Autor Thema: Die Loreley - in der schottischen Originalversion  (Gelesen 4248 mal)

Waldbaum

  • Gast
Die Loreley - in der schottischen Originalversion
« am: Dezember 05, 2009, 13:38:27 »
Hier zunächst ein mal das Gedicht von Heinrich Heine, in der Form, wie es weltweit bekannt ist:


Die Lore-Ley

Ich weiß nicht was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar;
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley getan.



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Was weniger bekannt ist: Heine hat sich hier auf eine alte schottische Volkssage berufen.

Dem Waldbaum ist es gelungen, das schottische Vorbild der Heine'schen Loreley zu rekonstruieren:



Die Milch-Maid

Ich weiß nicht was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus  schottischen  Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl in Dunkeld,
Und ruhig fließt der Tay;
Der Gipfel des Lochnagar funkelt
Im Abendsonnenschnee.

Ein wilder Hochländer stehet
Dort oben wunderbar;
Sein blanker Sgian Dubh blitzet,
Sein Kilt strahlt rot-weiß und klar.

Er trägt einen währschaften Sporran
Und spielt die Bag-Pipe dabei;
Die hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.

Die Milch-Maid tief unten in Dunkeld
Ergreift es mit wildem Weh;
Sie sieht nicht den Weg durch das Steinfeld,
Sie schaut nur den Held in der Höh.

Ich glaube, am Ende verstolpert
Die Maid die Milch und die Sahn;
Und das hat mit seinem  Spielen
Der Laird aus dem Hochland  getan.

Seeräuber-Jenny

Re:Die Loreley - in der schottischen Originalversion
« Antwort #1 am: Dezember 05, 2009, 13:45:08 »
Hallo Waldbaum,

die Loreley mal anders rum, mit augenzwinkerndem Finale.  Am Ende verschüttet sie nur die Milch und die Sahn. Hätte mir auch passieren können, wenn mir so ein schneidiger Laird über den Weg gelaufen wäre!

Lieben Gruß
Amazone
Ideale sind wie Sterne. Wir erreichen sie niemals, aber wie die
Seefahrer auf dem Meer richten wir unseren Kurs nach ihnen.
Carl Schurz

cyparis

Re:Die Loreley - in der schottischen Originalversion
« Antwort #2 am: Dezember 06, 2009, 11:07:17 »
Lieber Waldbaum,


die Sage von der "Lurlei" ist ja schon uralt,
aber die schottische Variante kannte ich noch nicht.
Mir andern "Vorzeichen" - nicht übel!


Lieben Gruß
von
cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Waldbaum

  • Gast
Re:Die Loreley - in der schottischen Originalversion
« Antwort #3 am: Dezember 09, 2009, 09:17:56 »
Und ihr kennt Dunkeld?

Und den Lochnagar?

Und wisst, was ein Sgian Dubh ist?  :)

cyparis

Re:Die Loreley - in der schottischen Originalversion
« Antwort #4 am: Dezember 12, 2009, 21:58:41 »
Nein, lieber Waldbaum!

Dieses letzte - ist das der kurze Dolch, der in dem Wadenstrumpf steckt?


Lieben Gruß
von
cyparis
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Seeräuber-Jenny

Re:Die Loreley - in der schottischen Originalversion
« Antwort #5 am: Dezember 14, 2009, 00:44:27 »
Genau, cypi!

Dunkeld ist eine Stadt in den Highlands, Lochnagar ein Berg, meines Wissens in der Nähe von Schloss Balmoral, dem Sommersitz der Queen. Beide kenne ich leider nicht, weil ich noch nicht bis zum Norden Schottlands durchgedrungen bin. Aber den gleichnamigen Single Malt Whisky habe ich schon probiert.

Lieben Gruß
Amazone
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Carl Schurz

Waldbaum

  • Gast
Re:Die Loreley - in der schottischen Originalversion
« Antwort #6 am: Dezember 28, 2009, 15:35:53 »


Dunkeld ist eine Stadt in den Highlands, Lochnagar ein Berg, meines Wissens in der Nähe von Schloss Balmoral, dem Sommersitz der Queen.

Beides ist korrekt.

Dunkeld und Balmoral hab ich schon besucht.

Den Lochnagar hab ich schon erstiegen.

Sogar zweimal.

Die Queen dagegen bisher keinmal.

Grüngold

Re: Die Loreley - in der schottischen Originalversion
« Antwort #7 am: Dezember 14, 2020, 10:52:42 »
Vor langen Jahren habe ich als Waldbaum mal dieses Gedicht von der "schottischen Loreley" geschrieben.

Dazu eine Anmerkung:
Dass Heine Heine von mir abgeschrieben habe, ist natürlich nur eine Legende.
Eine doppelte Umkehrung.

Und:

Die Luft ist kühl im schottischen Dunkeld,
Und ruhig fließet der Tay;
Der Gipfel des Lochnagar funkelt
Im Abendsonnenschnee.

"Tay" wird in Schottland wie "Tee" ausgesprochen.
Es reimt sich also mit "Schnee" - besonders mit Abendsonnenschnee.
Und mit "Abendsonnenschnee" habe ich auch die deutsche Sprache mal wieder um ein Wort bereichert. :)
Ceterum censeo linguam Latinam non esse delendam.

Grüngold

Re: Die Loreley - in der schottischen Originalversion
« Antwort #8 am: Dezember 14, 2020, 10:54:41 »
Und es geht weiter. Nach 11 Jahren kommt nun noch eine Fortsetzung. :)

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Die Milch und die Sahn ist verflossen
am Fuße des Lochnagar
und Tränen der Maid sind vergossen
weil sie im Liebestraum war.

Den Hochländer auf seinem Gipfel
ergreift es mit wildem Weh.
Er sieht nur den bunten Rockzipfel,
er sieht nicht mehr Felsen und Schnee.

Die Milch und die Maid zu erretten
stürzt er nach Glen Clova hinab.
Doch statt sich gar lieblich zu betten
findet er fast ein zu frühes Grab.

Als wie die Maid war gefallen
am Ufer des Tay im Steinfeld,
so tät auch der Laird nun hinknallen
in Glen Clovas wilder Bergwelt.

Er stieß sich die Stirn und die Nase
und lag ganz von Sinnen im Grase
träumte von milchweißer Maid
und schlief bis zur Nachmittagszeit.

Die Milchmaid am Tore zum Hochland
- so nennt man das schöne Dunkeld -
den Gipfel des Lochnagar leer fand.
"Wo weilt er, mein Laird und mein Held?"

Schnell eilt sie nach Milton of Clova
und fraget dort nach im Hotel,
in Heide und Wald und im Hof da:
"Wo weilet der Laird? Ist er well?"

Und die Leute von Milton of Clova
ergreifet ein seltsames Weh.
Sie sprechen: "Fürwahr! Der Laird ist grad nicht da,
und auch nicht dort auf der Höh!"

Der Laird war einfach verschwunden.
Nicht da war er zu der Zeit.
Er hat sich bald wiedergefunden
und zwar bei der schottischen Maid!

Sprach der Laird: Was soll es bedeuten,
dass ich so freudig bin?
Der Milchmaid ein Fest zu bereiten,
das geht mir nicht aus dem Sinn!

In schönen Hotel zu Glen Clova
da feiert der Laird mit der Maid.
Whisky und Haggis gab's g'nug da,
und die Maid war zu allem beraid!
Ceterum censeo linguam Latinam non esse delendam.