Autor Thema: Gedanke und Gefühl  (Gelesen 303 mal)

Erich Kykal

Gedanke und Gefühl
« am: M?RZ 16, 2021, 23:45:39 »
Was ist ein Geist ganz ohne Herz? - Versteint, banal, inan.
Was ist ein Herz, das geistlos schlägt? - Ein weiteres Organ.
Nur wo sie wirken im Verein,
kann man als Mensch auch menschlich sein.
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Gedanke und Gefühl
« Antwort #1 am: M?RZ 17, 2021, 12:09:01 »
Das obige (ich finde: wirklich ganz wunderbare!) Gedicht hat eKy andernorts (nämlich hier: click ) als spontane Antwort auf ein spaßhaftes Gedicht meinerseits verfasst und es nun freundlicherweise hier der allgemeinen Aufmerksamkeit anheimgestellt! :)

Gerühmt und gepriesen habe ich den Text schon beim Erstkontakt.

Ich finde die Verdichtung des Gedankens und die elaborierte Sprache (wer kennt die Bedeutung des Wörtchens "inan" = "leer, unbedeutend"?) ganz wunderbar und auch die Form ist sehr musikalisch und schön komponiert.
Die ersten beiden Zeilen des Gedichts sind parallel geführte 7-hebige Jamben, haben also deutliche Überlänge. Durch die Zäsur jeweils nach der vierten Hebung (durch den Gedankenstrich nach dem Fragezeichen jeweils kenntlich gemacht) wird der überlange Vers aber in zwei handliche Halbverse mit jeweils vier bzw. drei Hebungen unterteilt.
Die Konklusio bedient sich dann zweier vierhebiger Jamben, die aber bereits säuberlich auf zwei Zeilen aufgeteilt sind. Der Sprechrhythmus wird durch die Verkürzung der Zeilen ganz leicht beschleunigt, was die Pointe auch im Vortrag sehr schön betont.
Das ist ganz raffiniert gesetzt! Chapeau! :)

Und bei unserer Diskussion bzgl. dieses schönen Beitrags von eKy hatter er eine, wie ich finde, hochinteressante Frage aufgeworfen:

Aber das Teilchen ist doch etwas arg kurz für ein Gedicht, eigentlich fast eher ein Spruch. Ich glaube, wir haben eine Sparte für sowas.

Somit erhebt sich die Frage: Wie kurz kann ein Gedicht sein, um noch als Gedicht zu gelten. Hier kann man sicher trefflich diskutieren und es gibt da keine feststehende Meinung. :) Ich würde persönlich aber dafür plädieren, keine feste Untergrenze zu definieren.

Tatsächlich kenne ich kein im mündlichen Vortrag wirkendes Gedicht, dass nur aus einem einzigen (einmal gebrauchten) Wort besteht, und kann mir auch schwer vorstellen, wie man es anfangen könnte, ein solches Gedicht zu schreiben. Aber ich würde nicht ausschließen wollen, dass das gelingen könnte. Das müsste dann wohl ein Neologismus sein, denn sonst wäre dieses eine Wort durch den Sprachgebrauch zu abgenutzt, um eo ipso einen literarischen "Text" liefern zu können.

Anders säe es aus, wenn man durch die spezielle grafische Anordnung eines "normalen" Wortes dieses zum literarischen Gegenstand erhebt. Hier gibt es zahlreiche Beispiele aus dem Bereich der konkreten Poesie und verwandter Bereiche. Aber das würde ich jetzt mal bewusst ausklammern und mich auf ein Gedicht konzentrieren, dass auch im mündlichen Vortrag funktioniert und das sehr sehr sehr kurz ist.

Hier landet man zunächst mal beim Haiku, das ich als ganz typisch für ein "Kürzestgedicht" halte, allerdings nicht für die Untergrenze bzgl. der Textlänge eines Gedichts. Es käme mal auf Versuche an. :)

Bei "traditionellen", gereimten Gedichten in gebundener Sprache ist hingegen ein Haiku schon eine herausfordernde Kürze. Unter den traditionellen gereimten Gedichten deutscher Sprache sind die beiden kürzesten, die mir so ad hoc einfallen, die Wünschelrute von Eichendorff und der Bumerang von Ringelnatz, beide mit 24 (resp. 25 inkl. Titel) Wörtern. Gehts noch kürzer? Bestimmt. :) Wer nimmt die Herausforderung an? :)

Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst Du nur das Zauberwort.

