Autor Thema: Niemals jeiht man so janz  (Gelesen 2707 mal)

Agneta

  • Gast
Niemals jeiht man so janz
« am: Februar 27, 2020, 12:27:05 »
Niemals jeiht man so janz

Als isch domals aanjekomme,
wusst isch nit, ob isch do blieve.
Doch du häst misch aanjenomme,
un et woard de jroße Liebe.

Häst misch dinge Sproch jeliehrt,
dinge Minsche losse lewwe.
Häst misch hätzlisch akzeptiert,
dinge Lewwensfreud jejewwe.

Stille Weite, plattes Land,
nahmt misch fründlisch an de Hand,
jrad , als ob ihr um misch wusstet.
Kerpen, wo isch Heimat fand,
ohne dat isch froche musste.

Met Dank an ming Stadt Kerpen un ihre Minsche für 30 jute Joare.

Erich Kykal

Re: Niemals jeiht man so janz
« Antwort #1 am: Februar 27, 2020, 14:59:37 »
Hi Agneta!

Etwas schwierig zu lesen für diesen Dialektes Ungeläufige, aber es lohnt sich!

Den einen unreinen Reim in der letzten Str. könnte man vielleicht begeben, indem man Z3 so formuliert:
"jrad, als ob man um misch wusste."

Sehr gern gelesen!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Martin Römer

  • Gast
Re: Niemals jeiht man so janz
« Antwort #2 am: Februar 27, 2020, 19:47:08 »
Bei solch legerer Andacht verlangt es mich nach Telegrammstil ---
über das Ruhrgebiet käm mir nie Hübsches über die Lippen.
"Trautheit" hätte man das früher genannt.
Glückwunsch deiner Seele.


Bis dann
M.

Agneta

  • Gast
Re: Niemals jeiht man so janz
« Antwort #3 am: Februar 29, 2020, 18:25:21 »
Ja, das mag sein, lieber Erich, aber Sprache ist nun mal auch Heimat...
danke fürs Lesen und Mitfühlen. LG von Agneta
Lieber Martin,
nicht mal meiner eigentlichen Geburtsheimat bringe ich solche Gefühle entgegen. Es muss schon passen. Und manchmal tut es das eben nicht. Lieben Dank auch dir und lG von Agneta

Sufnus

Re: Niemals jeiht man so janz
« Antwort #4 am: M?RZ 01, 2020, 20:14:25 »
Ich bewundere gut gemachte dialektale Lyrik ganz besonders - auch weil ich das nie zuwege brächte... Deine Zeilen, Agneta, gefallen mir ganz besonders gut und sie sind auch emotional berührend! Sehr gerne gelesen! :)
S.
P.S.:
@Martin: Kerpen ist nach meinem Dafürhalten im Rheinland zu verorten, aber keinesfalls im Pott :)... nach meiner Erfahrung reagieren die - sonst ja allesamt furchtbar verträglichen - Leute in NRW höchst vergrätzt (bestenfalls belustigt), wenn man da alle Regionen mit dem Ruhrgebiet gleichsetzt... ;)

Agneta

  • Gast
Re: Niemals jeiht man so janz
« Antwort #5 am: M?RZ 01, 2020, 20:35:22 »
da hat Suf recht. Kerpen ist quasi ein Vorort von Köln. Hat mental und auch regional nichts mit dem Pott zu tun. der ist mind. 60 km weit weg.
Lieben Dank, Suf. für dein Lob. Ja, ich habe Heimweh… schluchz.
LG von Agneta

Sufnus

Re: Niemals jeiht man so janz
« Antwort #6 am: M?RZ 01, 2020, 20:45:56 »
Ich mag den Spruch "Home is where your heart is."... Heimat ist das, was wir in uns tragen und nicht das, was wir irgendwo zurücklassen... klingt tröstlich... bis einen die Nostalgie und Trauer, über Zurückgelassenes überfällt... dann hilft nur eine gute Tat für das eigene leibliche Wohl und je nach Neigung die Hinwendung zu etwas Schönem... ich würde natürlich zu einem Gedichtband greifen... :)
LG!
S.

Martin Römer

  • Gast
Re: Niemals jeiht man so janz
« Antwort #7 am: M?RZ 01, 2020, 22:14:56 »
Guten Abend,

...aber ich hatte doch vorher noch bei Wikipedia geschaut - mach ich immer gern mal -
und da stand was von Braunkohle!
Nun, wo man im Ganzen keine Sympathien hat, ermangelt man schnell des Fingerspitzengefühls bzw. wirft Sachen durcheinander.

Kerpen war mir natürlich ein Begriff, denn ich verrotte noch in Duisburg, also zumindest im gleichen Bundesland.
Duisburg wird wohl keiner ernsthaft als warmes Plätzchen betrachten.
Aber heutzutage ist alles versifft. Kein kulturelles Berlin, liebenswertes Wien, ominöses Moskau,
alles ward Beton oder - noch ungemütlicher - glitschige Einheitsmasse, von Ekstase wie Gespensterdasein gleichermaßen begleitet.
Schade, das Schicksal nahm mir ein ordentliches Beschreiben dieser stillen Revolution.....
Eigentümliches und Traditionelles - eigentlich etwas Fundamentales - wird als Touristenattraktion verkauft,
wie bspw. die via Gondelbahn zu erreichende Insel von Irland.

Dich plagt verlorene Heimat, also kann ich nicht sagen: was vergoldet dir den Busen aus dem Schmutzloch Leverkusen.
Letztens war ich etwas irritiert.

Ob ich nach der kolossalen Veranlagung als Rosemarys Baby (vom Teufel) und ziemlich jüdisch im Verlauf Heimat finde, das wird erdämmern.....
"Mein Herz ist tot" - man mag es kaum glauben, aber Gerüst eines Sonettes von Lady Anneliese.....


Viele Grüße
M

Agneta

  • Gast
Re: Niemals jeiht man so janz
« Antwort #8 am: M?RZ 01, 2020, 22:50:27 »
ja, Suf, Hinwendung zu etwas Schönem. Habe mir ein Häschen gekauft. Lächeln. Heimat hat mit Landschaft und Menschen zu tun. Die Mentalität muss stimmen, Spinner gibt es überall. Leverkusen ist sooo weit nicht weg von Kerpen, aber die Mentalität ist ganz anders. Steif, schroff, übellaunig...
Die Landschaft ist leicht bergig, also ganz anders.
Ich wollte ja immer in den Norden ans Meer. Naja...
Lieber Martin,
Heimat und ob man sie findet, wie gesagt, Landschaft und Menschen. Der Pott hat auch schöne Ecken, man muss sie nur finden. Kerpen hat auch Braunkohle , wird ja jetzt abgerüstet. Ist aber ganz anders als im Pott. Irgendwie ausgelagert...und keine Bergwerke.
Schön, dass ihr euch so mit dem Text auseinandersetzt. Das freut mich und tut mir gut.
LG an euch beide von Agneta