Autor Thema: Soldaten können Mörder sein  (Gelesen 432 mal)

Rocco

Soldaten können Mörder sein
« am: April 01, 2022, 06:54:57 »
X. ist ein Abendlandmensch:
abends
auf dem Land
ein Mensch

*

X. auf den Punkt gebracht:
ein hinterhofdichtender
Seitengassenabenteurer und
Mondscheinschwärmer

*

Sokrates:
Erfinder der Goldwaage

*

Horrorautoren:
Terrorarchitekten

*

Glück schafft eigenwillige
Sicherheiten

*

Genial!

x. bringt einen gedanken
in zehn wörtern unter
und teilt ihn auf in drei aphorismen

(die kollegen applaudieren,
die kritiker knirschen nur mit den zähnen)

*

Pilotenweisheit:

Riskier keine große Klappe!
Bevor du einen Turm rasierst
rasier dir lieber Haare von den Zähnen

*

Romanidee: Wanda, die DrachIn.
Die Geschichte von Wanda, einer Wurm-Frau, die sich in ihrem Körper gefangen fühlt. Auch hadert sie mit ihrer Geschlechterrolle; sie will ein Drache sein. Und verhält sich auch derart, weil kein Wurm Verständnis zeigt.
"Ein Wurm, wer intolerant ist!"
Ihr Lebensweg endet in der Anstalt.

*

Vernunft:
Nahrung der Verzweiflung

*

Romanidee:
Die Geschichte von Romeo, einer Raupe,
die sich in Julia verliebt, einen Wurm.
Ihre Eltern sind gegen diese Beziehung:
"Ihr habt keine gemeinsame Zukunft nicht!"
Eigensinnig bleiben sie ein Paar.
Und trennen sich doch.
Während Julia - aus Frust - einen Giftbecher leert, enthebt sich Romeo in den Himmel.
Romeo: "Unsere Eltern hatten nicht Unrecht! Du verkriechst dich - so bist du. Ich habe mir Flügel wachsen lassen!"

Ende

*

Nicht immer ist der Eigensinn ein Holzweg.
Manchmal eine Sackgasse

*

Manche wähnen sich auf dem richtigen Weg,
weil ihre Sackgasse länger ist

*

Tausendfüßer:
Wurm
dem man
Beine gemacht hat


----------------------
Alte Version:

Schmetterling:
ein Wurm
dem man
Flügel und Beine
gemacht hat

*

Sackgassenhauer

*

Bei X. kriegen die Gedanken immer die Kurve. Mündend in einen Wasserfall
in das sie mit Sprung
baden gehen

*

Im Aphorismus endet ein Gedanke nicht
als Bettvorleger
sondern als Tiger

*

A: "Frauen und Literatur finde ich unsäglich
interessant und langweilig"

B: "Glückwunsch zur abwechslungsreichsten Langeweile überhaupt!"

*

Ein Teufelskreislauf:
X. wollte voran
stattdessen bekam er die Kurve

*

Glück der Dummheit:
sie wäre weniger systematisch
ohne Menschen
denen praktisches Talent fehlt

*

Vorurteil:
Vorurteile sind immer
dumm und schädlich

*

Krieg:
der Friedhof wird zur Welt

*

Auch im Krieg werden Helden geboren:
friedliebende Menschen

*

Ein Soldat kann ein Mörder sein.
Ein uniformierter Bürokrat ist es

*

Die Opfer des Krieges sind immer:
die Soldaten. (Davor, während, danach)

*

Für: Gott! Ehre! Vaterland! sterben Soldaten
freudig.
Aber was unterscheidet freudige Soldaten von lebensmüden Zivilisten?

*

Der Krieg ist ein blutiges Geschäft.
Ähnlich einem Schlachthof

*
« Letzte Änderung: April 02, 2022, 10:17:05 von Rocco »
"Erst in Rage werde ich grob -
aber gelte als der Hitzkopf?!"

Yusuf Ben Goldstein, aus Rocco Mondrians Komödie: Yusuf Ben Goldstein, ein aufrechter Deutscher

Erich Kykal

Re: Soldaten können Mörder sein
« Antwort #1 am: April 01, 2022, 20:03:19 »
Hi Roc!