----

Bumerang

War einmal ein Bumerang;
War ein weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum – noch stundenlang –
Wartete auf Bumerang.


LG!

S.
« Letzte Änderung: M?RZ 17, 2021, 12:11:35 von Sufnus »

AlteLyrikerin

Re: Gedanke und Gefühl
« Antwort #2 am: M?RZ 17, 2021, 12:40:54 »
Hallo zusammen,

auch mir gefällt Erichs kurzes Gedicht extrem gut. Die elaborierte, aber nicht zu sehr dem Elfenbeinturm verpflichtete Form, die eine schöne, humanistische Aussage trägt.
Die Frage, wie lang ein Gedicht sein muss, ist mir zu akademisch.  ;D Persönlich habe ich mehr Probleme mit Gedichten, die lang sind, aber nicht zu fesseln vermögen. Die lese ich dann meist gar nicht zu Ende. Ohne Spannungsbogen, ohne fesselnde Bilder und Gedanken ist ein langes Gedicht immer in der Gefahr, dass der Leseprozess quasi vorzeitig abstürzt.

Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.

Erich Kykal

Re: Gedanke und Gefühl
« Antwort #3 am: M?RZ 17, 2021, 12:43:17 »
Hi Suf!

Erst mal erneuten herzlichen Dank für die so ausführliche und vertiefende Behandlung meines Vierzeilers.

Wie üblich ist Ringelnatz zwar witzig, aber metrisch enttäuschend: Z3 fällt unangenehm aus dem Rahmen. Wäre aber leicht zu beheben gewesen: "Bumerang entflog ein Stück,".


Auch ich kenne kurze Werke mit Wirkung, zB. von Rilke:

Der Abend ist mein Buch. Ihm prangen
die Deckel purpurn in Damast;
ich löse seine goldnen Spangen
mit kühlen Händen, ohne Hast.

Und lese seine erste Seite,
beglückt durch den vertrauten Ton, -
und lese leiser seine zweite,
und seine dritte träum ich schon.

Okay, das sind zumindest 2 Strophen, aber immerhin.

Aber dies:

Ihr Mädchen seid wie die Gärten
am Abend im April:
Frühling auf vielen Fährten,
aber noch nirgends ein Ziel.

Oder dies:

Die Jugend haben -, oder Jugend geben -
glerichviel wozu man sich entschließt:
denn ewig unverlierbar ist das Leben,
wo es aus reinen Kräften sich vergießt.

Und dies:

Sag weißt du Liebesträume? Treiben nicht
auf deinem Blut Kelchblätter weicher Worte?
Sind nicht an deinem lieben Leibe Orte,
die sich entsinnen wie ein Angesicht?

Zuletzt:

Lauschende Wolke über dem Wald.
Wie wir sie lieben lernten,
seit wir wissen, wie wunderbald
sie als weckender Regen prallt
an die träumenden Ernten.


Es gäbe sicher noch mehr Exempel für sein Genie auch im Kurzen.

Hier noch eine kleine Antwort meinerseits auf deine Herausforderung:


Ich gehe aus
ganz innen.


Hier ergibt sich die lyrische Wirkung aus der Doppeldeutigkeit der ersten Zeile. Der Leser erwartet zu erfahren, woraus das LyrIch räumlich betrachtet geht, und zu welchem Behufe - und muss ernüchtert feststellen, dass die Zeile eine ganz andere Deutungsebene bedient. Auf dieser Ebene liest er weiter: " ...aus ganz innen - wohin?" - Und findet sich auf einer dritten Bedeutungsebene wieder.
Nach meinem Ermessen ein "kürzest mögliches Gedicht", wenn auch reimlos.

LG, eKy



-------------------------------------------------------------------------------------

Hi, AL!

