Autor Thema: Ich fühle nicht der schweren Tage Fristen  (Gelesen 1911 mal)

Eisenvorhang

  • Gast
Ich fühle nicht der schweren Tage Fristen
« am: April 19, 2020, 13:19:55 »
Ich fühle nicht der schweren Tage Fristen,
nach all den Wegen fühle ich mich schwach,
und sehne mich nach neueren Gelüsten,
nach einem silberlichtversunknen Bach,
der sich durch alle meine Sinne misst.

Ich träume nur allein und glaube nicht
an eine Welt, die mir sich noch erreift.
Wohin wird alles enden? Ins Gedicht?
So steige ich aus trübem Öl gereift
und bin ein Schatten, der die Farben frisst.
« Letzte Änderung: April 20, 2020, 11:49:28 von Eisenvorhang »

Erich Kykal

Re: Ich fühle nicht der schweren Tage Fristen
« Antwort #1 am: April 19, 2020, 14:36:04 »
Hi EV!

Sehr schönes Gedicht - inhaltlich ganz auf meiner Linie, möchte ich voll des Lobes sagen!

Anmerkungen:

Widersprechen sich S1Z1 und 2 nicht? Erst fühlt das LyrIch nicht die "Fristen schwerer Tage", was wohl heißen soll, dass es sich trotz Fährnissen wohlfühlt - nur um in Z2 dann doch schwach zu sein.
Für mich ergäbe es so mehr Sinn:
"Ich trage schwer an dunkler Tage Firsten,"

S1Z3 - Kann ein Hunger darben? Darben bedeutet ja ursächlich, hungrig zu sein, das wäre, als würde man sagen, dass das Leben lebt, oder dass ein Tiger tigert. Also auch mit gedachter Personifizierung eigentlich doppelt gemoppelt. Statt "darbe nach" wäre also ein unverfänglicheres Verb hier unproblematischer. Oder du überdenkst den Satzteil mit dem Sophisten ...

S2Z2 - "glaube nicht ... an eine Welt". Und ich glaube nicht, dass man "erreift" so verwenden kann. Man sagt: "eine Welt ... die mir noch erreift." oder "eine Welt, die sich mir noch erklärt". Aber beides kombiniert? - Ich glaube nicht. Lösung:
"an eine Welt, die noch in mir erreift."


Gerade diese 2. Strophe halte ich für wirklich großes lyrisches Tennis - meine aufrichtige Reverenz und Chapeau! Vor allem das Bild der Concusio (aus trüben Öl gereift und farbenfressender Schatten!) drückt das Gefühl gekonnt aus, nur zu konsumieren, ohne noch tieferen Sinn zu suchen nur zu gieren - nach Leben, nach Erfüllung, oder wonach auch immer. So erging es auch mir, bis ich begriff, dass das Leben an sich das Wertvolle war, das Geschenk ohne Rechnung, und dass es keinen Sinn verlangt oder braucht, um genossen werden zu dürfen. Nur wir dummen Menschlein suchen verkrampft danach, als könnten oder dürften wie ohne nicht sein ...

Auch S1 ist gut gelungen, aber diese 2 Str. haut einen vom Lesehocker, wenn mir das drastische Bild gestattet sei.  ;)

Interessant für mich die Reimstruktur mit der strophenübergreifenden letzten Zeile: ABABC - DEDEC.
Interessant für mich deshalb, weil ich in meiner lyrischen Frühzeit selbst viel mit Formen experimentiert und derlei selbst angewandt habe. Dein Werk erinnert mich an diese Zeiten - auch dafür hab Dank.

Ausgesprochen gern gelesen!  :)

LG, eKy
« Letzte Änderung: April 19, 2020, 14:41:17 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Eisenvorhang

  • Gast
Re: Ich fühle nicht der schweren Tage Fristen
« Antwort #2 am: April 19, 2020, 17:23:54 »
Hallo lieber Erich!

Vielen Dank für das wunderschöne Lob, das bauchpinselt meine zarte Dichterseele.

S1Z1, Folgendes: Eine Frist setzen, heißt ja, dass damit ein Zeitraum gemeint ist. Ich setze jemanden eine Frist von drei Wochen, danach muss xyz geschehen.
Ich meinte das wie folgt, dass die schweren Tage keine Frist mehr haben... Es ist kein Ende in Sicht. Natürlich hätte ich das einfacher ausdrücken können, kein Thema...
Will mich aber, wie du bereits eingängig erwähntest, im "Verdichten" üben - wenn da Fehler entstehen ist das für mich okay, dann aus Fehlern lerne ich ja und wenn ich mich nicht austeste, kann ich nichts lernen.
So viel erstmal dazu.

