre nicht, was sie mir tun,
weil ich zu traurig bin,
nur eines: wenn ich sterbe nun,
erfüllt sich noch ein Sinn …
« Letzte Änderung: September 17, 2023, 09:17:39 von gummibaum »

Sufnus

Re: Traum
« Antwort #1 am: September 17, 2023, 11:36:40 »
Hey gum!
Das ist überaus beklemmend... ich muss an Theodor Kramers Gedicht "Wer läutet draußen an der Tür?" denken (google findbar), eine ebenso beklemmende lyrische Beschreibung aus dunklen Nazi-Tagen, gerade aus der Zeit der anbrechenden Verdüsterung nach der Machtübernahme in Österreich.
Da Du das Lied als Traum (als Alptraum) einordnest und einem Kind in den Mund liegst, ist in Deinem Fall vermutlich nicht primär ein allgemein politischer oder sozialer Aspekt gemeint, vielmehr beschreiben die Zeilen die Zukunftsangst eines Kindes, welches glaubt (oder schlimmer noch: durch frühere Erfahrungen gelernt hat), dass auch die liebende Mutter das Kind nicht beschützen kann und wird, wenn das Schlimme geschieht.
Und wieder wirft mich das assoziative Gedächtnis in die Nazi-Zeit und ich muss an Elisabeth Langgässer denken, die ihre uneheliche Tochter Cordelia (aus der Verbindung mit dem jüdischstämmigen Hermann Heller) an die Nazischergen hergegeben hat - verzweifelt aber auch voller Sorge um ihre anderen Kinder, die sie so zu schützen hoffte. Cordelia hat das tausendjährige Reich in Auschwitz überlebt, ist nach Schweden und später Israel ausgewandert und die Zeit später in einem autobiographischen Werk, Gebranntes Kind sucht das Feuer, verarbeitet, welches aktuell in deutscher Übersetzung erschienen ist.
LG!
S.


gummibaum

Re: Traum
« Antwort #2 am: September 17, 2023, 12:48:50 »
Lieber Sufnus,

vielen Dank für deine von politischem Weit - und seelischen Tiefblick geleiteten Zeilen. Mich haben beim Schreiben beide Erfahrungen tangiert und ich habe sie einbezogen. Der ursprüngliche Titel war: "Es klopft ..."

Liebe Grüße von g


p.s.: Danke auch für die Hinweise auf Kramers Gedicht und Langgässers Tochter, Cordelia Edvardson, denen ich inzwischen mit Interesse nachgegangen bin. 

« Letzte Änderung: September 18, 2023, 10:44:34 von gummibaum »