Ich halte solche "langwierig-langweiligen" Werke meist doch durch in der Hoffnung auf Besserung oder zumindest ein würdiges Ende. Aber du hast Recht: Meist lohnt es nicht.

Vielen Dank für das Lob!  :)

LG, eKy
« Letzte Änderung: M?RZ 17, 2021, 13:04:12 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Gedanke und Gefühl
« Antwort #4 am: M?RZ 17, 2021, 12:57:58 »
Lieber eKy!

Deine Rilkebeispiele sind beglückend!!! :) Danke dafür! :) Und das Mädchen-Gedicht ("Ihr Mädchen seid wie die Gärten"), das Du aufführst, unterbietet tatsächlich in der Wortzahl meine beiden gereimt-gebunden verfassten Kürzestbeispiele. Aber hier macht sich die Kürze für mein Empfinden schon etwas störend bemerkbar und das Gedicht bekommt tatsächlich eher etwas von einem Aphorismus (und selbiger ist natürlich eine herrliche Gattung der Literatur, aber eben (für mich) kein Gedicht). Beim Mädchengedicht scheint also tatsächlich die Kürze schon etwas an der "Gedicht-haftigkeit" zu nagen. Bei Rilkes Zweistropher ("Der Abend ist mein Buch") macht sich der etwas längere Atem doch wohltuend (Untertreibung bei diesem makellosen Gedicht) bemerkbar. :)

Und was Dein eigenes Beispiel angeht ("ich gehe aus")... das ist zwar ungereimt und metrisch frei, aber wirklich große Kunst und schwer in der Kürze zu unterbieten (ohne an Niveau einzubüßen). Großes großes Kino!!! :)

Und jetzt nochmal flugs zurück zum Ausgangsgedicht - damit ich mich nicht, AL's Anmerkung ist als sanfte Mahnung durchaus angebracht, nicht zu sehr im Off-topic verliere: Was mir in Deinem Gedicht noch ganz besonders gut gefällt ist S2, obwohl diese im Gegensatz zu S1 sprachlich weniger Aufwand betreibt. Aber schon die leichte Doppeldeutigkeit von "geistlos" finde ich klasse, im übertragenen Sinn = uninspiriert, ohne Witz und im ganz wörtlichen Sinn, einen "Geist" (was ist das?) entbehrend. Und das Verdikt "ein weiteres Organ" ist in seiner nüchternen Lakonie doch zugleich voller Augenzwinkern. :) Ich bin nachhaltig erfreut! :)

LG!

S.

Rocco

Re: Gedanke und Gefühl
« Antwort #5 am: M?RZ 17, 2021, 19:31:46 »
Hallo zusammen,

peinlich, dass ich nicht mehr Zeit habe, es gäbe sehr viel zu sagen: zum Gedicht und zu den Kommentaren.

Als Aphorismus bezeichne ich Erichs Text nicht, es ist ein Gedicht. Ein Aphorismus orientiert sich an der Kürze. Er kann ein Versmaß und einen Reim haben, muss aber nicht.

Bei der Gelegenheit: Ich hatte mit einem Kumpel eine Diskussion über Twitter. Damals, als wir diskutierten, waren nur 140 Zeichen möglich. Jetzt sind es, glaube ich, mehr. Der Punkt ist: Machen 140 Zeichen einen Text zu Poesie? Oder anders gefragt: Wenn ich ein bestimmtes Versmaß einhalte, ist dann mein Text ein Gedicht?

Ich war der Ansicht: nein.

Meiner Meinung nach entscheidet der Inhalt über den Anzug seiner Form. Passt beides, wie bei Erich, gewinnt ein Text Schöheit. Schönheit durch Form und Inhalt, die sich ergänzen. Eben: wie ein Anzug.

Sufnus hat Recht, wenn er sagt, dass man auch hätte kürzer schreiben können, aber wann ist das mal nicht der Fall?

Ich glaube, Lyrikerin hat es wunderbar gesagt: Ein Gedicht braucht Spannung. Alle Form ist vergebens, aller Inhalt umsonst, wenn die Spannung fehlt, also der Grund, um das Gedicht zu lesen.

