Autor Thema: Falsch interpretiert  (Gelesen 463 mal)

Erich Kykal

Falsch interpretiert
« am: Juli 19, 2025, 10:10:21 »
Ach, Dädalus, was du dir dabei dachtest,
dem Knaben deine Flügel zu verleihen,
eh strenge Zucht ihn lehrte zuzuhören!

Die Schwingen, die du ungeduldig machtest,
sie konnten nie sein Ungestüm verzeihen,
sein an den Himmeln sich entrückt Betören.

So war die Weitsicht des genialen Mannes
zu kurz für simple menschliche Natur -
dies ist das Wesentliche der Geschichte:

Nicht Übermut des Knaben: Sieh, ich kann es!
Nein, ernster Mangel an Verständnis nur
beim Vater machte diese Flucht zunichte.
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Falsch interpretiert
« Antwort #1 am: Juli 20, 2025, 13:51:46 »
Lieber Erich,

Väter sehen in Söhnen gern die, die durch ihre Hilfe hoch hinauskommen. Dann können sie ihnen noch über sich selbst hinauswachsen.

Sie veranlassen sie viel zu früh zu Risiken, deren Gefahren die Kinder noch längst nicht einschätzen können. Tödliche Unfälle resultieren.

Du hast den Mythos hier gut genutzt, um die Verantwortungslosigkeit eines pubertär gebliebenen Vaters zu zeigen. Vielleicht hat Baumgartners Absturz dich inspiriert.

Sehr gern gelesen.
LG g

 

Sehr gern geschrieben.
Chapeau von gummibaum

Erich Kykal

Re: Falsch interpretiert
« Antwort #2 am: Juli 20, 2025, 20:05:15 »
Hi Gum!

Nein, davon habe ich erst später erfahren. Mir stand einfach der Sinn nach einer Neuinterpretation von etwas 'Klassischem'. Normalerweise ist die Ikarusgeschichte ja ein Gleichnis für die Gefahr des Ungestüms, der Verführung durch zuviel Freiheit, Macht und Neugier. Dädalus ist da bloß eine Randfigur, der Vater eben, der geniale Erfinder der Flügel.
Meine Perspektive der Geschichte stellt ihn ins Zentrum - und erklärt seine Unfähigkeit der Voraussicht. Er hätte sein Kind ja zuvor schlicht an die Leine legen können ... - wenn er denn die Natur der jugendlichen Euphorie verstanden hätte, die sich für unsterblich hält.

LG, eKy
« Letzte Änderung: Juli 27, 2025, 11:43:17 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.