Der Hunger. Das LI hungert im VERGLEICH wie ein hungernder Sophist. Wichtig ist, dass sich das LI nicht als Sophist sieht, aber der Wunsch dahin gehend existiert.
Du hast aber vollkommen recht, die Strophe ist zu krüppelig, so dass ich da nochmal das Sandpapier ansetzen muss.
EDIT: Habe es in "und sehne mich nach neueren Gelüsten" umgeändert. So ist er unrein, der Reim, aber passt im Großen und Ganzen.

Die Welt: Hier geht es weniger um die innerliche Welt, viel mehr um das gelebte Leben, was sich dem LI nicht ergeben will. Sehnsucht nach einem anderen Leben.
"Erklärt" klingt mir in dem Gedicht zu unlyrisch. Wie ich das am besten optimiert bekomme, muss ich mal sehen... Ich bin mir aber sicher, dass mir heute oder morgen was Schöneres einfallen wird.
Im Moment fliegen mir die Zeilen weniger zu wie vor einem halben Jahr.

Die Lyrik ist manchmal ein zickiges "Weib".  >:D ;D :-[

Ich wünsche Dir noch einen schönen Tag und danke nochmal! Ich habe mich sehr gefreut!

vlg

EV
« Letzte Änderung: April 19, 2020, 18:08:07 von Eisenvorhang »

Sufnus

Re: Ich fühle nicht der schweren Tage Fristen
« Antwort #3 am: April 19, 2020, 19:13:44 »
Hi EV!
Du bist, finde ich, gerade recht produktiv... Neid!!! ;)
Sehr interessant erscheint mir der Querverglecih von diesem Text und Deinem anderen aktuellen, "Ich fließe in den Bächen... ". Beides Ich-Lyrik, bewusst ganz subjektiv gehalten, entsprechend einer Poetologie, die ihren letzten Höhepunkt in den 80er Jahren hatte, aber vielleicht gerade in diesen Zeiten wieder en vogue werden könnte! :)

Dabei ist nach meinem Eindruck dieser Text hier deutlich runder als Deine Zeilen "Ich fließe usw.", ABER letztere, denen ich mich mit mehr Muße morgen zu widmen versuchen werde, haben m. E. sogar noch mehr Potenzial, das könnte ein richtig großer Wurf werden <- Spannungsbogen! :)

Hier nur zwei Minianmerkungen:
S2Z2: "an eine Welt, die mir sich noch erreift" fänd ich von der Betonung stimmiger, Betonung auf "sich" (Deine Fassung) macht für mich weniger Sinn als Betonung auf "mir".
S2Z4: Ich muss gestehen, dass ich mit dem Öl wenig anfangen kann. Ist da Ölfarbe gemeint (wg. der farbenfressenden Schatten in der letzten Zeile)?
Aus Öl reift in meiner Bildwelt nichts, die Metapher funktioniert daher für mich nicht... Vorschlag: "Wenn mir der Schlaf die toten Sterne überstreift, / bin ich ein Schatten usw."
Davon ab, sehr gerne gelesen! :)
S.

Eisenvorhang

  • Gast
Re: Ich fühle nicht der schweren Tage Fristen
« Antwort #4 am: April 20, 2020, 11:19:31 »
Hi Sufnus,

das scheint so, wegen der Produktivität! Im Vergleich zu einem Jahr schreibe ich wenig. Vor einem Jahr schrieb ich um die acht Gedichte pro Tag, im Moment bin ich froh, wenn mir ein Gedicht am Tag aufs Papier will.
Ich denke mir, wenn ich dran bleibe und weiterhin fleißig bin, erreiche ich vielleicht bald eine adäquate Qualität und kann mein erstes Buch in Angriff nehmen.
Ich-Lyrik mag ich sehr, weil sie zwar einfach ausgedrückt werden kann, aber... Man auch Empathie und Kreativität braucht und meistens auch eine Conclusio, als nur ein Gefühl.

Dein Vorschlag #1 übernehme ich! Du hast recht.
Wegen des Öls: Was ist denn trübes Öl? Ich persönlich finde, es ist ein ekelhaftes Bild. Es kann einfach sein, was es ist, oder auch die Ölfarbe.
Lyrische Offenheit! :D Vielleicht kann ich diese Zeile noch optimieren.

Nun spann den Bogen nicht zu weit, sonst enttäusche ich Erwartungen! :D
Nein, ich werde dran bleiben, ich will in der Lyrik schon eine gewisse Qualitäten erreichen, jedenfalls ist das mein Ziel!

Ich danke Dir für Deinen Kommentar.

vlg

EV