Autor Thema: Liebesspiel – Liebesziel  (Gelesen 784 mal)

Erich Kykal

Liebesspiel – Liebesziel
« am: Juli 19, 2025, 10:35:08 »
Wo sind Natur wir ohne Fug und Regel?
Wo wir begehren, was das Auge sieht.
Nicht Geld, nicht Macht, nicht lecker Hühnerschlegel -
nein, reine Schönheit, die vorüberzieht.

Wo wir das Reine außerirdisch fassen,
zu uns ins Niedere bewegen wollen,
damit sich nackte Lust daran erfülle.
Wo wir uns ohne Zügel gehen lassen,
der Rausch die Sinne überströmt im vollen
Erleben dieser göttlich schönen Hülle.

Wo sind Magnete wir und ewige Erfüller
im kleinen Tode, den wir so ersehnen?
Sind wir Verschleiernde, sind wir Enthüller?
Versuchende, die sich unendlich dehnen?

Wo sich die immer Fallenden begegnen,
sind für Momente sie dem Fall entrückter,
wo sie ihr Alles ineinander gießen.
Kein Gott vonnöten, diesen Sturz zu segnen,
sind wir für Augenblicke nur beglückter,
vom so Erlebten auf den Sinn zu schließen.
« Letzte Änderung: Juli 20, 2025, 20:11:54 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Liebesspiel – Liebesziel
« Antwort #1 am: August 03, 2025, 20:18:51 »
Lieber Erich,
deinen Versen zufolge ist es uns möglich, auf zwei fundamental verschiedene Weisen Natur zu sein: frei und unfrei, je nachdem, ob wir physische Existenzen Lust aus der Vereinigung mit einer metaphysischen (Schönheit) oder einer weiteren physischen Existenz ziehen.

Wenn es uns gelingt, die makellose Schönheit zu sehen und mit ihr das Natürlichste zu tun, so wird diese überirdische Unfasslichkeit auch unsere Natur von allen Gesetzen der stofflichen Welt reinigen und befreien.

Mit Unsresgleichen dagegen stürzen nur gemeinsam ab, einen rauschhaften Moment lang schneller und erquickt, aber umso mehr ein Opfer der uns in unserer Natur gegebenen Gesetze, ein Gefangener oder Sklave.

Ich kann beides gut nachfühlen.

Chapeau von gummibaum   


Erich Kykal

Re: Liebesspiel – Liebesziel
« Antwort #2 am: August 04, 2025, 11:21:48 »
Hi Gum!

'Du bist dir nur des einen Triebs bewusst:
O lerne nie den andern kennen!
Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!
Die eine will sich von der andern trennen.
Die eine hält in derber Liebeslust
sich an die Welt mit klammernden Organen -
die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
zu den Gefilden hoher Ahnen!'

(Goethe, Faust, der Tragödie erster Teil, Studierzimmer)


Weise Worte von Faust an seinen Adlatus, der in Bücher vergraben  ALLES lernen möchte - ein vermessener Wunsch, entsprungen der Hybris menschlichen Geistes zu glauben, er könne ALLES auch nur ansatzweise erfassen.

Worin aber liegt unser eigentlicher Sinn, unsere Bestimmung? Im Erfühlen und Erleben des Seins mit allen Sinnen und Tiefen - oder im Streben nach elysischer Entreifung alles Irdischen, der Loslösung von aller Materie und Begehren? In welche Richtung sollen wir uns 'vertiefen' - Sinnliches Erleben oder Vergeistigung? An dieser Frage ist schon Faust gescheitert, und fand letztendlich nur Erlösung, weil er es wenigstens beständig versucht hat, ein Besserer zu werden.
'Es irrt der Mensch, so lang er stebt. /.../ ... jedoch wer ewig strebt, den können wir erlösen.' (Gesang der Engel, Faust, der Tragödie zweiter Teil)

Wie meist macht wahrscheinlich die gesunde Mischung das Rennen - Extreme in polarem Denken haben kaum je Gutes bewirkt ...


Vielen Dank für deine 'vertiefenden' Gedanken!  :)

LG, eKy
« Letzte Änderung: August 04, 2025, 11:24:13 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Liebesspiel – Liebesziel
« Antwort #3 am: August 04, 2025, 13:45:51 »
Ah, in diese Richtung geht das!? Die Überschrift hatte mich anders gepolt. Aber schön, die Stelle aus Faust gefiel mir schon immer, und ich lese gern nochmals mit neuer Brille.
Danke, Erich.
LG g

Erich Kykal

Re: Liebesspiel – Liebesziel
« Antwort #4 am: August 05, 2025, 11:24:33 »
Hi Gum!

Das Werk fragt sich im Grunde aus der Sicht eines sinnlich Erlebenden, ob das, worin er sich so erfüllt, genug ist, um auch den Sinn der Existenz an ich zu erklären und zu definieren.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.