Autor Thema: Von leicht und schwer  (Gelesen 101 mal)

Agneta

Von leicht und schwer
« am: August 12, 2018, 11:05:01 »
Von leicht und schwer

Sie hatte immer gepfiffen auf die Meinung anderer. Sie wollte anders sein und sie war anders.
Als die Jugendlichen ihre langen Mähnen im Takt von Jagger warfen, liebte sie französische Chansons. Als andere begannen, amerikanische Hamburger in sich hineinzustopfen, als gäbe es nichts anderes mehr, da wurde sie Vegetarierin.
Immer hatte sie denen beigestanden, über deren Äußerlichkeiten andere spotteten. Für sie war es leicht. Immer leicht gewesen.
Sie war hübsch, so sagte man und durch den kraftzehrenden Sport, den sie liebte, war sie schlank wie eine Tanne. Bis weit in die Vierzig. Sie kannte keine Diät, nicht mal die vielen Namen, die davon kursierten. Sie hatte Glück. Für sie war es leicht.
Lebenslang hatte sie kein Make-Up benutzt. Ein bisschen Kajal, ein bisschen Wimperntusche, einen unauffälligen Lippenstift, ja - das reichte aus, um ihre natürliche Attraktivität noch zu steigern.
Erst mit Ende Vierzig bildete sich eine einzige Falte an ihrer Stirn. Ansonsten war ihr Gesicht glatt wie ein Baby-Popo. Bis weit in die Fünfzig noch. Für sie war es leicht. Und sie wusste das.
Dann kam der Tag, an dem ihr Blutdruck so hoch stieg, dass ihr Mann den Notarzt holte.
Von da an musste sie Tabletten schlucken, die als Nebenwirkung Gewichtszunahme auswiesen. Innerhalb von vier Monaten nahm sie zehn Kilo zu.
Ihre Figur wurde fraulich. Auch, wenn sich ansonsten nichts in ihrem Leben veränderte: Sie nahm kein Gramm mehr ab. Nun war sie schwer. War es immer noch leicht?
Höhnische Blicke folgten ihr von jenen, die sich über ihr Schlanksein definierten und  die sich im Alter noch das Essen versagten, weil sie dies als Stärke empfanden. Gegen den eigenen Körper kämpfen, nur um anderen zu gefallen? Das empfand sie als perfide.
Je öfter ihr das passierte, desto mehr wuchs die Wut in ihrem nun nicht mehr platten Bauch und nach weiteren drei Monaten und weiteren fünf Kilos auf den Rippen, entschied sie sich, dies zu ignorieren. Leicht war es nicht,  denn ihr Typus änderte sich gleich mit. Von der attraktiven Brünetten wandelte sie sich mehr zum rundlichen Oma-Typ. Ihren Mann störte das überhaupt nicht, war er doch selbst groß und stämmig. Sie hatte immer kompaktere Menschen gemocht. Schwer gefallen war ihr das nie.

Eines Tages aber traf sie den ehemaligen Hausmeister ihrer Wohnung, in der sie vor dreißig Jahren gelebt hatten und dessen Frau sich lebenslang durch diverse Diäten gequält hatte, um ihm zu gefallen. Er hatte immer schon ein loses Mundwerk gehabt. Spöttisch sagte er zu ihr: „ Du hast dich aber verändert. Ich hätte dich fast nicht wieder erkannt. Hast ja ganz schön zugelegt.“ Schneidend wie ein Messer antwortete sie ihm:
„ Ja, so ist das im Leben eben. Wir verändern uns alle. Der eine wird dicker und der andere noch dümmer!“.
In dem Moment wusste sie: Von nun an würde es leicht sein. Wieder leicht sein.







Erich Kykal

Re: Von leicht und schwer
« Antwort #1 am: August 12, 2018, 12:55:57 »
Hi Agneta!

Autobiographisch? Von Verve und Stil her möchte ich es fast vermuten.

