Autor Thema: Der Golem V  (Gelesen 55 mal)

Erich Kykal

Der Golem V
« am: Mai 29, 2021, 12:17:00 »
Mein Körper ist zerschlagen und zermahlen
und mischt sich wieder mit dem Uferschlick.
Kein Weg führt mehr in meine Form zurück,
vorbei die Zeit des Dienens und der Qualen.

Erinnerungen schweben lautlos über
dem Wasser noch, bevor auch sie verblassen:
An den Gehorsam und das blinde Hassen -
und nur mein Lehm macht noch die Wasser trüber.

Der Fluss der Zeit wird weiterhin sich wandeln,
und alle Taten müssen Wellen schlagen,
um doch am Ufersaume zu versanden.

Ich bin die Erde wieder, wo sie landen,
ihr Tun mit meiner Ewigkeit verhandeln,
als wollten sie ihr Schicksal weitersagen.
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Der Golem V
« Antwort #1 am: Mai 31, 2021, 17:28:39 »
Hi eKy! :)

Wenn Teil IV der Golem-Serie den zusätzlichen Titel "Die Befreiung" (oder auch: die Revolte oder: der Umsturz) tragen könnte, dann wäre der passende Titel für Teil V: Erlösung. Wie so oft im Drama (man beachte die klassische fünfgliedrige Struktur der Erzählung) steht am Ende ein "der Rest ist schweigen" und die Protagonisten sind allesamt vom Autor niedergemäht worden. Das war schon in mancher antiken Tragödie das letztliche Outcome und es findet sich so eben auch bei dem Typen aus Stratford oder anderen Dramatikern der Neuzeit. Auch hier ist die versuchte Befreiung für den Golem nicht gut ausgegangen. Oder etwa doch? Er wurde vernichtet, fand aber so zu seiner Urform zurück und fand auch endlich wieder zum Frieden (mit sich? mit der Welt???). Das Ende, die Auslöschung des gequälten Geistes in einer All-Versöhnung abseits der Existenz trägt buddhistische Züge. Nur die Menschen pflanzen ihr trauriges Schicksal fort - im "Weitersagen" (Z14) also in der kulturellen Kontinuität, aber auch im "verhandeln" ihres "Tun(s)" mit der "Ewigkeit" (Z13), also in dem Versuch, ihrer endlichen Existenz zu entkommen, ohne ihr individuelles Sein aufzugeben. Der Golem ist die Antithese zu diesem Ansatz.

Sehr inspiriert gelesen! :)

S.

Erich Kykal

Re: Der Golem V
« Antwort #2 am: Mai 31, 2021, 19:49:21 »
Hi Suf!

Ein Metaebene jenseits vom Terminator (obwohl der und Frankenstein ja eigentlich die gleiche Botschaft tragen - bloß beim Terminator ist das dank der Action-Lastigkeit eher verschüttet ...):

Im Grunde ist der Golem ein Gleichnis auf die gnaden-, gedanken- und gewissenlose Umsetzung jeglicher Machbarkeit, der wir Menschen so gern anheimfallen! Er ist die Atombombe, die nie hätte gebaut werden sollen, der Verbrennungsmotor, der sich nie hätte durchsetzen sollen, das filterlose Kohlekraftwerk, der verbuddelte Atommüll aus AKWs, der zugemüllte und leergefischte Ozean, usw ...

Sein Wahnsinn und sein Scheitern als funktionierende Maschine warnen davor, zu weit zu gehen, bloß um etwas zu beweisen oder in blindem Fortschrittsglauben an die Vernunft des Menschen nachzuhängen! Letztlich ist praktisch nichts, was wir schaffen, dauerhaft beherrschbar, dauerhaft machbar, oder dauerhaft unschädlich!

Vielen Dank für deine ausführlichen Kpommis!  :) :-*

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

Re: Der Golem V
« Antwort #3 am: Juni 08, 2021, 20:05:15 »
das gefällt mir sehr gut. Ich habe mal einen Apho geschrieben:

"Man kann einen Menschen nur so lange beherrschen,
bis es ihm auffällt."

Was der dann daraus macht, ist jedem selbst überlassen. Hier endet es tragisch, was 4 schon andeutete. Er kann nicht zu seiner Form hurück, aber es scheint ihm die einzig Mögliche, lebbare. Das wäre noch die Frage: Warum kann  er keine andere finden?

sehr gerne gelesen und mitüberlegt von Agneta

Erich Kykal

Re: Der Golem V
« Antwort #4 am: Juni 08, 2021, 23:46:09 »
Hi Agneta!

Golems werden aus Ton oder Lehm gemacht, der dann durch einen Zauber belebt wird. Mit der Form in S1 ist jene menschenähnliche Gestalt gemeint, zu der ihn der Magier, der ihn erschuf, geknetet hat. Nach der Zermahlung dieser Form wird der Golem wieder zu dem, was er davor war: Lehm.

Der Lehm kann sich nicht selbst Form verleihen, er bleibt die Erde, in welche die Menschen ihre Toten betten, mit all den Hoffnungen und Wünschen um ein Nachleben, die sie begleiten ...

LG, eKy
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