Autor Thema: Schauen  (Gelesen 2191 mal)

charis

  • Gast
Schauen
« am: August 30, 2015, 10:34:04 »
Mit einem Male ist das Laute still.
Die Chöre der Zikaden schweigen.
Nichts tönt mehr drängend schrill,
und alles will sich vor dem Mond verneigen,

der mürrisch blass am Himmel blüht,
die Wasser zieht wie schwarze Laken,
die träge nun sich wiegen, müd
den kahlen Fels zu schlagen.

Das blasse Licht ist seltsam heimatlos
und fremd das Glitzern auf den Wogen.
Wie Engelscharen in den dunklen Schoß
gezogen, gefallen wohl, vom Mond belogen.

Die Wellen gurgeln, klatschen leis,
auf Zehenspitzen scheinen sie zu schleichen
um diese rauhen Küsten als Beweis,
dass Weiches nie wird Hartem weichen...

Und dieses Schauen mag den Schmerz
geduldig heilen, doch dein Kuss schmeckt bitter
nach Lavendel, und in meinem bangen Herz
trifft Licht auf Diamantensplitter.
« Letzte Änderung: August 30, 2015, 11:57:49 von charis »

Erich Kykal

Re: Schauen
« Antwort #1 am: August 30, 2015, 11:23:57 »
Hi, charis!

Schöne Sprache und Sprachmelodie.
Am Rhythmus musst du noch arbeiten: Hebungen der Vierzeilerstrophen: 543(mit betontem Auftakt)5 4443 5455(mit Senkungsprall) 4554 456(mit betontem Auftakt)4

Für MICH ist das ein wunderbarer Rohdiamant mit zu wenig Regelmaß drin. Ich würde versuchen, alle Zeilen auf EINE Heberzahl zu bringen (4 oder 5).

S1Z3, S3Z4 sowie S5Z3 solltest du umbauen. Die Inversion in S4Z4 kommt auch nicht so gut, derlei klingt unnatürlich und bemüht.

S1Z1, S1Z3 - Komma am Zeilenende.

Abgesehen davon ein sehr schönes Gedicht mit viel lyrischem Feingefühl und schönen Bildern!


Deine Erlaubnis vorausgesetzt, erlaube ich mir zu Demonstrationszwecken eine durchgehend 5-hebige Version zu unterbreiten.

Natürlich kann man behaupten, dass unregelmäßige Zeilenstruktur eben ganz der persönlichen Sprachmelodie und dem Duktus des Autors folgt, und es gibt manch schönes Beispiel dafür, dass das auch funktioniert. Deshalb behaupte ich auch nicht, deine Version wäre "falsch" - ich sage nur, dass MIR eine regelmäßige Struktur eben besser gefällt und ich sie für geeigneter erachte, lyrische Stimmung zu generieren.

Lies beide Versionen und urteile selbst, was deinen Inhalt lyrisch besser transportiert.


Mit einem Male ist das Laute still,
die Jubelchöre der Zikaden schweigen.
Kein Singen regt sich und tönt drängend schrill,
und alles will sich vor dem Mond verneigen,

der mürrisch blass am dunklen Himmel blüht,
die Wasser zieht wie schwarz gefärbte Laken,
die träge nun sich wiegen, welk und müd
am kahlen Felsen immer anzuschlagen.

Das blasse Licht ist seltsam heimatlos
und fremd das Glitzern auf den sanften Wogen.
Wie Engelscharen in den dunklen Schoß
gezogen und vom fernen Mond belogen.

Die Wellen gurgeln, purzeln zärtlich leis,
auf Zehenspitzen scheinen sie zu schleichen,
der rauhen Küsten wiegender Beweis,
dass Weiches stärker ist und ohnegleichen.

Und dieses leise Schauen mag den Schmerz
geduldig heilen, doch dein Kuss schmeckt bitter
lavendeln, und in meinem bangen Herz
trifft weiches Licht auf Diamantensplitter.


Sehr gern gelesen! :) (Besonders die Conclusio ist der Hammer!!!)

LG, eKy
« Letzte Änderung: August 30, 2015, 11:31:04 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

charis

  • Gast
Re: Schauen
« Antwort #2 am: August 30, 2015, 12:10:23 »
Lieber Eky,

Vielen Dank für dein (grundsätzliches) Lob und deine immer willkommenen Anregungen. Ich bin immer wieder erstaunt und beeindruckt, wie du so mir nichts dir nichts innerhalb weniger Minuten das lyrisch Schöne aus dem Ärmel schüttelst.

Ich muss mich noch eingehender damit beschäftigen. Ein paar Satzzeichen hab ich einmal verändert.
Ich bin hier wirklich alleine einer inneren Melodie gefolgt (Rohdiamant trifft es sehr gut  ;)), ohne zu versuchen, es zu glätten, mir schien das irgendwie zu diesem unregelmäßigen Rhythmus im (Halb)dunklen zu passen, den ich da am Meer gehört (und gespürt) habe. Aber du hast sicher Recht. Inversionen mag ich jedenfalls auch nicht. Ich werde es mir bei Zeiten nochmals vornehmen, aber dazu brauch ich wohl etwas Abstand.

Lieben Gruß
charis


« Letzte Änderung: August 30, 2015, 12:14:00 von charis »

cyparis

Re: Schauen
« Antwort #3 am: September 03, 2015, 11:23:55 »


Ich bin hier wirklich alleine einer inneren Melodie gefolgt (Rohdiamant trifft es sehr gut  ;)), ohne zu versuchen, es zu glätten, mir schien das irgendwie zu diesem unregelmäßigen Rhythmus im (Halb)dunklen zu passen, den ich da am Meer gehört (und gespürt) habe.

Lieben Gruß
charis


Liebe Charis,

und genau  d a s  hat mich hingerissen bei diesem wunderbaren, stimmungs- und bildstarken Gedicht, das Sterne verdient!
Schöööön!


Lieben Gruß
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

charis

  • Gast
Re: Schauen
« Antwort #4 am: September 05, 2015, 20:16:49 »
Liebe Cyparis,
Vielen Dank für deine Zustimmung und dein Lob!
Lieben Gruß
charis