Kann man, auf Erichs Beispiel, im Kommentar, bezogen noch kürzer dichten? Man kann. Hier ein grottiger Text von mir:

Schreiner: Schreibtisch-
täter

Euch einen schönen Abend

Rocco
« Letzte Änderung: M?RZ 17, 2021, 19:36:00 von Rocco »
"Erst in Rage werde ich grob -
aber gelte als der Hitzkopf?!"

Yusuf Ben Goldstein, aus Rocco Mondrians Komödie: Yusuf Ben Goldstein, ein aufrechter Deutscher

Erich Kykal

Re: Gedanke und Gefühl
« Antwort #6 am: M?RZ 17, 2021, 20:55:38 »
Hi Suf!

Vergiss nicht, dass das Werk ad hoc im Dunstkreis deiner Verse entstand, direkt davon inspiriert. Die Aussage hast du praktisch vorgefertigt.


Hi Rocco!

Ich zähle sicher nicht Zeichen oder Worte bei einem Gedicht, höchstens Zeilen oder Strophen, wenn es denn sein muss. Für mich ist es dann ein Gedicht, wenn ich es als Leser als solches wahrnehme. Da dies eine höchst subjektive Kunst ist, wird da auch jeder die Grenze woanders ziehen und nach anderen Maßgaben gewichten. So betrachtet machen vergleichende Diskussionen wenig Sinn, da es nie einen vereinheitlichten Beurteilungskanon geben kann.

Wie du richtig meinst: Auf die Wirkung kommt es an.


Vielen Dank für eure Beiträge!

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Gedanke und Gefühl
« Antwort #7 am: M?RZ 19, 2021, 11:20:00 »
Hi, Ihr Lieben!

So viele Gedanken (und Gefühle?) :) und alle durch eKys Kürzestgedicht angeregt! Es braucht eben nicht viele Wörter, um eine große Wirkung zu erzielen! :)
Ich versuche mal, ein paar geäußerte Idee aufzugreifen, zu ergänzen oder zu reflektieren.


Zitat von: Rocco
Als Aphorismus bezeichne ich Erichs Text nicht, es ist ein Gedicht. Ein Aphorismus orientiert sich an der Kürze. Er kann ein Versmaß und einen Reim haben, muss aber nicht.

Ich verstehe Dich so, Rocco, dass Du Aphorismen grundsätzlich nicht zur Gattung der Gedichte zählst. Falls ich Dich damit richtig interpretiere, dann sind wir diesbezüglich einer Meinung. :)

Für mich kann ein ungereimter, metrisch frei gestalteter, kurzer Text durchaus ein Gedicht sein (also zur Gattung der Lyrik gehören), während ein gereimter und in gebundener Sprache verfasster Text nicht in jedem Fall Lyrik/ein Gedicht sein muss. Für mich ist die Lyrik dabei der Oberbegriff für Gedichte, d. h. jedes Gedicht gehört zur Gattung Lyrik und jeder Text, der zur Gattung Lyrik gehört, ist ein Gedicht (man kann die Begriffe natürlich auch anders definieren). :)

Ein Aphorismus gehört für mich nicht zur Gattung Lyrik, sondern zur Gattung Epik und daher ist für mich ein Aphorismus kein Gedicht, selbst wenn er durch Reim und metrische Gestaltung die äußere Form eines Gedichtes nachahmt.

Der Unterschied zwischen Lyrik und Epik ist für mich, dass es bei Ersterer vor allem um "innere Seelenbilder" geht, während Letzterer "äußere Ereignisse" schildert. Auch da, wo Lyrik "äußere Ereignisse" verarbeitet (z. B. in der Ballade) geht es ihr m. E. vor allem um den Eindruck dieser Ereignisse auf das Lyrische ich (oder die Erzählstimme des Gedichts, wenn es nicht aus der Ich-Perspektive geschrieben ist). Das bedeutet, dass die Lyrik immer das Element eines "es könnte auch ganz anders sein" enthält (nämlich, wenn man von einem anderen "Ich" ausgeht), während die Epik das äußere Ereignis stärker in seinem "objektiven" Gehalt beleuchtet.

