Autor Thema: Satanael  (Gelesen 1956 mal)

Erich Kykal

Satanael
« am: Juni 20, 2019, 20:34:48 »
Verweigert hast du dich dem Absoluten,
und abgetan sein eisernes Gebot,
so blieb dir nur Verbannung oder Tod,
denn rachedurstig ist das Herz des Guten.

Und für die Hölle zwang es dich zu bluten,
und färbte deine schönen Züge rot,
und schwarzer Atem wie aus einem Schlot
und Augen wie aus heißen Lavagluten

erklärten dich der Welt seitdem in Bildern.
Auf manchen zieren dich auch Hörner gar,
und Hufe noch, um die Natur zu schildern,

die dir ein harter Glaube unterstellt!
Die Zweifel mancher Menschen mildern zwar
dein hartes Los, doch es bleibt unerhellt.
« Letzte Änderung: Juni 20, 2019, 20:36:26 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Satanael
« Antwort #1 am: August 26, 2019, 12:20:31 »
Bei Grabungsarbeiten bin ich nun noch auf dieses wunderschöne Sonett gestoßen - hier gilt es wirklich auch schleunigst, einen Kommentar nachzuholen, Du alter Satanist! ;)
Der Herr der Fliegen hat ja wahrlich schon immer die Sprachkünstler angezogen und gar nicht so selten - man denke an den Mephisto im Faust - begegnen die Dichter dem Herrn der Finsternis mit überraschend viel Sympathie. Du gehst nun noch darüber hinaus und zeigst gar tiefe Anteilnahme und Mitleid mit dem Verfemten, verbunden mit (sehr nachvollziehbarer :) ) Verachtung für die Bigotterie der "Guten". 
Übrigens hat mich der Titel erst etwas abgeschreckt, weil er irgendwie nach einer Dark Metal-Band klang ;) Nun ja... eine eher subjektive Assoziation. :)
Sehr gerne gelesen!
S.

Erich Kykal

Re: Satanael
« Antwort #2 am: August 26, 2019, 14:14:11 »
Hi Suf!

"Satanael" ist der ursprüngliche Name des Gefallenen, der Name "Luzifer" (lat. für Lichtbringer) war anfangs nur ein Beiname, eine Art Ehrentitel, weil er es war, der die Sterne (Sonnen) entzündete, das Licht in die Welt brachte, als der Herr sprach: "Es werde Licht!"
Es gibt auch ein englischsprachiges Gedicht von mir mit dem Titel "Lucifer", in dem ich darauf Bezug nehme.

Ich finde immer, dass man unterscheiden muss zwischen dem wahrhaft geglaubten religiösen "Teufel" und der philosophisch motivierten literarischen Figur eines Faust (Der Geist, der stets verneint) oder anderen. Für mich ist die Figur ein gutes Gleichnis für die Machtwillkür jener, die darüber verfügen, ob Gott oder nicht, und deren Hinterfragung, für Geradlinigkeit und Mut, zur eigenen Meinung zu stehen, aber auch für Hybris und Verkennung der Realität. Er ist für mich die "menschlichste" Figur in der bekannteren Bibel, erinnert eher an die griechischen Götter der Antike, die auch sehr gemenschelt haben in ihren Motiven und doch recht ungöttlichen Wutausbrüchen!  >:D

Vielen Dank für deine wertvollen Gedanken!  :)

LG, eKy
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Sufnus

Re: Satanael
« Antwort #3 am: August 26, 2019, 17:41:12 »
Was Du da skizzierst, der gefallene Engel als ein Gleichnis für Hinterfragung der Mächtigen und für Geradlinigkeit und Mut, das dürfte ein Gedanke sein, der auch unsere Agneta sehr anspricht. :) Ich mag dabei Deine Differenzierung, eKy, dass (wenn ich Dich richtig verstehe) dieser Mut auch leicht in Hybris umschlagen kann - wobei die Unterstellung von Hybris natürlich auch ein typisches Propaganda-Instrument der herausgeforderten Mächtigen sein kann ;).
Lg!
S.

Erich Kykal

Re: Satanael
« Antwort #4 am: August 26, 2019, 21:04:27 »
Hi Suf!

Beide fallen gern der Selbstüberschätzung anheim - der Mächtige wie sein Herausforderer! Wahrscheinlich brauchen sie das auch beide, sonst würde ihnen angst und bange bei ihren Taten ...

Die Selbstgefälligkeit eines arrivierten Gottes, der in seiner Allmacht badet, und jene des Zweiflers, der alles besser weiß und anders machen will - beiden mangelt es an Demut, aber hätten alle jene, es ginge wohl nie wirklich was weiter in der Welt ...  ::)

Und was den Ruf des Teufels anbelangt: Es waren eben immer schon die Sieger, die "Das Buch dazu" schrieben, die die Historie diktierten. Der Verlierer fällt dem Rufmord anheim, wird "verteufelt" ...
Dabei sagt die Bibel selbst genau genommen nicht aus, dass der Teufel, sprich der ehemalige Engel, selbst böse und verderbt sei - nur dass er es als ungeliebte Strafe aufgebrummt bekommen hat, die Hölle zu verwalten und die Menschen ständig durch Verlockung zu prüfen., weil seine Revolution gegen den Gottvater gescheitert war und er nur so überleben durfte - mittels "Fall".

Und wie entstand das heutige "klassisch dämonische" Teufelsbild?

Hörner und Hufe kommen von den Ziegen und Steinböcken, denen man hemmungslose Lüsternheit ("Geiler Bock!") nachsagte. Auch die lange Zunge erinnert an den Bock beim "Flehmen", wenn er mit weit herausgestreckter Zunge hinter den Geißen herrennt, um Geruchstoffe für das Gaumenorgan aufzunehmen, mit dem er prüft, ob die Geiß schon paarungsbereit ist. Früher wusste man nichts davon, empfand das Bild nur als triebhaft und "unschicklich" im Lichte der damaligen engen und gestrengen Kirchenmoral.
Die Hufe sind möglicherweise auch von den antiken Darstellungen des (ebenfalls triebhaften!) Satyrs beeinflusst und inspiriert - und es kam der Kirche gelegen, die "alte" religiöse Mythologie so ins Negative zu ziehen und als böse darzustellen.
Die rote Haut: diese Farbe erinnert uns an starke Emotion, Triebhaftes wie Aggressives und Hemmungsloses: Blut, Lippenröte, die "zum Pflücken reife Frucht"als erotischer Vergleich (Warum wohl sind die meisten Bordelle innen vornehmlich in Rot gehalten?), aber auch Wut ("Ich sehe rot!") bis zum Amoklauf.
Auch der Schwanz erinnert an die Tierhaftigkeit dieser durch Jahrhunderte konstruierten Gestalt. Der dreizackige Spieß ist ein weiterer Versuch der Kirche, so die Götter der Antike zu diskreditieren, in diesem Fall den berühmten Speer des Poseidon/Neptun. Und das einfache Volk sah darin eine Art Heugabel, um die sündigen Seelen damit quasi wie Heu in die Hölle zu schaufeln.


LG, eKy
« Letzte Änderung: Juli 17, 2021, 11:40:35 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.