Autor Thema: Quasimodo spricht mit den Gargylen  (Gelesen 2003 mal)

Erich Kykal

Quasimodo spricht mit den Gargylen
« am: Januar 27, 2017, 17:37:07 »
Ihr Fratzen wie aus Fieberträumen spiegelt
mein wundes In-die-Welt-geworfen-Sein.
Erstarrte, die ihr die Erkenntnis siegelt:
Ach wäre ich wie ihr doch nur von Stein!

Der stumme Schrei aus euren Regenmündern -
ein nie gehörter Chor verworfner Seelen,
die unter Qualen uns, den armen Sündern
Dämonen speien, die sie nächtens quälen!

Der ich tagtäglich eure Mienen schaue
und euch umarme in der Einsamkeit,
bin nur ein Schatten hinter jener Klaue,
mit der ihr deutet nach der Ewigkeit.

Wer euer Antlitz schnitzte in die Steine,
gedachte meiner ungeschlachten Züge,
als strafte er die Schönheit und das Reine
der Menschen unten jeden Morgen Lüge.

Ich bin euch näher als den Gotteskindern
in ihrer Welt aus Niedertracht und Drang.
Ich liebte, um den Schmerz darum zu lindern -
vergeblich zwar, doch rein wie Glockenklang.

So tragt mich heim in euer hohes Schweigen,
darin nicht mehr liegt als Erinnerungen
an böse Träume, die dem Weisen zeigen,
wie falsch die Welt ist und von Weh durchdrungen.

Ihr Fratzen wie aus Fieberträumen spiegelt
mein wundes In-die-Welt-geworfen-Sein.
Erstarrte, die ihr die Erkenntnis siegelt:
Ach wäre ich wie ihr doch nur von Stein!
« Letzte Änderung: Oktober 11, 2017, 11:52:08 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Quasimodo spricht mit den Gargylen
« Antwort #1 am: Januar 27, 2017, 21:13:15 »
Die Nordseite des Freiburger Münsters weist zahlreiche solche Dämonen als Wasserspeier zur Ableitung des Regens auf. Hier sind sie trefflich zu Figuren der Albträume einer begrohten Existenz im feindlichen Welttreiben geworden. Dem buckligen Glöckner mit der feinen, tapferen Seele mögen sie wohl in den Sehnsüchten und Ängsten nachts erschienen und danach wieder an die Notre Dame zurückgekehrt sein. Ein hohes Lied auf seine Liebe.

Begeistert gelesen, lieber Erich.
LG gummibaum



 

Erich Kykal

Re: Quasimodo spricht mit den Gargylen
« Antwort #2 am: Januar 27, 2017, 22:24:17 »
Hi Gum!

Die Idee basiert auf dem Schwarz-Weiß-Klassiker mit dem genial spielenden Charles Laughton, aus dem auch der Schlusssatz des Gedichtes stammt - es ist auch Quasimodos letzter Satz in dieser Verfilmung, an einen der Wasserspeier gerichtet: "Ach wäre ich doch nur von Stein wie du!" (sinngemäß)

Vielen Dank für deine Begeisterung!  :)

LG, eKy
« Letzte Änderung: Oktober 11, 2017, 11:53:46 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.