Und so wie die Ballade ein Grenzfall der Lyrik mit Ausstrahlungen in die Epik ist, weisen auch bestimmte Untergattungen der Epik (z. B. Texte, die dem magischen Realismus verpflichtet sind) durchaus lyrische Elemente auf.

Der Aphorismus ist jedoch m. E. ein Fall "reiner Epik", da er durch seinen im weitesten Sinne belehrenden Charakter eine objektivierende Sicht auf die Welt entwickelt. In meiner Einteilung ist also jedes belehrende Element immer genuin unlyrisch, wenn es nicht durch ein sehr deutliches "so sehe ich das - aber es könnte auch ganz anders sein" abgeschwächt wird. Das ist wohlgemerkt kein Qualitätsurteil, ein belehrender Text kann ganz hervorragend sein, er ist nur für mich eher der Epik als der Lyrik zuzuordnen. Und bevor es missverstanden wird: Belehrung ist keine notwendige Bedingung, damit ein Text zur Epik gehört, es gibt auch nicht-belehrende Texte, die dennoch, z. B. durch eine betont "realistische" Abbildung der Wirklichkeit, eine objektivierende und damit unlyrische Haltung einnehmen.


Zitat von: Rocco
Kann man, auf Erichs Beispiel, im Kommentar, bezogen noch kürzer dichten? Man kann. Hier ein grottiger Text von mir:

Schreiner: Schreibtisch-
täter

Entsprechend meiner obigen Ausführungen wäre Roccos (gar nicht grottiger - hier widerspreche ich dem Autor! :) ) Text für mich kein Gedicht (nicht zur Lyrik gehörend), da diesem Text ein lyrisches Ich (oder wenigstens eine subjektive Erzählstimme) weitgehend fehlt. Damit ist es für mich eine epische Kürzestform. :) Zum Aphorismus fehlt ihm wiederum das (im weitesten Sinne) belehrende Element. Ich würde den schönen Text unter der Rubrik "Bonmot" einsortieren. :)

Zitat von: Erich Kykal
Hi Suf!

Vergiss nicht, dass das Werk ad hoc im Dunstkreis deiner Verse entstand, direkt davon inspiriert. Die Aussage hast du praktisch vorgefertigt.

Vielen lieben Dank, eKy, dass Du meinen "Vorgängertext" hier noch einmal so würdigst! :) Für mich hast Du dann aus der Inspiration aber etwas ganz eigenständig Kykalisches erschaffen! :)

LG!

S.

Rocco

Re: Gedanke und Gefühl
« Antwort #8 am: M?RZ 21, 2021, 11:59:30 »
Hallo Sufnus,

der Germanist Franz Mautner zählt den Aphorismus zur Nicht-Fiktionalen Gattung; also zum Brief, zur Kolumne und zum Essay.

Was ich nicht wusste, und erst jetzt erfahren habe, ist, dass der Aphorismus auch zur Philosophie gezählt wird. Das empfinde ich als schräg, denn Aphorismen argumentieren nicht. Sie stellen Thesen auf und überlassen die Begründungen dem Leser.

Ja, warum kann ein kurzer Text viel Wirkung erzielen? Durch seine Kürze. Der Leser muss den Text ergänzen. Und weil das jeder, auf seine Weise tut, können alle damit etwas anfangen.

Einen schönen Tag

Rocco


Nachtrag:


Wenn ich einen Neologismus gebrauche, wie den, von mir erfunden "Absichtweite", müsste er, laut Mautner, eine Art Essay sein. Wenn du mich fragst, ist es ein Wortspiel. Und so empfinde ich die meisten Texte von mir.
« Letzte Änderung: M?RZ 21, 2021, 13:56:18 von Rocco »
"Erst in Rage werde ich grob -
aber gelte als der Hitzkopf?!"

Yusuf Ben Goldstein, aus Rocco Mondrians Komödie: Yusuf Ben Goldstein, ein aufrechter Deutscher

Sufnus

Re: Gedanke und Gefühl
« Antwort #9 am: M?RZ 21, 2021, 19:17:45 »
Hi Rocco!

