Autor Thema: Glaube und Wahrheit  (Gelesen 5253 mal)

Agneta

  • Gast
Re: Glaube und Wahrheit
« Antwort #15 am: Juni 12, 2016, 18:45:14 »
Über die Definition und Notwendigkeit der Metrik müsste man zunächst mal auf die Definition „Gedicht“ kommen. Dass ich das allerdings einmal wegen eines Werkes von Erich diskutieren würde, wäre mir auch nie eingefallen.
Was also macht ein Gedicht?
Im literaturwissenschaftlichen Sinne ergibt sich ein Gedicht durch eine bestimmte Struktur, die es vom Text unterscheidet. Eine Vers -und Strophenform, einen Protagonisten und bei klassischen Gedichten und Reimgedichten die Metrik. Viele klassische Genres haben eine festgelegte Metrik .
Der Haiku hingegen, ebenso wie Tanka oder Senriyu sind asiatische Fomen, wo wir eine total andere Sprachsequenz von phonetischen Lauten haben. Hier ist "deutsche" Metrik nicht übertragbar.
Nach und nach verliert sich diese strenge Eingrenzung heutzutage, der Vers libre , die Prosagedichte und neue Formen lassen die Metrik oftmals eine untergeordnete Rolle spielen. Jedoch finde ich persönlich ein Reimgedicht ohne Metrik immer laienhaft. Mir ergibt sich da kein Fluss.
Die Eleganz und Vollendung findet ein Reimgedicht als Perfektion  in der vollendeten Metrik.

Ich kann bei dem Gedicht von Erich ,Vers 1 zum Beispiel keine Sprachmelodie finden, die das Werk metriklos tragen würde. Man müsste die Zeilen beim Lesen auseinander ziehen um zu unterbrechen, damit die Holperigkeit nicht auffällt. 
Man könnte es auch als Prosatext lesen. Lyrische Worte braucht dieser auch um lyrisch zu sein. Allein durch das setzen wird es noch nicht zum Gedicht:

Nehmen wir mal einen Werbespruch :

Ab in den Urlaub
Die Sonne lacht.
Ab in den Urlaub,
er kommt mit Macht.

Ist das ein Gedicht? Reim, Verse, Strophe, ein lyrisches Bild: die Sonne lacht. Verstärkende Wiederholung und gleiche Metrik. Hatte mich bemüht falsche zu machen , aber kann ich gar nicht. GG
Also nochmal:

Wir gehen in den Urlaub,
fahren morgen früh ab.
In unserem tollen Auto,
urlaubserprobt.

Ist das ein Gedicht?

Nach eurer und im Übrigen der von vielen Autoren, die keine Metrik können ( wobei ich ja weiß, das Erich es eigentlich kann) wäre dies ein Gedicht!
Man könnte es aber auch einfach als Prosatext setzen:
Wir gehen in den Urlaub, fahren morgen früh ab in unserem tollen Auto,
urlaubserprobt.

Mir persönlich wäre das so zu banal als Gedicht, zu unfertig, zu unelegant- aber ich fürchte, es geht durch.



Und? - Ist das schön?

Ich habe mich in einem anderen Forum mit einem gewissen Schweizer über dieses Thema schon einmal langatmig auseinadergesetzt. Ich hatte eigentlich nicht vor, das hier zu wiederholen.

Es wäre nur schade, wenn durch die handwerklichen Defizite vieler, die sich Dichter nennen, nicht nur der Reim, sondern auch Metrik und Stilmittel verloren gingen. Ich halte beides für erhaltenswert. Und wenn schon Autoren wie Erich hier Ausflüchte suchen, dann wird mir etwas bange um die klassische Dichtung.
Es geht mir also nicht um einen Affront gegen Erich persönlich, sondern mehr um den allgemeinen Verfall der“ poetischen Sitten.“ GG
 

Wir können noch lange darüber diskutieren. Über Melodei, Stilmittel und andere schöne Dinge. Letztlich muss jeder es so machen, wie es seinem eigenen Anspruch gerecht wird. Die meisten Leser kennen sich sowieso nicht aus… und legen auch keinen Wert darauf.

