Hi Gum!
'Du bist dir nur des einen Triebs bewusst:
O lerne nie den andern kennen!
Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!
Die eine will sich von der andern trennen.
Die eine hält in derber Liebeslust
sich an die Welt mit klammernden Organen -
die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
zu den Gefilden hoher Ahnen!'
(Goethe, Faust, der Tragödie erster Teil, Studierzimmer)
Weise Worte von Faust an seinen Adlatus, der in Bücher vergraben ALLES lernen möchte - ein vermessener Wunsch, entsprungen der Hybris menschlichen Geistes zu glauben, er könne ALLES auch nur ansatzweise erfassen.
Worin aber liegt unser eigentlicher Sinn, unsere Bestimmung? Im Erfühlen und Erleben des Seins mit allen Sinnen und Tiefen - oder im Streben nach elysischer Entreifung alles Irdischen, der Loslösung von aller Materie und Begehren? In welche Richtung sollen wir uns 'vertiefen' - Sinnliches Erleben oder Vergeistigung? An dieser Frage ist schon Faust gescheitert, und fand letztendlich nur Erlösung, weil er es wenigstens beständig versucht hat, ein Besserer zu werden.
'Es irrt der Mensch, so lang er stebt. /.../ ... jedoch wer ewig strebt, den können wir erlösen.' (Gesang der Engel, Faust, der Tragödie zweiter Teil)
Wie meist macht wahrscheinlich die gesunde Mischung das Rennen - Extreme in polarem Denken haben kaum je Gutes bewirkt ...
Vielen Dank für deine 'vertiefenden' Gedanken!

LG, eKy