Autor Thema: Die letzten schönen Tage  (Gelesen 2894 mal)

Erich Kykal

Die letzten schönen Tage
« am: September 20, 2014, 09:57:20 »
Die letzten Tage, eh die Wolken grauer
und schwerer tragen an der kalten Last,
wenn Feuchtigkeit nach jedem Regenschauer
sich nicht mehr heben will von Gras und Ast,

die letzten Tage voller Fühl und Leben,
da ringsum alles noch lebendig scheint,
geschaffen, um die Seele zu erheben
aus allem, was vergänglich ist und weint:

Das Grün der Wälder atmet ferne Bläue
aus klaren Himmeln ohne Maß und Ziel,
die Hügel wärmen sich im Licht, als freue
den früh erwachten Herbst, was jetzt zuviel

und später - ach - zu spärlich ihn erfüllen,
ihm schmeicheln kann und seine Gunst erwirbt,
wenn klamme Nebel jeden Baum umhüllen
und jede Krone bunte Tode stirbt.

Die letzten Tage, eh der Reif die Matten
ins Braune treibt und alle Zweige kahl
sich beugen in die winterlichen Schatten:
Des Sommers Scheiterhaufen und Fanal.
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

charis

  • Gast
Re:Die letzten schönen Tage
« Antwort #1 am: September 20, 2014, 19:18:39 »
Die letzten Tage, eh die Wolken grauer
und schwerer tragen an der kalten Last,
wenn Feuchtigkeit nach jedem Regenschauer
sich nicht mehr heben will von Gras und Ast,

die letzten Tage voller Fühl und Leben,
da ringsum alles noch lebendig scheint,
geschaffen, um die Seele zu erheben
aus allem, was vergänglich ist und weint:

Das Grün der Wälder atmet ferne Bläue
aus klaren Himmeln ohne Maß und Ziel,
die Hügel wärmen sich im Licht, als freue
den früh erwachten Herbst, was jetzt zuviel

und später - ach - zu spärlich ihn erfüllen,
ihm schmeicheln kann und seine Gunst erwirbt,
wenn klamme Nebel jeden Baum umhüllen
und jede Krone bunte Tode stirbt.

Die letzten Tage, eh der Reif die Matten
ins Braune treibt und alle Zweige kahl
sich beugen in die winterlichen Schatten:
Des Sommers Scheiterhaufen und Fanal.

Lieber Erich,

Ein wunderschönes Gedicht, nur mit der letzten Strophe habe ich ein Problem,
sie ist mir zu apokalyptisch, vor allem im Kontext mit den vorhergehenden Versen
 - "Matten", "treibt" und "Scheiterhaufen".

Meine Lesart, die dem Winter auch eine Chance geben möchte :) ist eher die:

In diesen Tagen, eh der Reif die Farben
ins Braune mischt und alle Zweige kahl
sich wandeln zu kristallenglänzend Garben,
da leuchten Freudenfeuer dem Fanal.

und S2V1: warum nicht "voll Gefühl"?

Danke für den Lesegenuss!

Lieben Gruß
charis


Erich Kykal

Re:Die letzten schönen Tage
« Antwort #2 am: September 20, 2014, 19:45:36 »
Hi, Charis!

Vielen Dank für dein positives Feedback!

zu deiner Variante für die letzte Strophe:

"Matten" ist ein Alternativbegriff für Wiesen, verwendet im Hügel- oder Gebirgsland, meist bei Wiesen in Hanglage. Was daran "zu apokalyptisch" sein soll, verstehe ich nicht.

Die Kälte des Reifs (Eiskristalle!) "treibt" sozusagen das Grün aus den Gräsern. Dein "ins Braune mischt" ist an sich eine schöne Phrase, klingt für mich aber eher nach Umrühren in einem Farbtopf.

Beim Begriff "Scheiterhaufen" gebe ich dir Recht, der ist nicht auf Anhieb begreifbar. Erst im Zusammenhang mit dem Gedanken an Feuerbestattung offenbart sich die Logik: Die letzten schönen - sprich heißen - Tage sind der Scheiterhaufen des Sommers, der gestorben ist. Man kann auch eine Art Abschiedsfeierzeichen darin sehen.

Die Verkürzung "kristallenglänzend(e) Garben" klingt seltsam pathetisch und bemüht. Derlei geschraubt Klingendes sollte man tunlichst vermeiden.