LG von Agneta














cyparis

Re: Glaube und Wahrheit
« Antwort #16 am: Juni 12, 2016, 18:58:57 »
Oh nein!

Bitte nicht Werbesprüche als Beispiele hernehmen!
("Aus gutem Grund ist Juno rund" hatte etwas Ansprechendes).

Bitte einen neuen Faden eröffnen!

Lieben Gruß
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Agneta

  • Gast
Re: Glaube und Wahrheit
« Antwort #17 am: Juni 12, 2016, 19:03:49 »
diese "Werbesprüche" sind von mir erdichtet worden. Deshalb kann man sie ruhig verwenden.

Erich Kykal

Re: Glaube und Wahrheit
« Antwort #18 am: Juni 13, 2016, 00:16:24 »
Hi Agneta!

Was denn - ich schreibe EIN einziges "unreines" Gedicht, und du sorgst dich sofort um die Zukunft der metrischen Dichtkunst?? Ist das nicht etwas übertrieben?

Anderswo habe ich übrigens gerade heute ein Werk kommentiert, das anschaulich zeigt, was ich zum Ausdruck bringen wollte mit meinen bisherigen Kommis hier:

Autor: Thomas


Gefundene Freiheit

In sich selbst überstürzt,
ein dem Käfig entkommener Vogel,
wollte ich selbstbefreit
Gesetze nicht erleiden,
doch mit der Zeit
erkannte ich bescheiden,
ich gehe nur,
als folge ich der Spur,
die du mir vorgeschritten,
die wunderbar
mich Tastenden begleitet,
mich ganz und gar
zu wahrer Freiheit leitet.


Hi Thomas!

Ein Experiment? Interessant. Mal sehen:

Reimschema: A B CDCD EE F GHGH

Dreizehn Zeilen, fünf Reime.

Heber: 3433 2323 3 2323

Auftakte (b für betont, u für unbetont): bbb uuuuuuuuuu

Kadenzen: mwmwmw m mwmwmw

Keine durchstrukturierte Ordnung - und doch liest es sich gut!
Ein schönes Beispiel für etwas, worüber ich anderswo gerade mit jemandem diskutiere: Ob Metrik und Regelmaß für wahre Lyrik unverzichtbar sind oder nicht. Du zeigst mit diesem Experiment, dass es - richtig gelesen - auch sehr wohl auf harmonischen Sprachfluss und zwingende Sprachmelodie ankommt, damit ewas als lyrisch empfunden wird.


Soweit mein dortiger Beitrag.

LG ,eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

  • Gast
Re: Glaube und Wahrheit
« Antwort #19 am: Juni 13, 2016, 09:33:17 »
das ist etwas anderes, Erich. Das von dir zitierte Gedicht ist kein klassisches Reimgedicht, sondern von der Anlage und Struktur her ein modernes Prosagedicht mit ein paar eingestreuten Reimen. Ich finde es gut geschrieben.
Wohingegen dein "GLaube und Wahrheit", worüber wir uns hier auseinadersetzen, als klassisches Reimgedicht angelegt ist.
LG vonAgnegta
« Letzte Änderung: Juni 13, 2016, 09:37:47 von Agneta »

Aspasia

  • Gast
Re: Glaube und Wahrheit
« Antwort #20 am: Juni 13, 2016, 11:39:05 »
Liebe Alle,

zunächst einmal: Mir gefällt Erichs Gedicht, gerade weil es ein Schnellschuss ist, der aus dem Unterbewusst ein kommt. Es hebt sich wohltuend - bitte nicht falsch verstehen! - von der sonst üblichen Erhabenheit ab, die für Erichs Gedichte charakteristisch ist.

Nein, Erichs Beispiel ist kein Prosagedicht, sondern eine Mischung aus freien Rhythmen und freien Versen,die von Prosa noch weit entfernt sind.

