Autor Thema: Der Tod in Venedig (Zu Ehren Thomas Mann)  (Gelesen 1325 mal)

Erich Kykal

Der Tod in Venedig (Zu Ehren Thomas Mann)
« am: November 24, 2025, 22:10:06 »
Dem Geiste nach, zum Geiste sich erhebend
bezwang er seine Tage zum Gedicht,
und nur nach karger Strenge sich belebend,
erkannte er so vieles an sich nicht.

Des schönen Knaben Wohlgestalt ermessend
erging er sich in falscher Prüderie,
um doch zuletzt, den eignen Stolz vergessend,
entehrt verliebt zu sein wie vormals nie.

Der Gott des Schönen hielt ihn dort gefangen
an jenem faulenden, entrückten Orte,
wo freche Bänkelsänger Schicksal sangen,
entsagend allem Zauber seiner Worte.

Geflohen vor der Lüge seines Lebens,
der Ausflucht einer tief verlognen Kunst,
und in der letzten Phase des Enthebens
betrogen von bedeutungsloser Gunst.

Des Knaben sich am Reizenden Erproben
verführte seine Kargheit zum Gebet,
und wie der Last des Fastenden enthoben
beharkte er das keimverseuchte Beet.

Den Gecken, auf der Hinfahrt so verachtet,
das Alter weggeschminkt, die Jugend jagend,
bespiegelte er nunmehr wie umnachtet,
dem hohen Eigensinne widersagend.

Vergeblich, ach, das unerhörte Trachten,
und tragisch triebhaft der verführte Mann.
Ob Engel sangen oder Teufel lachten?
Ob es Bedeutung darin geben kann?

Des Schönen Wahrheit ist wie Sand am Meere,
begraben in den Wellen aller Zeit.
Der es besingt, bleibt in der eignen Leere
gefangen und am eignen Drang entzweit.

Was wert ist Leben, wenn es doch nur endet?
Was wert ist Schönheit, da sie doch zerfällt?
Was wert ist Schicksal, das wie Hohn sich wendet?
Was wert ist Sterben, wenn die Maske fällt?
« Letzte Änderung: November 24, 2025, 22:16:28 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Erich Kykal

Re: Der Tod in Venedig (Zu Ehren Thomas Mann)
« Antwort #1 am: August 23, 2026, 07:41:28 »
Zum Geleit:

Das Gedicht beschreibt die Romanversion, nicht die Verfilmung, die aus dem im Buch beschriebenen Dichter einen Komponisten macht. Ansonsten habe ich dem Film nichts vorzuwerfen, auch wenn er manche Details verändert, wie zum Beispiel die Rückblenden seiner Streitgespräche mit seinem Freund und Künstlerkollegen, die es im Roman so nicht gibt, und die im Film dazu dienen, den inneren Anspruch und die Motivation des verkopften Künstlers darzulegen - den verrannten Selbstbetrug in der Erstarrung, aus der er zuletzt in sein Schicksal in Venedig flieht.

Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Der Tod in Venedig (Zu Ehren Thomas Mann)
« Antwort #2 am: August 30, 2026, 23:36:14 »
Lieber Erich,

ein sehr schönes Gedicht über Aschenbach und seine Triebsublimierung in strenger Lebensweise und einer Dichtung, die einseitig Geist und die Moral betont und dafür geadelt wird. Das geht so lange gut, bis die Ideen ausbleiben, er Abwechslung sucht und verreist. Nun meldet sich Eros und schickt das Schöne, und als er anbeißt, kommt Dionysos und bringt den Rausch mit und -weil nicht sein kann, was nicht sein darf - den Todestrieb. (Der Dichter ist isst ersatzweise verseuchte Erdbeeren und stirbt an Cholera.)
Ich habe die Novelle nach 50 Jahren nochmal gelesen und muss sagen, du hast alles bestens verdichtet und sprachlich kongenial gestaltet.

LG und Chapeau g

Erich Kykal

Re: Der Tod in Venedig (Zu Ehren Thomas Mann)
« Antwort #3 am: August 31, 2026, 19:22:41 »
Hi Gum!

Ich sah die Verfilmung zuerst und las erst Jahre später das Buch dazu, in dem der Protagoniest ein Dichter ist, kein Komponist. Warum sie ausgerechnet das für den Film verändert haben, ist mir rätselhaft.