Die Einordnung von Aphorismen als nicht-fiktionale Gattung ist einerseits einleuchtend andererseits - meiner Ansicht nach - unglücklich.

Aphorismen sind insofern natürlich nicht-fiktional als sie i. d. R. kein narratives Element haben, im Gegensatz zur Anekdote oder bestimmen Sorten von Witzen ("Kommt ein Mann in eine Bar... "). Ich habe in dem Zusammenhang vom belehrenden Charakter der Aphorismen gesprochen. Das ist die einleuchtende Seite dieser Kategorisierung.
Unglücklich ist die Einordnung als nicht-fiktional aber insofern (zumindest, wenn sie nicht näher erklärt wird), als hierdurch der Eindruck erweckt werden könnte, es handele sich beim Aphorismus sozusagen um eine Art Sachliteratur (die zwar "-literatur" heißt, aber normalerweise keine ist), wodurch diese Texte dann in eine völlig deplatzierte Nähe zu Lexikon-Artikeln, Reiseführern, Nachrichtentexten und Ratgeber-"Literatur" gerückt würde. Der Aphorismus unterscheidet sich aber von bloßen Sachartikeln gerade durch seinen hohen literarischen Anspruch.

Also lange Rede, kurzer Sinn: Nicht-narrative Gattung gefiele mir viel besser als nicht-fiktionale Gattung, weil weniger missverständlich. Und das würde dann durchaus meiner Einordnung des Aphorismus als epischer Kürzestform widersprechen können, da traditionell die Epik als erzählende, also eben narrative, Literaturgattung eingeordnet wird.

Hier habe ich eine etwas weniger traditionelle Definition der Epik, einfach deshalb, weil ein sehr großer Teil der modernen Literatur, auch im Bereich der Prosa, das erzählende Element sehr stark abgerüstet hat. Auch viele modernen Vertreter dessen, was heute als Roman bezeichnet wird, sind nur noch sehr eingeschränkt "erzählend" im klassischen Sinn. Diese Krise des erzählenden Elements in der Epik begann schon vor über hundert Jahren mi der zunehmenden Relativierung der Erzählstimme (Stichwort: Unzuverlässiger Erzähler) und setzte sich mit  damals relativ neuen Techniken (Stream of Consciousness, multiperspektivisches Erzählen, Auflösung der Zeitlinie usw.) fort. Mittlerweile scheint mir einfach das Vorhandensein einer Erzähl-Haltung nicht mehr bestimmend für "nicht-lyrische" und "nicht-dramatische" (ergo: "epische") Literatur. Aber da kann man natürlich sehr verschiedener Meinung sein. :)

LG!

S. 

P.S.:
Deinen Nachtrag bzgl. des Neologismus hab ich nicht so richtig verstanden - was hat ein Neologismus mit einem Essay zu tun? Und der Neologismus "Absichtweite" kommt doch in Deinem Text zum Schreiner gar nicht vor.

Rocco

Re: Gedanke und Gefühl
« Antwort #10 am: M?RZ 21, 2021, 20:40:53 »
Guten Abend Sufnus,

soweit ich Herrn Mautner verstanden habe, zählt er den Aphorismus zur Sachliteratur.

Erschwerend kommt hinzu, dass kein Germanist, weder Mautner noch Spicker, genau sagen können, was genau ein Aphorismus ist. Außer, dass er ein in sich geschlossener Gedanke ist, der auf einen Kontext verzichten kann.

Es tut mir leid, aber weder Mautner noch Spicker sprechen von einer Nicht-narrativen Gattung. Sie meinen ausdrücklich: Nicht-Fiktional. (Natürlich verstehe ich, was du meinst.)

Für meine Begriffe gibt es immer einen Sprecher. Denn selbst satirische Definitionen wie Das Wörterbuch des Teufels haben eine bestimmte Sichtweise, also eine Erzählstimme. Wobei diese Stimme keine Geschichte erzählt, sondern eine Sichtweise, eine satirische Sichtweise, die ein Kopfkino auslösen soll.