Auch ich schlucke seit 2 Jahren Blutdruckmedikamente: 4 Tabletten täglich, 2 verschiedene Produkte. Einen Unterschied habe ich noch nicht festgestellt, war ich doch vorher schon so richtig fett!  ::)

Und dumm muss der Hausmeister nicht gewesen sein - er war eben offen und ehrlich, wie direkte Menschen eben häufig sind. Über mögliche Kränkungen machen sie sich keinen Kopf, denn die Feinheiten menschlicher Kommunikation sind ihnen unbekannt. Ich bin auch so ein Typ - ich weiß gar nicht, dank wie vieler solcher mir ungeläufigen Fettnäpfchen ich schon wieviele möglichen Freunde verloren habe!
Nur bei den wenigen, die den Mut hatten, mir meine Lapsi zu erklären oder mir ihre Verachtung ins Gesicht zu schleudern (was mich immer sehr überraschte!), wurde mir im Nachhinein klar, was ich da eigentlich gesagt hatte, und wie man es auch anders auslegen konnte.
Viel hat das nicht geholfen - es passiert mir auch weiterhin, obwohl ich schon viel über zwischenmenschliche Verständigung dazugelernt habe. Dabei bin ich sicher nicht dumm. Es ist eben so meine Art. Wenn einer mich auf meine Wampe aufmerksam macht, mach ich einfach einen noch lustigeren Witz darüber - von solch oberflächlichen Eitelkeiten habe ich mich längst verabschiedet.
Außerdem zeige ich so, dass ich auf dieser Ebene nicht angreifbar bin.
So gesehen hat das LyrIch im obigen Text natürlich ähnlich reagiert, bloß einen Fehler gemacht: Nämlich eine Aussage auf Kosten des Gesprächspartners gemacht anstatt auf eigene - Gegenangriff statt Selbstironie. Kann auch gutgehen, wenn derlei am Gegenüber abprallt - kann aber auch unnötig soziales Porzellan zerbrechen.

Der Hauswart denkt jetzt möglicherweise, das LyrIch hätte ihn IMMER SCHON für dumm gehalten und bestenfalls anderes vorgespielt, denn genau das impliziert die Aussage. Er fühlt sich nun belogen und manipuliert, und das LyrIch für eine intrigante, unaufrichtige Person. Eigentlich nicht das, was es erreichen wollte. Zu ehrlicher Selbstreflektion führen Kränkungen fast nie. Den anderen die Wahrheit wie einen nassen Ausreibfetzen um die Ohren zu hauen, führt zu keiner Einsicht beim Gegenüber - höchstens zur Aussicht auf Kampf, Hass oder Verachtung.
Ich weiß - eine seltsame Aussage von einem, der von sich sagt, er wäre so wie dieser Hauswart - aber ich hab mir eben schon oft die Zunge verbrannt! Erfahrungswerte!

Bis auf das verbal aggressive Ende ein schöner Text!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

Re: Von leicht und schwer
« Antwort #2 am: August 12, 2018, 17:56:17 »
Lieber Erich,

es freut mich, dass du dir so viele Gedanken über den Text gemacht hast.
Der Text ist insofern autobiografisch, da ich in der Tat 2 Größen zugenommen habe, von 40 auf 44, aber fett bin ich nicht. Ausschlaggebend aber war, dass eine bislang gute Freundin nun mit 60 anfängt, zu diäten, als würde alles nur von dem Gewicht abhängen. Es gibt auch unterschiedliche genetische Rassen, wo manche hager sind, klein, üppiger, kräftig. Bei manchen sieht das Dünne gar nicht gut aus.
Es ging mir also darum, da ich durch meine Medikamente plötzlich nicht mehr so schlank und sportlich aussah, im Allgemeinen darüber nachzudenken, warum sich die Dickeren immer irgendwie schlecht fühlen sollen. Und als schwach gelten, weil sie eben gerne essen.
Essen war und ist für mich immer Genuss, Lebensgefühl, ich koche und backe gerne.