Neulich ist der Schauspieler verstorben, der den jungen erwachenden Adomis verkörperte - den 'schönsten Jungen der Welt', wie der Regisseur ihn stolz nannte. Leider hat er dem Burschen außer kurzem Ruhm (vor allem in Japan, wo er zur Vorlage einiger Mangafiguren wurde) damit keinen Gefallen getan. Er litt lebenslang darunter, immer nur mit dieser einen Rolle identifiziert zu werden, auch als er längst ein erwachsener Schauspieler war. Er kam nie von diesem frühen Erfolg los ...

Mittlerweile gibt es die Geschichte auch als Graphic Novel, die sich exakt an die Vorgabe der Novelle hält. Dort finde ich die Figur des von Aschenbach gelungener dargestellt - im Film war mir der Schauspieler, der ihn verkörperte, irgendwie zu wenig asketisch wirkend, zu wenig zugeknöpft bis zum steifen Kragen, spielte allzu emotional und verletzlich.

Dennoch insgesamt eine gute Verfimung, die mich dazumals fasziniert hat. Als Mann das Buch schrieb, war Homosexualität eine Todsünde und ein Verurteilungsgrund vor Gericht, und auch zu Zeiten der Verfilmung galt sie immer noch als unzumutbares Tabu. Umso mutiger beide, Autor und Regisseur, sich dieser Thematik anzunehmen, obendrein mit einem Minderjährigen als Ziel dieser 'verderblichen' Sehnsucht.
Verständlicherweise gehen weder Buch noch Film über Andeutungen, Symbolismen und ein kleines wissendes Lächeln des Knaben hinaus, das den Aschenbach un seinen restlichen Verstand bringt.

Das Ende ist bildhaft: Wahrend Aschenbach im Liegestuhl fiebert, muss er mit ansehen, wofür er gestorben ist: Für die hohle. leere Geste eines Unreifen, der im Grunde noch keine Ahnung davon hat, womit er gespielt hat, wohl eher aus Langeweile oder Eitelkeit: Nachdem er von seinem Spielkameraden zusammengeschlagen wurde, stellt sich der Geknickte in gekränktem Stolz in die Brandung und zeigt in klassischer Pose stehend ins Nichts hinaus, als wäre dort etwas von Bedeutung, das nur er sehen kann, wie um sich erneut eine geheimnisvolle, göttliche Aura zu verleihen, die sein gewalttätiger Kumpel garade so derb zerstört hat. Mit dieser sinnlosen, eitlen Geste vor Augen, die seine Illusion vom gottgleichen Knaben zum Einsturz bringt, fällt der Dichter ins Koma.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Der Tod in Venedig (Zu Ehren Thomas Mann)
« Antwort #4 am: August 31, 2026, 22:25:01 »
Danke, lieber Erich,

für weitere Gedanken dazu. Mir fiel noch auf, das viel Nietzche (Die Geburt der Tragödie ...und Zaratustra) in dem Text steckt, und der distanzierte letzte Satz an den Schluss von Goethes Werther erinnert. Außerdem steckt viel von Thomas Mann in der Aschenbach-Figur.

LG g
« Letzte Änderung: August 31, 2026, 23:38:11 von gummibaum »

Erich Kykal

Re: Der Tod in Venedig (Zu Ehren Thomas Mann)
« Antwort #5 am: September 01, 2026, 10:12:59 »
Hi Gum!

Natürlich ist so eine Thematik, wenn von einem namhaften Autor so riskant im Rahmen des extrem homophoben kulturellen Kontexts seiner Epoche dennoch aufgegriffen (obendrein mit so 'jungem Gemüse' als Ziel des Schmachtens), im Grunde zumindest teilweise autobiographisch. Schon allein die tragische Hauptfigur als Dichter ... Es muss ein gewaltiger Drang und Druck in Mann geherrscht haben, sich dieses Tabus literarisch 'eher unbedenklich' anzunehmen, um eigene nonkonforme Fantasien dadurch zu verabreiten und zu sublimieren: Er schrieb es sich sozusagen von der Seele, um sich selbst dadurch zu bewältigen.

Ich habe weder Zarathustra noch den Werther je gelesen, kann das also nicht beurteilen.

LG, eKy
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