Autor Thema: Dunkelblau  (Gelesen 108 mal)

Erich Kykal

Dunkelblau
« am: März 04, 2019, 18:10:18 »
Lautlos wird der Himmel grauer,
wenn der Wolkenhimmel spät
seine Segel nachtwärts bläht
über manchem Regenschauer.

Finsternis liegt auf der Lauer,
wo der Wind ins Blasse dreht,
und wer jetzt nach Hause geht,
nutzt des Zwielichts kurze Dauer.

Bilder werden ungenauer,
wo ein Sandmann Schatten sät,
und der Nacht, die nichts verrät,
werden die Konturen rauer,

türmen sich zu einer Mauer,
die aus purem Schwarz besteht,
und der Hauch, der daraus weht,
macht uns innen dunkelblauer.
« Letzte Änderung: März 04, 2019, 18:15:37 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Dunkelblau
« Antwort #1 am: März 04, 2019, 21:38:58 »
16 Zeilen mit nur zwei Reimendungen zu bestreiten, ohne dass es monoton oder erzwungen klingt, macht Dir keiner so schnell nach - ich bekäme das nicht hin! Vielleicht gum (wo steckt der eigentlich?!) und zwei-drei andere aus diesem Forum oder dem Eiland (jetzt nenn ich keine weiteren Namen, weil die List notwendigerweise unvollständig und daher für nicht genannte ungerecht und kränkend wäre)... großes Kino, lieber eKy! :)
Ich vermute mal, das wäre beinah ein Sonett geworden und dann hat sich der Klang verselbständigt, oder? :)
Grundsätzlich könnte ich mir aus dem Material unter Hinzufügung einer weiteren  Reimendung auch sehr gut eine Sonett-Variante mit über die Strophen greifenden Reimen vorstellen z. B.: A-B-B-A; B-C-C-B; A-C-C; A-B-B (o.ä.)... nur so ins Unreine gedacht... :)

Erich Kykal

Re: Dunkelblau
« Antwort #2 am: März 04, 2019, 22:45:27 »
Hi Suf!

Nö, hier dachte ich nicht an ein Sonett. Ich habe zwar auch schon vierhebige Sonette geschrieben, aber hier haben sich die gleichen Reime wie von selber ergeben. Erst ab dem Schreiben von Mitte S2 bahnte sich die Möglichkeit gleichbleibender Reime an, und ich habe dieses Konzept dann bewusst verfolgt.

Genau genommen ist es ja nicht exakt der gleiche Reim, zumindest bei den umarmten Zeilen: 2 Str. (1 und 3) reimen auf "spät", 2 andere (2 und 4) auf "dreht", das ist ein minimaler klanglicher Unterschied.  >:D (Advocatus diaboli)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Dunkelblau
« Antwort #3 am: März 05, 2019, 09:53:57 »
Ja - der Hinweis mit den variierten Reimendungen ist natürlich richtig, eKy - und es verdient i. d. T. nochmal eine besondere Erwähnung, dass Du sogar die Reime auf -ät bzw. -eht nochmal symmetrisch gruppiert hast... Dein klangästhetisches Sensorium ist wirklich überaus fein justiert! :)

Erich Kykal

Re: Dunkelblau
« Antwort #4 am: März 05, 2019, 18:53:47 »
Das für Schmeichelei auch!  ;) :) 8) >:D

(In dem Sinne, dass ich sie gern höre - bitte nicht als moralischen Vorwurf zu verstehen!)

LG, eKy
« Letzte Änderung: März 05, 2019, 18:55:35 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Dunkelblau
« Antwort #5 am: März 06, 2019, 20:18:18 »
Von mir kannst Du Schmeicheleien hören, soviel Du magst, hast Du Dir auch redlich verdient, lieber eKy! :)

Agneta

Re: Dunkelblau
« Antwort #6 am: März 13, 2019, 09:25:26 »
das ist tatsächlich ein geniales Werk, lieber Erich und erinnert mich von der Stimmung her an Rilkes: wer jetzt noch keine Heimat hat, der findet keine mehr. Ohne jedoch auch nur im entferntesten irgendwie zu kopieren. So wie andere " Genies" es gerne tun.
Die Nacht als furchterregendes, sich verselbstständigendes Mächtiges, das über uns bestimmt.
Feine Bilder, feine Struktur!
Gerade deshalb scheint mir gerade die Pointe eher schwach in dem Bild. Dunkelblauer..., was soll das sein? Blau gefroren?
Ich würde vielleicht das Ungenauer mit dem Blauer tauschen.
Als Pointe, das wir selbst in der Nacht , anderen und auch uns selbst ungenauer werden, im Dunkel oder Blau untergehen, sichtlos werden- das scheint mir als Pointe hier angedacht.
LG von Agneta

Erich Kykal

Re: Dunkelblau
« Antwort #7 am: März 13, 2019, 18:28:22 »
Hi Agneta!

