Autor Thema: Frühling im Alter  (Gelesen 1744 mal)

Erich Kykal

Frühling im Alter
« am: April 23, 2017, 10:42:59 »
Der Tag verstreicht. Gedanken ziehen leise
die Zeit entlang, und die geschauten Bilder,
wie wolkengleich auf ihrer grauen Reise,
verlieren sich an fernen Horizonten,
als ignorierten sie die Hinweisschilder
nach Zielen, die sie nie erreichen konnten.

Der Tag verstreicht, und kalte Winde raunen
in zarten Zweigen zag begrünter Bäume.
An welchem Tag verlernte ich das Staunen,
der so wie dieser ins Vergessen kippte,
und welcher Wind verwehte meine Träume,
daraus ich Zuversicht und Wehmut nippte?

Der Tag verstreicht. Wird er der letzte bleiben,
der mich erreicht in jener wunden Mitte,
wo wir bewusst ins Buch des Lebens schreiben?
Der Tag verstreicht und stellt sich keine Fragen,
und welchen Weg ich auch darin beschritte -
die letzte Antwort kann er mir nicht sagen.
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Günter

Re: Frühling im Alter
« Antwort #1 am: April 23, 2017, 11:26:38 »
Lieber Erich,

nein, die letzte Antwort kann er mir nicht sagen!
Das Staunen und Träumen zu verlernen, ist ein sicheres Indiz für das Alt werden.
Alter ist kaum ein Zeitablauf, es ist vielmehr eine Sättigung. Es hat auch keine Marken für Veränderungen oder das Verlassen des Weges bzw. ggf. der Wege. Wichtig ist das alles nur für das Individuum. Die Welt interessiert sich nicht dafür. Mein Blick wächst oder welkt mit meiner Einstellung, nicht mit einem objektiven Alter.
Hinweisschilder zu ignorieren kann auch ein Zeichen von Selbstbewusstsein un Vitalität sein.
Gern gelesen!
LG Günter

Erich Kykal

Re: Frühling im Alter
« Antwort #2 am: April 23, 2017, 12:25:04 »
Hi Günter!

Ich denke, es ist weniger eine Sättigung als eine Veränderung des Denkens selbst, auch aufgrund biologischer Veränderungen. Das Bewusstsein verlangsamt sich, die Zeit scheint mehr und mehr zu eilen, man nimmt kaum noch bewusst wahr. Für ein Kind ist jeder Tag wie ein eigenes Universum, voller Erlebnisse und Eindrücke - und der alte Mensch dreht sich verwundert um und denkt: "Wo sind die letzten 10 Jahre bloß geblieben!?"
Der Geist ritualisiert sich, folgt mehr und mehr ausgetretenen Pfaden und Gewohnheiten, die ihn seiner Stabilität versichern und in der Welt verankern. Wir verlernen das Erleben, das bewusste Schauen und Hinterfragen, wir verlieren das Interesse an der Welt, die wir zu kennen glauben, weil sich irgendwann allzu viel nur noch wiederholt.

Ich bemerke das sehr an mir: wo ich mich früher zu Tode gelangweilt und wie auf Kohlen gesessen hätte, verliere ich heute Stunden und ganze Tage im "Unerleben", ohne dass es mir überhaupt bewusst wird. Ich sitze gefühlte 10 Minuten am Computer, und wenn ich auf die Uhr sehe, sind 2 oder 3 Stunden verstrichen! Früher war das doch umgekehrt: Man dachte, der Unterricht wäre schon nahezu unerträglich, die Stunde müsste doch bald rum sein - und der sehnsüchtige Blick zur Uhr offenbart: Gerade erst mal 10 Minuten geschafft!

Einst freute ich mich auf die Pension und gedachte sie ausgefüllt zu genießen - aber wenn es so weitergeht, werden mir 20 Jahre dann wie eines vergehen - es passiert einfach nichts mehr, und man ist es zufrieden ... - vorausgesetzt, ich erlebe den Ruhestand überhaupt, was mehr und mehr unwahrscheinlich zu werden scheint ...

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Günter

Re: Frühling im Alter
« Antwort #3 am: April 23, 2017, 15:51:55 »
Hallo nochmal,

was Du da ansprichst, ist sicher nicht ursächlich im Zusammenhang mit dem biologischen Alterungsprozess zu sehen. Die Zeit scheint zu akzelerieren.
Am Beispiel des PC hast Du es treffend ausgedrückt. Neues zu entdecken ist aufregend und kostet und gefühlt keine Zeit, da unsere Sinne voll auf das Aufnehmen oder auch Kreieren gerichtet sind, die Zeit nehmen wir kaum wahr. Einen Haken hinter Schon-Mal-Erlebtes zu machen, ist nur ein Augenzwinkern. Dieses füllt gefühlt nichts mehr aus und wir nehmen vorrangig die "endlose" Zeit wahr und nicht mehr das Ereignis. Die Bandbreite des Schon-Mal-Erlebten nimmt zwangsläufig zu. In der Erinnerung kehrt sich jedoch das Verhältnis um. Die "Sekundenerlebnisse", die uns ausfüllten, werden lang und die Zeit, in der endlos nichts geschah, wird zum Wimpernschlag.

Das ändern nichts an der Aussage Deines Gedichts!
LG Günter

cyparis

Re: Frühling im Alter
« Antwort #4 am: April 24, 2017, 13:42:27 »
Lieber Erich,

da Du nicht alt bist - noch lange nicht! - magst Du Dir wohl vorzustellen versuchen, wie das mit dem Frühling im Alter sein mag - aber leben und/oder erleben kannst Du es nicht. Es muß ein sehr vages Gefühl bleiben.
Der Tag verstreicht und stellt Dir keine Fragen!
Aber das läßt sich wunderbar lesen, wenn ein Junger übers Alter zu schreiben versucht.
(Ich habs früher auch so manchesmal versucht...).

Sehr gern gelesen und bekakelt
von
Cypi
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re: Frühling im Alter
« Antwort #5 am: April 24, 2017, 19:30:35 »
Hi Cypi!

Ich mag vielleicht erst 53 sein, aber mein Körper ist der eines ca. 70-Jährigen, gesundheitlich und konditionell. Krankheit und Fettsucht, Trägheit und Tristesse haben mich vorzeitig altern lassen. Ich schlafe seit Jahren mit Luftmaske, schlucke schon 5 Pülverchen täglich, und die lymphatische Leukämie wird höchstwahrscheinlich zu verhindern wissen, dass ich sonderlich alt werde.

Sonst noch Fragen?  ;) ;D

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
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