Wieder ein paar sehr gelungene "sprachlich geraffte und verdichtete Gedankenbilder" dabei!

Leider wie immer auch ein paar, die für mich nicht so gut "funzen" - aber das mag an den individuellen Wahrnehmungsfiltern liegen, andere finden vielleicht gerade diese schlüssig und lustig.

Du machst dir hier spezeill Gedanken zur aktuellen "Kriegslage" - und all dem traurigen menschlichen Versagen dahinter. Wird leider nie unaktuell ...  ::) :'(

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Rocco

Re: Soldaten können Mörder sein
« Antwort #2 am: April 01, 2022, 22:32:52 »
Hallo Erich,

du bist jemand, der Kritik verträgt, weil du uneitel bist und dich nicht scheust, deine Texte zu verbessern. Im Grunde bin ich nicht anders: Was ich texte, kann gut sein, muss es aber nicht.

Wenn es dich interessiert, kommentiere ich die Sprüche, vielleicht hilft das...

1. Ist ein Spiel mit dem Begriff: Abendland und Mensch. Es soll eine Person X. charakterisieren.

2. Auch eine Charakterisierung. X. treibt sich in Hinterhöfen und Seitengassen rum und das bei Mondschein.

3. Sokrates war ein Philosoph und das Vorbild Platons. Er hat sich absichtlich dumm gestellt, weil er wollte, dass ihm Diskussionsteilnehmer genauer erklären, was sie meinen. Und Sokrates machte sich einen Witz daraus, Ihnen nachzuweisen, dass sie falsch lagen. Das wollte ich mit der Goldwaage ausdrücken. Der "Witz" ist der, dass Sokrates die Goldwaage erfunden haben soll, er hat aber nur Wörter auf die Goldwaage gelegt. Und das, als es noch keine Goldwaagen gab. Ok, das muss man nicht witzig finden...

4. Es gibt keine Architekten des Horrors, das habe ich erfunden. Horrorautoren planen den Horror, ebenso wie Architekten Häuser planen. Es ist ein Vergleich.

5. Glück schafft Sicherheiten, die unvorhergesehen weg sein können. Daher: eigenwillige Sicherheiten.

6. Es ist nicht genial, wenn man einen Gedanken in drei Aphorismen unterbringt. Auch dass Kritiker das hinnehmen ist nicht genial. Meine ich überhaupt genial?

7. Ein Spiel mit dem Begriff: rasieren. Jemand hat Haare auf den Zähnen und er kann, als Pilot, einen Turm rasieren. Was er besser nicht sollte, auch wenn er seine Ansichten verteidigen kann. Etwa, das er nicht glaube, dass gleich ein Turm komme (bei Nebel). Daher: Weisheit.

8. Dir ist nicht aufgefallen, dass ein intoleranter Wurm, andere intolerante Würmer, als intolerante Würmer bezeichnet? Und der tiefere Sinn davon? Ich fand die Idee eines Wurms toll, der sich für einen Drachen hält. Ja, ich finde das komisch!

8. Müsste dir gefallen, ist pessimistisch? Verzweiflung frisst Hoffnung auf.

9. Hat keinen tiefen Sinn. Mir gefiel die Idee, aus Menschen Insekten zu machen.

10. Eigensinn kann gut sein. Aber nicht immer und nicht für jeden.

11. Manchmal ist man auf dem falschen Weg und glaubt nur, man sei richtig, weil es nicht gleich auffällt.

12. Spiel mit dem Begriff: Jemandem Beine machen. Daher ein Insekt!

13. Populäre Lieder heißen: Gassenhauer. Weniger populäre wären dann Seitengassenhauer.

14. Spiel mit den Redewendungen: die Kurve bekommen, Baden gehen und wie ein Wasserfall reden.

15. Aphorismen sollen anregen, dazu müssen Gedanken stark sein wie Tiger. Das Gegenteil wäre der Bettvorleger.

16. Dass Langeweile abwechslungsreich ist, ist unmöglich. Ich behaupte das Gegenteil.

17. Ein Spiel mit Redewendungen. Man will voran und muss abbiegen.

18. Sagt man etwas Dummes und probiert es aus, wird man klüger, daher ist es ein Glück für die Dummheit, wenn man dumm bleibt.