Der Hausmeister verkörpert nicht den " direkten, ehrlichen" Menschen,sondern den, der über Dicke spottert und seine eigene Frau nur mag, wenn sie dünn ist.
Es geht also darum, auch den "schwachen" Dicken mal eine Keule in die Hand zu geben. Nur so wird der Hausmeister und seine Typen lernen.
Übrigens gibt es den Mann wirklich, er ist dürr und hässlioch. Mein Mann hingegen ist immer kräftig gewesen und hübsch, also- so what?  :-\ ;D

Dumm mag er nicht sein, obwohl Husmeister jetzt it als de Schlauesten jelten,  denn so eine Aussage ist zynisch und soll verletzen, ihn selbst überhöhen. Genau deshalb holt der Dicke oder die Dicke ihn in diesem Text mal herunter vom Podest, denn dumm will er nicht sein.

Ich will mit dieser geschichte sagen, dass Menschen Wertigkeit nicht vom Äußeren abhängig machen dürfen und dass wir uns das alle immer wieder ins Gedächnis rufen. Den anderen sein lassen, so, wie ich es immer versucht habe. Es sei denn, solche Hausmeister, die haben auch zu anderen Gelegenheiten von mir einen auf den Kittel bekommen  :o ;D >:D

Was hübsch ist, liegt  ohnehin immer im Auge de Betrachters.
Lächeln und danke dir von Agneta




Erich Kykal

Re: Von leicht und schwer
« Antwort #3 am: August 12, 2018, 19:14:05 »
Hi Agneta!

Mit dem Begriff "Rassen" solltest du vorsichtiger sein, wenn es nicht um Hunde, Katzen oder Nutzvieh geht!

Du kannst von "genetischer Disposition" sprechen, aber "menschliche Rasse" gibt es seit dem Aussterben der Neandertaler rein genetisch nur noch: eine!

Hautfarbe, Lidfalten, Kraushaar und andere äußere Unterschiede sind zwar genetisch bedingt, jedoch erwiesenermaßen nur unterschiedliche territioriale Ausprägungen des Genpools einer einzigen Rasse: Homo sapiens.

Es gab früher mindestens 5 andere "Menschenrassen" mit eigener Evolution, aber sie sind alle ausgestorben, hier zuletzt die Neandertaler und weltweit die "Hobbits", die Zwergmenschen auf der indonesischen Insel Flores.

Ganz ausgestorben sind sie übrigens nicht (bis auf die Hobbits) - da es immer Vermischungen gab während der Ausbreitung der "modernen" Menschen, ist das gesamte Genom der anderen Rassen noch in unserem vorhanden, wenn auch nie in einem einzigen Individuum. Durchschnittlich haben heute lebende Menschen ca. 2-3% Neandertalergene, ca. 1% Gene der in Zentralasien beheimateten Menschen, genannt "Denisova", und auch Anteile anderer damals in Afrika beheimateter Arten.

Abgesehen davon pflichte ich deinen Ausführungen über menschliche Dummheit durchaus bei. Ich empfehle nur eine diplomatischere Art, es ihnen unter die Nase zu reiben!  ;) ;D

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

Re: Von leicht und schwer
« Antwort #4 am: August 12, 2018, 20:17:47 »
ach herrjeh , ja- das Wort "Rassen.". In der heutigen Zeit denkt da jeder sogleich an Diffamierung dunkelhäutiger Menschen.
Es ging mir einfach um den Körperbau. Niemand wird ja wohl bestreiten, dass Sizilianer z.B. eher klein und schmal von Natur sind, Polen manchmal auch, aber eben selten schmal, sondern mit kräftigem Hüftbau. Schweden hoch gewachsen und kräftig mit eher runden Gesichtern, Engländer eher hoch gewachsen und hager mit länglichen Gesichtern. Dies meinte ich mit Rassetypisch.
Nur so meinte ich es.
Es sieht z.b.total unnatürlich aus, wenn  sich slawische Typen abhungern,da die Proportionen einfach nicht mehr  stimmen. Die Gesichter werden dann zu kantig, zu hart, die Taillen zu lang. Haben die Frauen so ein breites Becken, sieht es gut aus, wenn sie etwas fülliger sind ( sehe ich jetzt bei mir selbst). Siehe diese Amerikanerin, die in Pretty Woman spielte... In der Trilogie über die Südstaaten , weiß nicht mehr wie die hieß, war sie noch füllig. Mein Gott, war sie eine Schönheit! Irgendwann wurde sie dürr, passte überhaupt nicht.
Mein Gesicht wirkt jetzt auch viel weicher... ;D
Diplomatie ist mir nicht gegeben, Erich, you know that, don't you? GGG von Agneta

Erich Kykal

Re: Von leicht und schwer
« Antwort #5 am: August 12, 2018, 23:40:50 »
Hi Agneta!