Auch was die Ansichten über Melodie und Rhythmik angeht, stehe ich auf Erichs Seite. Viele Songtexte beweisen das, die, einer Melodie folgend, sich wunderbar singen lassen, aber längst nicht flüssig und harmonisch zu lesen sind. Mir fällt als Beispiel der Song von Udo Lindenberg ein, den ich zu einen seiner besten zähle:

http://www.songtexte.com/songtext/udo-lindenberg/ich-lieb-dich-uberhaupt-nicht-mehr-13da75b9.html

Ein weiteres Beispiel für wechselnde Rhythmen, aber großartiger Melodik ist der Song von Cat Stevens "Father an Son", einer der schönsten lyrischen Texte in der Popmusik:

http://www.songtexte.com/songtext/ronan-keating/father-and-son-13c211f5.html

LG
Aspasia

Agneta

  • Gast
Re: Glaube und Wahrheit
« Antwort #21 am: Juni 13, 2016, 17:38:45 »
Ich denke, wir sollten an dieser Stelle die verschiedenen Meinungen einfach nebeneinander stehen lassen, da wir ja alle keine Literaturproffs sind.
Die Definitionen von Lyrik sind in der Neuzeit sehr schwierig geworden, die Grenzen fließend. Objektive Beurteilungen scheinen daher schwierig zu sein.
Ich hatte eigentlich immer den Eindruck, dass Erich und ich in Bezug auf Lyrikbewertung und Analyse auf einer Seite stehen und warum sollte ich mit einer unfruchtbaren Diskussion einen Keil zwischen uns treiben. Falls dies so rübergekommen sein sollte, tut mir das leid. Es ging und geht mir nur um die objektive Lyrikanalyse. Wir sitzen ja hier nicht im Hauptseminar :).
Lassen wir die Meinungen einfach nebeneinander stehen.
LG a alle von Agneta





cyparis

Re: Glaube und Wahrheit
« Antwort #22 am: Juni 13, 2016, 17:51:04 »
Keile zwischen uns werden sofort aus meinem offenen Schlafzimmerfenster geworfen (unten ist Wiese).

Zu Erichs Gedicht später noch einige Bemerkungen. :)

Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Aspasia

  • Gast
Re: Glaube und Wahrheit
« Antwort #23 am: Juni 13, 2016, 20:17:10 »
Objektive Beurteilungen scheinen daher schwierig zu sein.
Ich hatte eigentlich immer den Eindruck, dass Erich und ich in Bezug auf Lyrikbewertung und Analyse auf einer Seite stehen und warum sollte ich mit einer unfruchtbaren Diskussion einen Keil zwischen uns treiben. Falls dies so rübergekommen sein sollte, tut mir das leid. Es ging und geht mir nur um die objektive Lyrikanalyse.
Lassen wir die Meinungen einfach nebeneinander stehen.
LG a alle von Agneta

Die Meinungen nebeneinander stehen zu lassen finde ich richtig. Der Begriff "Lyrik" hat sich bis in unsere Zeit hinein stark gewandelt und immer mehr Raum für Definitionen zugelassen. Es bedarf keiner Professur, um darüber zu diskutieren, denn die Professionellen auf dem Gebiet der Literatur und speziell der Lyrik haben genau die gleichen Schwierigkeiten wie wir, sich auf endgültige Definitionen zu einigen. Da die Lyrik, wie jeder weiß, aus dem musikalischen Vortrag entstanden ist ("Leier"), gehen Überlegungen der Professionellen dahin, z.B. auch den Tanz der Lyrik zuzurechnen (Rhythmus) und selbst den Bewegungsabläufen von Sportlern lyrische Elemente zuzuordnen ("Fußball-Balett", Tänzeln des Cassius Clay im Box-Ring).

Am Ende kommen alle Überlegungen immer wieder bei denselben Grundbegriffen an: Rhythmik, Melodik, Harmonie. Wo sie zusammentreffen, entsteht Lyrik.

cyparis

Re: Glaube und Wahrheit
« Antwort #24 am: Juni 13, 2016, 21:39:33 »

Am Ende kommen alle Überlegungen immer wieder bei denselben Grundbegriffen an: Rhythmik, Melodik, Harmonie. Wo sie zusammentreffen, entsteht Lyrik.



Ja!
Der Schönheit treu ergeben
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copyright auf alle Texte