Autor Thema: Strukturprosa, oder: Gedichte sind Dreck  (Gelesen 276 mal)

Rocco

Strukturprosa, oder: Gedichte sind Dreck
« am: Januar 20, 2022, 17:01:09 »
Gedichte sind Dreck!
Geisteskrank! Wie kann man nur
Verse verehren?

Wie ich alle verachte,
nie würde ich eins dichten!

*

Wo nimmt der Poet,
wenn er sich zur Arbeit setzt,
alle Leuchtkraft her?

Das ist nicht viel anders, als
bei der Mahlzeit der Hunger

*

Abgehängt vom Spiel
lustig-tobender Kinder:
die Papierdrachen

in den Baumkronen. Hängen
sie dort ab oder sich auf?

*

Alternative Version:

Wo nimmt der Poet,
wenn er sich zur Arbeit setzt,
alle Ideen her?

Das ist nicht viel anders, als
steter Versuch und Irrtum
« Letzte Änderung: Januar 21, 2022, 11:31:55 von Rocco »
"Erst in Rage werde ich grob -
aber gelte als der Hitzkopf?!"

Yusuf Ben Goldstein, aus Rocco Mondrians Komödie: Yusuf Ben Goldstein, ein aufrechter Deutscher

Erich Kykal

Re: Strukturprosa, oder: Gedichte sind Dreck
« Antwort #1 am: Januar 20, 2022, 19:39:24 »
Hi Rocco!

So recht zusammen bringe ich die drei Teile nicht, und wie der Titel sagt: Es ist optische Strukturprosa, keine Lyrik. Normal langzeilig ausgeschrieben sind es ganz normale Sätze ohne Takt und Reim.

Der erste Teil erbost sich über "klassische" Lyrik und verweigert sich dieser im Ausdruck ja auch konsequent. Man fragt sich, ob das ironisch gemeint ist - es kommt allerdings nichts nach, was das klären könnte. Manch einer könnte sich bemüßigt fühlen anzunehmen, dass der Autor diesen Furor ernst meint ...

Im 2. Teil finde ich zwischen den beiden Sätzen keine richtige inhaltliche Schnittmenge. Der erste formuliert eine Frage, die der zweite aber nicht wirklich beantwortet. Was hat "Leuchtkraft" mit "Hunger" zu tun?
Zudem geht es bei der Mahlzeit um das Konsumieren, beim Dichten um ein kreatives Produzieren - das passt als Bild schon nicht so recht als Gleichnis.

Der dritte Teil wird noch kryptischer: Personifizierte Papierdrachen müssen für eine ziemlich skurrile Frage herhalten: Abhängen oder Aufhängen? Waren die Kinder SOOO schlimm?!


Insgesamt: Unzusammenhängend - oder ich bin zu blöd, um es zu verstehen. Eins von beidem.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Rocco

Re: Strukturprosa, oder: Gedichte sind Dreck
« Antwort #2 am: Januar 21, 2022, 09:33:55 »
Hallo Erich,

deine Einschätzung ist recht gut.

Die drei Teile haben nichts miteinander zu tun. Der Titel bezieht sich auf einen Kommentar von dir, den du über Curts Tanka gemacht hast. Den haben ich dann noch erweitert.

Wir reden hier von Tankas. Sind das überhaupt Gedichte? Mancher würde sagen: Nein, das ist nur Strukturprosa.

Man kann unterschiedliche Auffassungen haben, was ein Gedicht ist, heikel wird es nur, wenn eine Seite behauptet, sie habe Recht.

Wäre das wirklich so, wären Domin, Ausländer und Brinkmann keine Lyriker gewesen.

Das erste Tanka wurde von Robert Gernhardt inspiriert, der sich ähnlich über Sonette geärgert hatte. Am Ende hatte er doch ein Sonett geschrieben.

Das zweite Tanka zeigt meine Auffassung darüber, was ich unter einem kreativen Prozess verstehe. Autoren werden oft gefragt, woher sie ihre Ideen nehmen. Ja, woher? Wie beim essen der Appetit kommt, so kommen beim schreiben, die Ideen.

Ist das dritte skurril? Da bin ich überfragt. Ich halte es für legitim, dass man sich Fragen stellt. Warum sollte man bestimmte Fragen nicht stellen dürfen?

Übrigens: Ich mache die  "*", weil ich so zeigen will, dass der nächste Text eigenständig ist. Das ist ähnlich, wie bei den Aphorismen.

Leider kann man im Forum keine Texte ohne Titel posten. Ich überlege mir, ob ich nur noch Titel nehmen soll, wie Aphorismen oder Tanka?

Dir einen schönen Tag!

Rocco
« Letzte Änderung: Januar 21, 2022, 11:11:45 von Rocco »
"Erst in Rage werde ich grob -
aber gelte als der Hitzkopf?!"

Yusuf Ben Goldstein, aus Rocco Mondrians Komödie: Yusuf Ben Goldstein, ein aufrechter Deutscher

Sufnus

Re: Strukturprosa, oder: Gedichte sind Dreck
« Antwort #3 am: Januar 28, 2022, 12:02:33 »
Hi Rocco!

Ich mag Deine drei (??) Gedichte und für mich zählen sie eindeutig zur Gattung Lyrik! :)

Auch widerspreche eKy als Interpreten und Dir als Autor, dass die drei Teile nichts mit einander zu tun hätten. Für mich ist es (siehe meine Fragezeichen oben) trotz der Sternchenunterteilung eigentlich nur ein einziges Gedicht und ich sehe hier sehr wohl einen roten Faden und lese die drei "Strophen" beinahe dialektisch als These (1. Textteil), Antithese (2. Textteil) und Synthese (3. Textteil), wobei die Conclusio der letzten "Strophe" (die wiederum wie alle anderen Teile durch eine Leerzeile in zwei Unterabschnitte unterteilt ist) eher in Zen-Philosophische Gefilde führt und nicht dem Bereich strenger Aussagenlogik zuzuordnen ist. :)

Bzgl. der beiden Varianten der letzten Strophe würde ich persönlich übrigens eine Mischung aus beiden bevorzugen:


Wo nimmt der Poet,
wenn er sich zur Arbeit setzt,
alle Ideen her?

Das ist nicht viel anders, als
bei der Mahlzeit der Hunger

Begründung: "Leuchtkraft" ist mir ein wenig zu dick aufgetragen und "Versuch und Irrtum" ist mir etwas zu abstrakt.

Sehr gerne gelesen! :)

LG!

S.
« Letzte Änderung: Januar 28, 2022, 12:04:22 von Sufnus »