Im Grunde bin ich da bei dir, die "political correctness" ist für mich ohnehin nur ein überkandidelter Eierlauf der Eitelkeiten! Bloß nirgends anecken! Bloß nicht "Neger" sagen! (Manche kaufen bei uns tatsächlich deshalb keinen Meinl-Kaffee, weil die mal einen Mohrenjungen mit Fes als Logo hatten!  ::)) Würde ich als Mann von weiblichen Becken und Taille reden, ohne Gynäkologe zu sein, wäre ich schon in der sexistischen Ecke! Ich denke, man kann alles übertreiben!

LG, eKy
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Agneta

Re: Von leicht und schwer
« Antwort #6 am: August 13, 2018, 19:16:12 »
so sehe ich das auch und dein Argument mit den "gynäkologischen Fachbegriffen" ist ebenso wahr wie lächerlich. Diese ganze Wortklauberei ist lächerlich. Das ist so eine Hochkultur von übertriebenster Vorsicht, die nichts mit Empathie zu tun hat, sondern mit "Sich selbst  herausstellen als besonders".
Ich sage Schwarzer und habe lange in Afrika gelebt und dort gilt das Wort "Weißer" für Mischlinge als Schimpfwort. Bei uns ist es umgekehrt, aber wie sich die Menschen doch gleichen...  von Agneta

cyparis

Re: Von leicht und schwer
« Antwort #7 am: August 18, 2018, 12:06:48 »
Lieber Erich,
 im Allgemeinen darüber nachzudenken, warum sich die Dickeren immer irgendwie schlecht fühlen sollen. Und als schwach gelten, weil sie eben gerne essen.
Essen war und ist für mich immer Genuss, Lebensgefühl, ich koche und backe gerne.

Es ging mir also darum, da ich durch meine Medikamente plötzlich nicht mehr so schlank und sportlich aussah,

Der Hausmeister verkörpert nicht den " direkten, ehrlichen" Menschen,sondern den, der über Dicke spottert und seine eigene Frau nur mag, wenn sie dünn ist.
Es geht also darum, auch den "schwachen" Dicken mal eine Keule in die Hand zu geben. Nur so wird der Hausmeister und seine Typen lernen.
Übrigens gibt es den Mann wirklich, er ist dürr und hässlioch. Mein Mann hingegen ist immer kräftig gewesen und hübsch, also- so what?  :-\ ;D

Dumm mag er nicht sein, obwohl Husmeister jetzt it als de Schlauesten jelten,  denn so eine Aussage ist zynisch und soll verletzen, ihn selbst überhöhen. Genau deshalb holt der Dicke oder die Dicke ihn in diesem Text mal herunter vom Podest, denn dumm will er nicht sein.

Ich will mit dieser geschichte sagen, dass Menschen Wertigkeit nicht vom Äußeren abhängig machen dürfen und dass wir uns das alle immer wieder ins Gedächnis rufen. Den anderen sein lassen, so, wie ich es immer versucht habe. Es sei denn, solche Hausmeister, die haben auch zu anderen Gelegenheiten von mir einen auf den Kittel bekommen  :o ;D >:D

Was hübsch ist, liegt  ohnehin immer im Auge de Betrachters.
Lächeln und danke dir von Agneta

Liebe Agneta!

Mein Phantomschmerzmittel  ließ mich gnadenlos zunehmen - es ist wirlich nicht schön, zumal ich in der Bewegung sehr eingeschränt bin.
Notgedrungen mache ich nach der Beerensaison wieder Atkins-Diät, die die Pfunde purzeln läßt.

Hach, jetzt muß ich aber schnell mal die Kommentare lesen!

Lieben Gruß
Euch beiden
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
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