Es gibt Programm-Musik, das "Nacherzählen" einer Begebenheit, einer Stimmung oder eines Vorgangs mit den Mitteln der Musik. Die sinfonische Dichtung "Vltava" (Moldau) aus dem Zyklus "Má Vlast" (Mein Vaterland) von Smetana ist wohl bis heute die populärste Programm-Musik.
Gibt es auch Programm-Lyrik? Oder beinhaltet Lyrik naturgemäß immer ein Programm, so dass sich die Bezeichnung hier pleonastisch erübrigt? Ist Lyrik dann nur ein Vehikel zur Übermittlung von Inhalten? Vielleicht ein besonders schönes und erhabenes Vehikel, aber doch nicht mehr als das? Hat Lyrik keinen Wesenskern, der tiefer reicht, als die mit ihrer Hilfe vermittelten Inhalte?
Die Programm-Musik fand ihren vorläufigen Höhepunkt wohl in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Doch schon damals war sie umstritten, dem Verdacht der Verkitschtheit ausgesetzt, wurde gar als Erniedrigung der Musik angesehen: Die Progamm-Musik habe die Welt der Töne anderen Kunstformen dienstbar macht. Dem wurde das Ideal einer absoluten Musik entgegengestellt, einem reinen Gebilde aus Tönen und Rhythmen, in dem musikalischer Inhalt und Tonsprache nicht voneinander zu trennen sind.
Gibt es absolute Lyrik?
Martins Zeilen beziehen sich jedenfalls erkennbar auf Smetanas Liebeserklärung an die Vltava, deren konsonantreicher Name uns so slawisch in den Ohren klingt, aber doch aus dem Germanischen stammt, Wilth-Ahwa. Das Adjektiv "wilth" hat im Deutschen nur die Schreibweise nicht den Klang geändert: Wild. Und in Ahwa erkennen wir unschwer Aqua, das Wasser. Auf halber Strecke zwischen Prag und der Grenze nach Deutschland fließen dann die Vltava und die Labe (Elbe) zusammen und obwohl die Elbe an dieser Stelle der kleinere der beiden Ströme ist, trägt das Fließgewässer ab da ihren Namen, so dass Hamburg und Magdeburg sich regelwidrig als Elb- und nicht als Moldau-Städte verstehen.
Und wie steht nun unser Martin zu alledem? So ganz scheint er weder von der Naturschönheit der Vltava noch von der musikalischen Unanfechtbarkeit des gleichnamigen Musikstücks von Smetana überzeugt zu sein. Narrenspaß, ich hasse Laub und Lehm, Friedhof, dummes Flüsslein... das spricht nicht für eine unkritische Zugewandtheit. Und doch enden seine Zeilen in einer hymnischen Anrufung des Böhmerwalds, Martin hat den Namen nicht zu seinem Nachteil etwas abgewandelt, dieser grünen Heimat des Flusses und die eigentliche Inspiration für Smetanas Musik, eines der schönsten Landschaftsensembles, das sich aus der Durchdringung von Kultur- und Naturraum ergibt, für kurze Zeit durch einen eisernen Vorhang getrennt und heute wieder verbindendes Element dreier Länder des guten, alten Europa. Keine unkritische Zugewandtheit beim Dichter, wahrlich nicht, aber doch eine tiefe Versöhnlichkeit. Wollen wir also das Banner senken und auch den Streit zwischen Programm und absoluter Kunst einen Moment ruhen lassen.
Sehr sehr gerne gelesen!
S.