Übrigens: Freudenfeuer können nicht "dem" Fanal leuchten: Große Feuer SIND ein Fanal (=Feuerzeichen, Leuchtfeuer)! ;)

Bitte nicht grollen, aber ich bleibe lieber bei meiner Variante. :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

charis

  • Gast
Re:Die letzten schönen Tage
« Antwort #3 am: September 20, 2014, 22:00:32 »
Hi, Charis!

Vielen Dank für dein positives Feedback!

zu deiner Variante für die letzte Strophe:

"Matten" ist ein Alternativbegriff für Wiesen, verwendet im Hügel- oder Gebirgsland, meist bei Wiesen in Hanglage. Was daran "zu apokalyptisch" sein soll, verstehe ich nicht.

Die Kälte des Reifs (Eiskristalle!) "treibt" sozusagen das Grün aus den Gräsern. Dein "ins Braune mischt" ist an sich eine schöne Phrase, klingt für mich aber eher nach Umrühren in einem Farbtopf.

Beim Begriff "Scheiterhaufen" gebe ich dir Recht, der ist nicht auf Anhieb begreifbar. Erst im Zusammenhang mit dem Gedanken an Feuerbestattung offenbart sich die Logik: Die letzten schönen - sprich heißen - Tage sind der Scheiterhaufen des Sommers, der gestorben ist. Man kann auch eine Art Abschiedsfeierzeichen darin sehen.

Die Verkürzung "kristallenglänzend(e) Garben" klingt seltsam pathetisch und bemüht. Derlei geschraubt Klingendes sollte man tunlichst vermeiden.

Übrigens: Freudenfeuer können nicht "dem" Fanal leuchten: Große Feuer SIND ein Fanal (=Feuerzeichen, Leuchtfeuer)! ;)
Lieber Erich,

Bitte auch nicht grollen. Dein Gedicht ist wunderschön und ich bin deshalb in diese Verse eingetaucht.
Die von dir verwendeten Begriffe habe ich schon verstanden, aber bei Matten musste ich unwillkürlich an "dichtes, langes Haar" denken und bei der Metapher "Scheiterhaufen" an Hexenverbrennung und dort hakte es dann wegen dieser Assoziationen in meiner lyrischen Seele.

So wie es bei dir beim "mischen" hakte (das ich genau so gemeint habe) und bei  "kristallenglänzend", das ich noch immer schön finde.

Natürlich müsste es "im Fanal" heißen. Das wollte ich zuerst auch schreiben, aber dann hab ich mich für eine "Verdoppelung" entschieden, Dieses letzte Sommerfinalfeuer sollte dem endgültigen Jahreskreisfinal, nämlich dem Winter, leuchten.
Ich freu mich wirklich sehr über diesen Austausch, weil mit das andere Sichtweisen eröffnet, mich inspiriert und ich (hoffentlich) lerne. :)

Lieben Gruß!
charis


 

 


cyparis

Re:Die letzten schönen Tage
« Antwort #4 am: September 21, 2014, 17:55:23 »
Lieber Erich,


ich überlasse die schönen, ausführlichen Kommentare den Jüngeren, Gesünderen, Wacheren und Eifrigeren -
meine schwachen Kräfte reichen lediglich für ein

ich bette mich in dies Gedicht wie in Daunen und vergesse meinen Schmerz.


Umhüllten Gruß
von
Cyparis


Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re:Die letzten schönen Tage
« Antwort #5 am: September 21, 2014, 19:33:04 »
Hi, Cypi!

Das hast du wunderschön gesagt - und das erfreut mich tiefer als jedes eifrig begeisterte Lob es könnte: Welch wunderbaren Sinn verleihst du so meinem Dahingeschriebenen! :)

So ein Geschenk lässt einen den Stolz des wahren Poeten fühlen... - Hab Dank! :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Ingo Baumgartner

Re:Die letzten schönen Tage
« Antwort #6 am: September 22, 2014, 11:01:36 »
Immer, wenn ich deine Gedichte lese, denke ich an die Schüler von heute, denen derart schöne Lyrik kaum mehr nahegebracht wird. Schade! LG Ingo

cyparis

Re:Die letzten schönen Tage
« Antwort #7 am: September 22, 2014, 12:19:51 »
Lieber Ingo,

Du sprichst mir aus dem Herzen!
Umso beglückter darf ich erkennen, daß junge und interessierte Talente wie z.B. Jana, Meishere und Larkin nachwachsen.
Eine Bereicherung, zum Optimismus verführend.

LG!
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte