Autor Thema: Opferlamm  (Gelesen 2365 mal)

Erich Kykal

Opferlamm
« am: Januar 30, 2013, 17:28:14 »
Der zage Gang gibt unschwer zu erkennen:
So wie ein menschenscheues, zartes Reh
wird er beim ersten Laut ins Dunkel rennen,
denn fremder Wille tut ihm schrecklich weh.

Brennt grellen Lichtern gleich in seinen Augen,
egal, wie tief er auch zu Boden sieht,
und was er sagen mag, es wird nicht taugen,
um zu verhindern, was ihm dann geschieht.

Den weichen Leib hinweggekrümmt vom harten,
verächtlich hämischen und kalten Lachen
hofft er vergeblich, dass die Blassen, Zarten
der Welt entgehen, wenn sie klein sich machen.

Und aufgespießt an tausend Geiferblicken
wie ein noch krabbeln wollendes Insekt
wird er zu allem, was sie denken, nicken -
der Stiefel wird nicht treten, den er leckt.

Was können so Gebeugte je erreichen,
die niemals offen sich zu wehren wagten?
Sie werden lautlos durch ein Leben schleichen,
in das sie niemals eigenmächtig ragten.

Sie werden von den Starken nicht geachtet,
man heißt sie Feigling, Wurmgemüt, Gelichter.
Nur mancher wird vom Leben nicht umnachtet,
und einer ist vielleicht sogar - ein Dichter...
« Letzte Änderung: Januar 30, 2013, 19:50:13 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re:Opferlamm
« Antwort #1 am: Januar 31, 2013, 12:15:12 »
Lieber Erich,


ein Gedicht mit so vielen Anspielungen, daß ich mich selbst wiederzuerkennen glaubte.
Aber aus mir wurde lediglich ein Dichterling, kein Dichter.

Wo ich den Dichter finde, weiß ich!

Herzlichen Gruß
von
cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re:Opferlamm
« Antwort #2 am: Januar 31, 2013, 19:11:38 »
HI, Cypi!

Nein, es ist ein Relikt aus meiner eigenen Schulzeit. Ich habe zwar keine Stiefel geleckt, auch nicht im metaphorischen Sinne, aber letztlich waren mir Anpassung und Schweigen, auch wenn ich Unrecht erfuhr, lieber als mich andauernd mit jemand fruchtlos streiten zu müssen. Ich hasste lieber glühend im Geheimen und dachte mir genüsslich die ausgefeiltesten Todesfoltern für meine Peiniger aus.
Irgendwann war die Schule zu Ende, und ich war frei, endlich ohne Schablone und Schubfach wachsen zu dürfen. Ich wurde so vielleicht ein wenig später erwachsen, aber ich denke, ich hab's - gemessen an den Umständen - ganz gut hingekriegt. ;D

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.