19. Vorurteile sind Stereotypen und die sind, von der Natur auch so gewollt. Wir hören ein Rascheln im Busch und haben Angst. Das hat unsere Vorfahren vor wilden Tieren bewahrt.

Und der Rest ist klar?

Dir einen schönen Abend!

Rocco
« Letzte Änderung: April 01, 2022, 22:40:17 von Rocco »
"Erst in Rage werde ich grob -
aber gelte als der Hitzkopf?!"

Yusuf Ben Goldstein, aus Rocco Mondrians Komödie: Yusuf Ben Goldstein, ein aufrechter Deutscher

Erich Kykal

Re: Soldaten können Mörder sein
« Antwort #3 am: April 02, 2022, 13:51:23 »
Hi Roc!

Was für mich schwierig ist, ist der Umstand, dass mir unklar bleibt, worauf DU als Autor mit diesen Cahrakterisierungen einer beliebigen "Person X" inhaltlich hinaus willst. Ist es reine Wortspielerei, oder soll es uns etwas über diese bestimmte Person klarmachen? Wenn ja, zu welchem letztendlichen Behufe? Was ist zB die tiefere "Moral" von Spruch Nr.2?
Was soll das Herumtreiben von einer Person X in Seitengassen und Hinterhöfen dem Leser vermitteln? Die Charakterstudie wird durch die Anonymität und somit Austauschbarkeit des Protagonisten ohnehin relativiert, aber der nur für sich stehende Fakt dieses Herumttreibens führt den Leser inhaltlich auch nirgendwo hin - da folgt für mich kein "Aha-Effekt" irgendeiner tieferen Erkenntnis, weder über die Person noch deren Handlungsschema oder Motivation. Man erfährt weder, warum "X" eine Affinität zu Hinterhöfen und Seitengassen hat, noch wohin ihn das alles führt oder führen soll. So bleibt es eine simple zusammenhanglose Wortspielerei, für die es keine spezielle "Person X" gebraucht hätte.

Verstehst du mein Fragezeichen im Kopf? So gut und pfiffig viele deiner Sprüche sind - manche deiner Glossen (?) bleiben für mich relativ inhaltlich flach und wirken wortspielerisch bemüht oder so, als wären sie "Füllsel", um "Masse" zu machen. Aber wie gesagt - das kann auch daran liegen, dass jeder andere Denkstrukturen hat und manches eben inhaltlich nicht so gut nachvollziehen kann wie ein anderer. So reagieren Leser eben unterschiedlich auf ein und dasselbe.

Du musst mir nicht jeden deiner Hintergedanken zu jedem einzelnen Spruch erklären - dennoch vielen Dank für die Mühe und den Aufwand! Es zeigt mir, dass dir meine Ansicht wichtig ist, und ich hoffe, ich gehe ausreichend sensibel damit um (da habe ich zuweilen meine Defizite ...  ::) :-\ :-[).

LG, eKy
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Sufnus

Re: Soldaten können Mörder sein
« Antwort #4 am: April 13, 2022, 15:47:29 »
Hi Rocco,

ich konzentriere mich in Kommentaren grundsätzlich etwas stärker auf deutschsprachige Lyrik, weshalb Kurzgeschichten, fremdsprachige Gedichte und - in Deinem Fall - Aphorismen und Sentenzen weniger Kommentare von mir einheimsen - das hat aber nichts mit Geringschätzung zu tun (das könnte nicht weniger der Fall sein!), sondern nur mit einem Fokus, den ich mir aus Zeitmangel leider setzen muss. Schon die Gedichte hier im Forum kommen ja zu kurz und bleiben oft - trotz großer innerer Schönheit - von mir unkommentiert.
Das nur zur apologetischen Vorrede, weil ich mich bei Deinen Aphos nicht so häufig äußere. :)

Jetzt aber doch mal ein Kommentar:

