Autor Thema: Das Ehepaar weit unter mir  (Gelesen 542 mal)

gummibaum

Das Ehepaar weit unter mir
« am: August 04, 2025, 13:55:16 »
Am Sonntagmorgen letzte Regentropfen,
die Sonne blinzelt durch den Wolkenschlitz.
Ich nehme mir ein Heft und einen Sitz,
den Geist ins hohe Freie umzutopfen.

Doch kaum scheint der Balkon mir wieder sicher
als trockner Hort für meinen Minnesang,
hör ich auf der Terrasse ihren Gang,
ihr Essgeschirrgeklapper und Gekicher.

Noch sind die Stühle leer und auch die Tassen,
ich knöpf die Hose auf und schenke ein.
Dann kommen sie und können es nicht fassen:

„Ich wollte keinen Tee, du bist gemein!“
„Da siehst du, dass wir nicht zusammenpassen!“
Wie schön, sie rennen wutentbrannt hinein…
« Letzte Änderung: August 05, 2025, 18:43:46 von gummibaum »

Erich Kykal

Re: Am Sonntagmorgen
« Antwort #1 am: August 05, 2025, 11:21:33 »
Hi Gum!

Amüsant! Das hinterlässt den geneigten Leser natürlich mit der Frage, wer mit 'sie' gemient sein könnte. Ist das LyrIch ein unwilliger Bigamist? Befindet er sich in einem Urlaubsressort und muss sich der übergriffigen Verfolgung durch paarungswillige Weibchen erwehren? Hat seine Freundin Besuch von ihrer Schwester, die das LyrIch nervt?

So kurzweilig das Gedicht ist, ich hasse es, wenn solche inhaltlichen Fragen offen bleiben, wenn ein rahmender Kontext fehlt, der das Setup erklärt.

Zudem bin ich verwirrt: Ist eine Terrasse einem Balkon gleichzusetzen? So weit ich weiß, nein: Eine Terrasse ist zu ebener Erde, ein Balkon luftig an einem Gebäude. Bestenfalls größere begehbare Dachflächen dürfen auch als Terrasse bezeichnet werden, ein Balkon aber definiert sich durch seine geringe(re) Größe und dadurch, dass er in der Luft hängt. Was von beidem ist nun der Schauplatz?


Sehr gern gelesen und geschmunzelt, aber auch mit ein paar Fragezeichen im Nachklang.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Am Sonntagmorgen
« Antwort #2 am: August 05, 2025, 13:00:47 »
Lieber Erich,

stell dir vor, du wohnst im Mietshaus. Dein Balkon (das "hohe Freie") liegt weit über der Terrasse eines Paares im Parterre. Kaum willst du ihn nutzen, um Liebeslyrik zu verfassen, decken die beiden unter dir den Frühstückstisch. Ihre Art und Lautstärke sind so gar nicht dein Geschmack. Während sie noch etwas aus der Wohnung/Küche holen, schenkst du ihnen schon mal ein: du pinkelst über das Balkongeländer in die Kaffeetassen. Du triffst und dosierst genau. Als sie zurückkommen, missdeuten das Ergebnis und beschuldigen sich gegenseitig: "Du hast mir einfach Tee eingossen" und sehen sich wieder darin bestätigt, dass sie nicht zusammenpassen. Wütend verlassen die Terrasse... genau das, was du wolltest und zum Glück erreicht hast.

Ich hoffe, jetzt ist es klarer. Ich habe den Titel geändert.

Danke für dein "Sehr gern gelesen".
Beste Grüße von gummibaum
« Letzte Änderung: August 05, 2025, 23:38:36 von gummibaum »

Erich Kykal

Re: Das Ehepaar weit unter mir
« Antwort #3 am: August 06, 2025, 10:27:49 »
Hi Gum!

IIIIIIgitt!!! Also echt, das erinnert mich schon an Fetischsex!

Nebenbei: Balkon und Terrasse sind die einzigen Worte, die darauf hindeuten, dass sich die Handlung weitgehend in der Vertikalen abspielt, wenn man es mal so ausdrücken will ...
Irgendwo ein 'unter mir' oder so einzufügen könnte hilfreich sein - aber ach, das Sonettkorsett!

Und noch ein Umstand: Würde der 'Tee', aus dieser Höhe 'eingegossen', nicht fürchterlich spritzen, und selbst bei noch so genauem Zielen nicht eher den gesamten Tisch versauen, selbst bei absoluter Windstille, weil alleine schon der chaotisch wirkende Luftwiderstand bei so einem längeren Fall dafür sorgt, dass eine Flüssigkeit sich verteilt - siehe Wasserfall?
Jaja, ich weiß, es geht im Grunde nur um den Witz des Bildes - aber ich bin eben ein lästiger Logiker und Perfektionist. Selbst im Absurden sollten die Gesetze der Physik und Anatomie in Funktion bleiben, zumindest damit sowas auch für mich funktioniert.

Dank der Erklärung habe ich aber doch noch herzlich gelacht - und eine Gänsehaut bekommen ob der grässlichen Barbarei dieses LyrIchs! BRRRRR!  :o ::) ;D >:D


LG, eKy
« Letzte Änderung: August 06, 2025, 10:30:51 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Das Ehepaar weit unter mir
« Antwort #4 am: August 06, 2025, 16:09:24 »
Danke, lieber Erich,

für die nochmalige Beschäftigung mit diesem ekligen und unklaren Objekt. Ich habe meine Physik bei Michael Ende gelernt, wo es den Scheinriesen und das Perpetuum mobile gab.

Liebe Grüße von gummibaum

Erich Kykal

Re: Das Ehepaar weit unter mir
« Antwort #5 am: August 07, 2025, 11:35:31 »
Mich hat immer der Löwe Graograman am meisten beeindruckt ... - schon vom Namen her!  ;) :D
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.