Was hat mein Neologismus mit einem Essay zu tun? Für mich: wenig. Für Herrn Mautner, wenn ich richtig verstanden habe, gehört der Aphorismus in eine Reihe mit Kolumnen, Briefen und Essays.

Wenn du mich fragst, ist (m) ein Neologismus ein Wortspiel.

Ich merke gerade, dass ich mehr über Aphorismen lernen muss. Danke für diese Einsicht, die ich deinen Fragen und Überlegungen zu verdanken habe.

Einen schönen Abend

Rocco
"Erst in Rage werde ich grob -
aber gelte als der Hitzkopf?!"

Yusuf Ben Goldstein, aus Rocco Mondrians Komödie: Yusuf Ben Goldstein, ein aufrechter Deutscher

Erich Kykal

Re: Gedanke und Gefühl
« Antwort #11 am: April 17, 2021, 11:51:25 »
Hi, Suf, Roc!

Schön fachgesimpelt! Ich muss gestehen, ich habe immer bloß gedichtet - und mich nie um die Nomenklatur oder exakte Definition der lyrischen Werkzeuge oder Begriffe geschert.
Das mag mich in gewisser Weise eingeschränkt haben - aber es hat mich in vielerlei Hinsicht auch gänzlich frei gemacht und erhalten!

Das Werk "wird" einfach, wie es möchte, und scheint seinen Duktus, seine Versform, seine Sprache selbst zu wählen, entsprechend der Aussage, die mein "lyrischens Organ" treffen möchte, meist ohne mein bewusstes Zutun, welchselbiges sich eher mit exakter Sprachführung, Reimtechnik und metrischer Ordnung beschäftigt, während ich schreibe.

Ich mag manchen "Aphorismus" so geschaffen haben - es war mir bloß immer herzlich egal, wie man das nennt. Es musste für mich bloß ein gutes Gedicht werden ...  ;)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Gedanke und Gefühl
« Antwort #12 am: April 17, 2021, 15:00:39 »
Hi eKy!
Da triffst Du absolut den Punkt: Wenn man sich beim Schreiben nicht um formale Begrifflichkeiten oder Schubladen kümmert, sondern "nach Gefühl" textet, ist man deutlich freier. Der einzige Nachteil dieses Vorgehens ist, dass man hinterher auch nicht so recht zu einen Diskurs über die Qualitäten eines Textes findet - denn "das Gefühl" oder die "innere Notwendigkeit" eines Textes sind nun mal nicht so recht debattabel - am Ende bleiben dann nur relativ begründungslose Verdikte - "gefällt mir", "gefällt mir nicht", "weiß nicht so"... ;)
Ich denke, beide Ansätze, der planerisch-bewusste wie auch der intuitive, haben ihre Berechtigung. Klingt nach platter Kompromissformel... ist aber zumindest ein Beitrag zu literarischem Pluralismus. :)
LG! :)
S.

Copper

Re: Gedanke und Gefühl
« Antwort #13 am: April 17, 2021, 20:41:33 »
Hallo Erich,

eine sehr schöne Offenbarung. Nur das " im Verein " da hab ich beim ersten mal Lesen gestockt. Dachte schon du hast dich zum Vereinsmeier gewandelt. Vereint wäre besser, aber da müsstest du ja einiges ändern.

Danke für diesen weißen Spruch

Der Mensch wird Mensch, so wie mir scheint,
wenn beides sich in ihm  vereint.

Kleiner Vorschlag vom Zauberlehrling.

LG. COPPER.
« Letzte Änderung: April 17, 2021, 20:46:47 von Copper »

Erich Kykal

Re: Gedanke und Gefühl
« Antwort #14 am: April 17, 2021, 22:35:50 »
Hi Copper!

"Im Verein" bezeichnet als Phrase nicht nur eine Ortsbestimmung, sondern hat auch die Bedeutung von "gemeinsam".

Wird aber heute kaum noch so verwendet. Ein weiterer bedauerlicher Fall von Sprachverarmung.

Ich verwendete es des Reimes auf "sein" wegen.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.