Autor Thema: Wochen mit Kontaktsperre (Serie Corona)  (Gelesen 2713 mal)

Agneta

  • Gast
Wochen mit Kontaktsperre (Serie Corona)
« am: Mai 05, 2020, 21:01:20 »
Wochen mit Kontaktsperre

Manchmal geht der Tag vorbei,
als wär er von sich abgekehrt,
vertieft, ganz in Gedanken.

Versunkene, die in ihm ranken,
was ihn beschneidet und beschwert ,
als wäre er nicht frei,

als wären all die leeren, blanken
Momente, Stunden sinnentleert,
als wär er einerlei,

der Tag. Er geht vorbei,
als wärst du nicht dabei.



Erich Kykal

Re: Wochen mit Kontaktsperre (Serie Corona)
« Antwort #1 am: Mai 05, 2020, 22:37:19 »
Hi Agneta!

Treffend! Die Tage verschwimmen ineinander, vergehen wie alle gleich - und alle gleich langweilig und bedeutungslos. Leben auf Sparflamme, im Pausenraum, im Hamsterkäfig der Quarantäneregeln.

Ich muss sagen: Mich stört's nicht! Ich gehöre zur Hochrisikogruppe der Vorerkrankten und hab eine Dauerchemo laufen - ich werde erst im Herbst voraussichtlich wieder unterrichten und genieße jetzt die längsten Ferien meines Lebens! Und da ich eigentlich seit Jahrzehnten ohnehin genauso isoliert lebe wie mittlerwiele alle, und das aus freier Entscheidung, macht mit das alles auch gar nichts aus! Ich bin es sogar gar nicht anders gewohnt!  ;D ;) 8)


Gern gelesen!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Martin Römer

  • Gast
Re: Wochen mit Kontaktsperre (Serie Corona)
« Antwort #2 am: Mai 05, 2020, 23:10:07 »
Und einmal mehr gewähr ich mir das Wort bei Wein.
Corona bleibt für mich das Bild auf letztem Land.
Und sonst sind Menschen blasser als Gespensterlein
und machen sich aus jähem Grimmzorn ein Gewand.


Dass es gesellschaftlich zu einer Selbstreflexion oder gar zu einer Umkehr kommt, das glaube ich eher nicht.
Dafür ist der Verfall (diesmal kaum merklich) zu weit fortgeschritten. Der Sumpf zu flach geworden....


Nachtgrüße
M.

Eisenvorhang

  • Gast
Re: Wochen mit Kontaktsperre (Serie Corona)
« Antwort #3 am: Mai 05, 2020, 23:53:25 »
Huhu Agneta,

du schreibst immer so herrlich fließend! Ein Kompliment!
Ansonsten schließe ich mich Erich an.

@Erich

Ich lebe mittlerweile seit fast 11 Jahren völlig allein, auch bewusst und reue es nur sehr selten.
Dich zu fragen wie es dir ergeht, ließe mich wohl ziemlich dumm dastehen, wie soll es jemanden mit Dauerchemo schon gehen?
Ich schick dir Kraft!

vlg

EV

Erich Kykal

Re: Wochen mit Kontaktsperre (Serie Corona)
« Antwort #4 am: Mai 06, 2020, 00:12:26 »
Danke - ist gut angekommen!  ;) :D
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Wochen mit Kontaktsperre (Serie Corona)
« Antwort #5 am: Mai 06, 2020, 12:31:34 »
Liebe Agneta!
Dein Gedicht ist ganz wunderbar! Ich liebe die Idee, durch ein relativ freies Metrum und das A-B-C-Reimschema der ersten Strophe zunächst ein wenig zu verschleiern, dass es sich hier um klassisch gereimte Verskunst handelt; erst mit der zweiten Strophe wird man gewahr, dass man es mit einem endgereimten Werk zu tun hat, wenn die Reimendungen sich spiegelbildlich wiederholen, C-B-A, ein Schema, das sich dann in der dritten Strophe fortsetzt, C-B-A, um dann in der letzten Strophe den Reim der erste Zeile wieder aufzugreifen, A-A. Das ist höchst kunstvoll komponiert.
Auf der inhaltlichen Ebene begeistert mich, dass das lyrische Du, der eigentlich Adressat der Verse, erst in der letzten Zeile auftaucht, was dem Gedicht, sozusagen "auf dem letzten Meter", noch einmal einen ganz neuen Dreh verleiht... es ist nicht etwa nur Lamento über einen verlorenen Tag, sondern es ist ein veritables Liebesgedicht. Und was hat es mit diesem lyrischen Du wohl auf sich? Der Tag fühlt sich an, als ob der Angesprochene "nicht dabei" wäre. Der Konjunktiv 2 zeigt aber an, dass dieses Du sehr wohl "dabei ist". Wie ist das wohl möglich? Die An- oder Abwesenheit des Adressaten sollte sich doch leicht feststellen lassen, woher also dieses Gefühl der Nicht-Anwesenheit oder Nicht-Gefühl der Anwesenheit? Der Leser wird von dem Verdacht gestreift, dass der Angesprochene nicht mehr am Leben ist. Er fehlt dem lyrischen Ich also wortwörtlich und auf die schmerzhafteste Weise. Und doch: Konjunktiv 2! Der Adressat der Zeilen ist dem lyrischen Ich eben gerade nicht entzogen. Die Verbindung erweist sich als unzerstörlich.
Sehr sehr gerne und berührt gelesen!
S.