Tatsächlich bin ich da relativ nah bei eKy, viele Deiner prägnanten Kürzesttexte finde ich originell und unterhaltsam, ja sogar vergnüglich. Aber ich frage mich, ob der Fokussierung und Konzentration des Einzelgedankens nicht ein Zuviel an "Sprüchen" insgesamt gegenübersteht. Sprich: Der einzelne Gedanke ist knapp und konzis gefasst aber er bewegt sich in einem teilweise doch recht redundanten  "Sprüche-Ozean". Wenn ich z. B. das schöne Bild des Tausendfüßers gelesen habe, dem man Beine gemacht hat, brauche ich keinen Schmetterling mehr, der zusätzlich zu den Beinen noch Flügel bekommen hat. Diese Fülle von Aphos ist für mich etwas "unökonomisch" und steht zu der Prägnanz des einzelnen Aphos etwas im Missverhältnis. Das Ganze bekommt dadurch für mich einen etwas Ideen-Steinbruch-artigen Charakter, also eine etwas verwilderte Work-in-Progress-Sammlung, bei der man mal ein bisschen ausmisten könnte, um nur die punktgenauen Gedankentreffer stehen zu lassen. Ich greife hier also ein bisschen eKys Hinweis "Füllsel, um Masse zu machen" auf.  Aber vielleicht ist das hier von Dir ja sogar bewusst als eine noch nicht ganz abgeschlossene Entwurfsammlung angelegt, dann wäre mein kritischer Einwand natürlich im Ansatz erledigt. ;)

LG!

S.

Rocco

Re: Soldaten können Mörder sein
« Antwort #5 am: April 22, 2022, 00:13:22 »
Hallo Sufnus,

die Aphorismen der Weltliteratur sind nach Themen gegliedert. Oft habe ich den Eindruck, keine wirkliche Meinung zu lesen, sondern nur Standpunkte. Manche Autoren nehmen gegenteilige Meinungen ein, was verwirrend ist, da man so nicht weiß, ob sie nun für oder gegen sind. Ein beliebtes Spiel ist auch der Sowohl-als-auch-Standpunkt. Lese ich Aphorismen, erwarte ich schon gar keine Klarheit, sondern frage mich, wie ich diesmal verwirrt werden soll?

Vielleicht sind Aphorismen Blöcke aus Steinbrüchen, ich schließe das nicht aus...

Allerdings frage ich mich, was der Unterschied zu einer Gedicht-Anthologie sein soll? Ist die nicht auch ein Steinbruch?

Muss man alle Gedichte gleich und sofort lesen?

Man könnte nur einige lesen, darüber nachdenken und dann wieder einige lesen usw.

Diese Überlegungen mögen unbefriedigend sein, leider weiß ich sonst keine Antworten...

Ich werde bald mein Ukraine-Tagebuch hier im Forum veröffentlichten. Ich schreibe darin über den Krieg in der Ukraine. Sprich:Aphorismen und Sprüche über Soldaten, Kriegsopfer und Kriegstreiber wie Putin. Dabei hangle ich mich an der Chronologie des Krieges entlang. Ich befürchte, auch dieses Werk wird nur alle bisherigen Einwände bestätigen. Zumindest befürchte ich das. Eigentlich schade, ich versuche Tiefgang mit Unterhaltung zu kombinieren, wenn ich etwas hasse, dann erhobene Zeigefinger.

Dir einen schönen Abend!

Rocco
« Letzte Änderung: April 22, 2022, 00:15:00 von Rocco »
"Erst in Rage werde ich grob -
aber gelte als der Hitzkopf?!"

Yusuf Ben Goldstein, aus Rocco Mondrians Komödie: Yusuf Ben Goldstein, ein aufrechter Deutscher

wolfmozart

Re: Soldaten können Mörder sein
« Antwort #6 am: Mai 22, 2022, 11:48:54 »
Hallo R.
Gelungene Gedanken Splitter, mir gefällt auch die prosaische Form .
Der Ausdruck SCHLACHT ist eines der grausamsten Wörter die ich kenne.
Schlachtfeld...ein Schwein schlachten...entsetzlich!
Gruß wolfmozart