Autor Thema: Übermütiger Versfuß  (Gelesen 51 mal)

gummibaum

Übermütiger Versfuß
« am: August 27, 2025, 02:11:55 »
Ich will von einem Mann berichten,
der Verse schrieb, so metrisch rein,
dass sich der Versfuß aus Gedichten
davonschlich, um mal nackt zu sein.

Er fand sich hübscher ohne Schuhe,
ging selbstverliebt durch jeden Raum,
und sah im Bett in süßer Ruhe
den Mann und glitt in seinen Traum.

Am nächsten Tag durchzog ein Rosa
das Dichterherz, dem Mann war schwül.
Die Verse aber waren Prosa
geworden, holprig, spröd und kühl.

Er selbst blieb noch vom Metrum trunken
und stolperte im Daktylos
durch Läden, wo er zwei Halunken,
die klauten, in die Arme schloss. 

Er wanderte auf Verses Füßen
durch Gassen jambisch hin und her,
trochäisch jeden Hund zu grüßen
als Reim auf „und“ und manches mehr.

Und feierlich wie eine Ode
erkletterte er einen Turm.   
Erschrak - schon fast im Fall - zu Tode,
denn oben läutete es Sturm.

Ganz bleich zu Hause angekommen,
war ihm, als flöge etwas fort,
und aus der Prosa stieg verschwommen
zunächst, dann klar, gereimt, sein Wort…   


Erich Kykal

Re: Übermütiger Versfuß
« Antwort #1 am: August 27, 2025, 10:34:28 »
Hi Gum!

Schönes Werk, lang für deine Verhältnisse. Allerdings weiß ich nicht so recht, wo es hin will. Ein personifizierter Versfuß? Okay, aber wie entwickelt sich das Ende? Auf dem Turm läutet es Sturm - aber dann ist der Takt so mir nichts, dir nichts wieder da? Wie kam er zurück? Oder ist dem Dichter ein neuer gewachsen? Sehr mysteriös ...

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Übermütiger Versfuß
« Antwort #2 am: August 27, 2025, 15:59:26 »
"Wo es hin will", wusste ich auch längere Zeit nicht, lieber Erich.

Ich habe mich endlich entschlossen, den beflügelten Dichter keinen Flugversuch vom Turm unternehmen zu lassen. Vielmehr hat ihn der Schreck durch plötzliches Läuten im kritischen Moment ernüchtert, und das allzu rhythmisch Beschwingende weitgehend in seine Texte zurückversetzt. Man könnte auch sagen, der Versfuß sah ein, dass er es zu weit getrieben hatte und bekam ein schlechtes Gewissen, als die Glocken (die göttliche Stimme) ertönten/eingriffen.

Danke und liebe Grüße von g 
« Letzte Änderung: August 27, 2025, 16:11:49 von gummibaum »