Agneta

  • Gast
Re: Wochen mit Kontaktsperre (Serie Corona)
« Antwort #6 am: Mai 06, 2020, 13:48:31 »
Ihr Lieben,

Sufnus,
ich freue mich sehr über das Lob, denn ich habe doch öfters angesetzt bei diesem Werk, gefeilt und überlegt. Irgendwie gefiel mir die Form dann auch, die letztlich doch recht fließend kam. Du liegst so ganz falsch nicht mit deinem "Liebesgedicht". Letztendlich habe ich selbst darüber nicht nachgedacht, aber so ist es halt beim Schreiben. Es schriebt sich wie von selbst.
Es ist nämlich durchaus so, dass die Sehnsucht nach einem geliebten Menschen (dem Du) den Tag so verlaufen lässt oder es das Unsichtbare Ich so empfinden lässt wie der Tag sich dann darstellt. Wer niemanden vermisst, für den ist solch ein Kontaktsperretag eben auch nicht so vom Gefühl her.
Dieses haben Erich und EV ungewollt bestätigt.Für ihre Offenehit bedanke ich mich.
Das Du könnte aber auch das unsichtbare Ich sein, das im Werk angesprochen wird. In diesem Falle ein (DU), das sich aus diesem Tag ausklinkt, aufgibt.
Schön, dass du tiefer geblickt hast. Freut mich sehr.

Lieber Erich,
ich kenne ja deine Lebensituation aus deinen Erzählungen und sie tut mir sehr leid.
Nun kommst du aber wie ich denke, gut damit klar. Bewundernswert.

Lieber EV,
auch mir fehlt der Kontakt zu den "vielen" Menschen nicht, aber sehr der zu meiner Familie. So beliebt bin ich hier scheinbar nicht, vor 2 Wochen hat man mir meinen Daimler zerkratzt, heute den Seat meiner Tochter. Ich wäre froh, wenn ich diese Fucking Stadt bald wieder verlassen könnte.

Lieber Martin,

dass unsere Gesellschaft daran wächst, halte ich für ebenso unwahrscheinlich wie du. Die Lobbyisten stehen schon in den Startlöchern, die Helden werden bald Helden von gestern sein und der kleine Mann zahlt die Zeche.

Lieben Dank euch allen. Euer Feedback freut mich sehr!
LG von Agneta



Eisenvorhang

  • Gast
Re: Wochen mit Kontaktsperre (Serie Corona)
« Antwort #7 am: Mai 06, 2020, 14:54:43 »
Setz das Auto unter Strom: Wenn das wieder passiert, liegt der Täter das nächste Mal eingeschläfert mit Sonnenbrand Stufe drei neben der Karre und du kannst ihn zu den Bullen schleppen. Oder direkt mit dem Auto drüber fahren.  ;D

Was auch immer Dich binden möge, geh dahin wo das Herz Frieden hat.

Agneta

  • Gast
Re: Wochen mit Kontaktsperre (Serie Corona)
« Antwort #8 am: Mai 09, 2020, 14:58:19 »
gar nicht so einfach, lieber EV, denn an meinen Friedensort ziehen Töchterchen und Enkelchen nicht...
LG von Agneta

hans beislschmidt

Re: Wochen mit Kontaktsperre (Serie Corona)
« Antwort #9 am: Mai 09, 2020, 15:47:45 »
Sehr stimmungsvoll und etwas traurig, Agneta. Nach fast 40 Jahren Tam Tam bin ich froh, dass ich auf dem Dorf im Grünen bin und ich vermisse nichts, gar nichts. Die Quarantäne hat keinen Einfluss auf meinen Alltag und ich genieße die Ruhe. Aber die Welt wird nach Corona eine andere sein. Sicher werden die Menschen nicht klüger aber in jedem Fall vorsichtiger und rückgezogener. Die kleinen, echten Dinge werden wieder funktionieren. Die Globalisierung wird hoffentlich ins Stottern kommen. Gruß vom Hans
« Letzte Änderung: Mai 09, 2020, 16:45:07 von hans beislschmidt »
"Lyrik braucht Straßendreck unter den Fingernägeln" (Thomas Kling)

Agneta

  • Gast
Re: Wochen mit Kontaktsperre (Serie Corona)
« Antwort #10 am: Mai 09, 2020, 18:21:52 »
dahin- aufs Dorf- möchte ich eigentlich gerne zurück. Ansonsten stimme ich dir über Corona vollkommen zu, Hans. Deine Sprüche finde ich gut"Lyrik braucht Straßendreck... So ist es auch hier.
Ich habe die Sperre persönlich zu meiner Tochter und Enkel nicht eingehalten, weil sie arbeiten gehen musste und weil ich es auch nicht wollte. Schließlich ist es meine Mütze, die der Wind wegfegt...Aber sie sitzt noch keck und frech am Kopf...GGG
Danke dir und lG von Agneta

AlteLyrikerin

Re: Wochen mit Kontaktsperre (Serie Corona)
« Antwort #11 am: Mai 28, 2020, 18:45:37 »
Liebe Agneta,

ich bin ja noch am stöbern hier auf der Wiese. Da fand ich Dein Corona-Gedicht. Über die gelungene Komposition bekamst Du ja schon fundierte Rückmeldung! Mich rührt die Traurigkeit der Verse an. Dabei denke ich an die Menschen "meiner" Selbsthilfegruppe Krebs, die sich nun schon fast drei Monate nicht mehr treffen durften.

Liebe Grüße, AlteLyrikerin.

Agneta

  • Gast
Re: Wochen mit Kontaktsperre (Serie Corona)
« Antwort #12 am: Mai 28, 2020, 19:11:06 »
es freut mich sehr, liebe AL, dass du in meinen Werken stöberst. Ja, das Werk hat eine gewisse Traurigkeit. Geschrieben aus der Sehnsucht heraus nach Töchterchen und Enkelchen. die ja nicht so oft oder gar nicht kommen durften. Schön, dass du so empathisch bist, dieses unterschwellige Gefühl herauszuspüren. Danke dafür und lG von Agneta