Autor Thema: Anderthalb Meter  (Gelesen 2455 mal)

AlteLyrikerin

Anderthalb Meter
« am: November 06, 2020, 10:09:30 »
Anderthalb Meter sind zu wenig.
Unüberbrückbaren Abstand finden
zu den Verheißungen
der Marketingpropheten.
Mein Selbst lässt sich nicht steigern
in den Tempeln des Konsums.

Anderthalb Meter sind zu viel,
zwischen dir und mir
und deinem Leid.
Maskierte, unsichtbare Empathie.
Tote Worthülsen
statt lebendiger Berührung.
« Letzte Änderung: November 12, 2020, 12:37:30 von AlteLyrikerin »

Erich Kykal

Re: Anderthalb Meter
« Antwort #1 am: November 06, 2020, 15:40:22 »
Hi AL!

Zuletzt fehlt ein Punkt.

Spielt das Gedicht auf den angeratenen Abstand wegen Corona an? Wenn ja, was hat das mit den "Marketingpropheten" zu tun, oder einem in den Tempeln des Konsums unsteigerbaren Selbst?

S2 verstehe ich, aber zu S1 die obigen Fragen.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Anderthalb Meter
« Antwort #2 am: November 10, 2020, 09:36:57 »
Liebe AlteLyrikerin,

die Abstandsregelung hat, je nach Kontext, unterschiedliche Auswirkungen. Wenn wir den Abstand von 1,5 Metern untereinander beim Einkauf einhalten, bringen wir doch das Gleiche wie früher zur Kasse. Anders ist es bei der mitmenschlichen Zuwendung, da schon die Armlänge nicht ausreicht, diese Distanz zu überbrücken (wenn noch dazu die Maske das Lächeln verbirgt). Das Gefühl von Nähe, besonders wichtig in prekären Phasen, schwindet, die Möglichkeit, sich wie früher gegen das Leid zu verbünden, hat kaum noch Chancen.

Ein klärender Text. Sehr gern gelesen.

Liebe Grüße von gummibaum     
« Letzte Änderung: November 10, 2020, 09:43:05 von gummibaum »

Agneta

  • Gast
Re: Anderthalb Meter
« Antwort #3 am: November 11, 2020, 18:32:35 »
ich weiß nicht, liebe AL. Die innerliche Distanz der Menschen zueinander ist doch sowieso da. Corona hat nicht an allem schuld... LG von Agneta

AlteLyrikerin

Re: Anderthalb Meter
« Antwort #4 am: November 12, 2020, 13:04:56 »
Hi Erich,

herzlichen dank für Deinen Kommentar. Strophe eins steht im bewussten Kontrast zu Strophe zwei. Es geht darum, dass Kontakte zu Schwerstkranken und Sterbenden extrem erschwert sind, "Shoppen" aber jederzeit möglich sein muss, denn es ist ja systemrelevant. Andererseits hat extremer Konsumismus letztlich zum entstehen der Pandemie beigetragen. "Wirtschaftsweise" und Politiker arbeiten daran, dass alles wieder möglichst wie früher werden soll, damit die Wirtschaft brummt. Das lyrische Ich wünscht sich einen großen inneren Abstand zu den Verheißungen der Marketingstrategien, es sei gut für uns, immer mehr zu reisen, zu konsumieren, etc.
Ich gebe zu, dass ist sehr verkürzt dargestellt. Aber warum soll der Leser nicht auch einmal nachdenken dürfen?

Lieber gummibaum,

herzlichen Dank für Deinen Kommentar, der mir aus der Seele spricht.

Liebe Agneta,

um die "innerliche Distanz der Menschen zueinander" geht es mir in dem Text nicht. Es geht um die Beschränkung, teilweise Verbote von Besuchen in Pflegeeinrichtungen und um die Rahmenbedingungen. Mein letzter ehrenamtlicher Besuch in einem Pflegeheim (eine halbe Stunde im sogenannten Besuchszimmer) verlief so, dass ich eine Maske tragen musste, obwohl mehr als drei Meter Abstand und eine Plexiglasscheibe zwischen mir und der Patientin war.
Durch die Maske hat mich die Frau gar nicht erkannt, war die Verständigung (Schwerhörigkeit der Gesprächspartnerin) erschwert und die gesamte nonverbale Kommunikation unmöglich. Ein Lächeln, ermunternde, tröstliche Gesichtsausdrücke  etc. sind nicht lesbar durch die Abdeckung der dafür wesentlichen Gesichtspartien, ganz abgesehen von der fehlenden Berührung (z. B. einmal die Hand ergreifen zu dürfen).
Therapeutische Gespräche oder Begleitung von Sterbenden, noch dazu wenn diese so dement sind, dass sprachliche Kommunikation nicht mehr möglich ist, und nur noch berührende Nähe wirkt, das ist dann so sehr eingeschränkt, dass es sinnlos wird.

Euch allen herzliche Grüße, AlteLyrikerin.