Gemeint ist, dass das schwindende Licht auch unsere Gedanken verdunkelt - die kommende Nacht taucht uns innerlich in dunkle Farben ...

Vielen Dank für deinen Zuspruch!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

Re: Dunkelblau
« Antwort #8 am: März 14, 2019, 11:21:40 »
hm, verstehe. Dennoch ist das ja nicht zwangsläufig so. es gibt auch Nächte, die durchaus erfreulich sein können.
Da der Rest des Werkes genial ist, würde ich da noch mal drüber nachdenken. Dieses "innen dunkelblauer werden" ist sprachlich nicht so hochstehend wie der Rest. Im Übrigen würde die Steigerung implizieren, dass wir auch vorher schon "innen blau" waren. Worauf aber nicht hingewiesen wird vorher. Im Übrgen konnotiert man bei blau eher betrunken als traurig.
Durch den Haufenreim wird es natürlich schwierig, da ein anderes Reimwort zu finden.
Vielleicht könnte man mit Mauern und erschauern arbeiten.

Bilder werden ungenauer,
wo ein Blaues Schatten sät.
In der Nacht, die nichts verrät,
werden die Konturen rauer,

türmen sich zu hohen Mauern
die aus purem Schwarz bestehen,
und der Hauch will nicht vergehen,
lässt im Tiefsten uns erschauern.

 So oder so ähnlich...
LG von Agneta
« Letzte Änderung: März 14, 2019, 11:23:12 von Agneta »

Martin Römer

Re: Dunkelblau
« Antwort #9 am: März 14, 2019, 12:25:16 »
Meine Nächte sind nicht so erfreulich, sie sind eigentlich Nächte per se, sozusagen Becken der linden seelischen Ratlosigkeit, was übrigens einer Harmonie nicht zuwiderlaufen muss. Deswegen habe ich mich bislang auch höflich zurückgehalten, Form und Ausdruck sind mir fast ein wenig zu zärtlich.

Die Verse sind sehr rein, reine Seide, reiner Fluss. Das meine ich so, wie ich es sage und hoffentlich ist es verständlich. Nichts ist da wacklig, die Erzähldiktion wird nicht brüchig oder wirr. Vielen sagt das zu, einige wenige fühlen sich „symbolistisch übersättigt“. Ich bin frech, ich liege auf der Lauer, ich klicke mich so durch…

Und es gibt natürlich auch Divergenzen – just gelesen, aufgeschnappt, Zitat: das Zwielicht ist fürchterlicher, als die Dunkelheit…

Du siehst dich vielleicht als „Beschreiber“, Beobachter, da ist dort der Regenschauer und dort ein letzter Spaziergänger, während ich eher die Warte des Inneren, Ringenden usw einnehme – na ja, es kommt mir halt heut spontan so vor.

Im Übrigen assoziier(t)e ich „blau werden“ mit „strenger werden“, „stärker, reiner, weiter, tiefer, selig reicher, kräftiger, eben kühler, blauer werden“ und auch auf diese Tugend der Mensch-Philosophen (nicht Humanisten, Humboldtsche glaub ich auch eher nicht) habe ich kaum noch Lust mehr.

Dies Gemurmel zur Ergänzung – viele Grüße
M.

Erich Kykal

Re: Dunkelblau
« Antwort #10 am: März 14, 2019, 17:17:16 »
Hi Martin, Agneta!

Ja, die psychologische Farbenkunde - da bekommen die Farben spezielle Eigenschaften, Zuordnungen und Stimmungen.

Bei meiner Wahl des "dunkelblauer" bezog ich mich auf die eigene Stimmung beim Schreiben und extrapolierte das gewagt ins Allgemeine. Natürlich gibt es auch heitere, gelöste Nächte, solche voller Trubel und Kurzweil, und auch solche, die noch viel schwärzer sind ... - aber in diesem Falle spielgelt die Wortwahl die innere Verfassung des Dichters während des Schreibens.

Mag sein, dass Agneta die Schlusszeile subjektiv als "abfallend" empfindet. Da ist ja jeder anders gestrickt. Mir geht es nicht so, ich finde der farbliche Komparativ kitzelt angenehm das Kopfkino. De gustibus usw ...  ::)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
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Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Copper

Re: Dunkelblau
« Antwort #11 am: März 14, 2019, 20:35:58 »
Hallo Erich,

künstlerisch ein Genuss. Die Farbenvielfalt  des Tages weicht und die letzten Stunden des Tages zeichnen nur noch ein grauschwarzes Bild. Deshalb hast du auch nur zwei Reimendungen gewählt.

Ich liebe den Abend und noch mehr die Nacht. Wenn das drangvolle Treiben endlich ein Ende hat und sich ein heilvolles dunkelblau auf meine Seele legt. Dunkelblau ist eine ruhige, nicht aufdringliche Farbe.

LG. Copper.

Erich Kykal

Re: Dunkelblau
« Antwort #12 am: März 14, 2019, 20:52:16 »
Hi Copper!

Vielen Dank für deine schönen Gedanken dazu!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.