Autor Thema: Im Rollstuhl  (Gelesen 1224 mal)

gummibaum

Im Rollstuhl
« am: Juni 30, 2026, 22:02:45 »
Geborgen zwischen meinen Schenkeln
fährt eine Batterie von Enkeln
mit mir im Rollstuhl durch die Auen
und sucht im Land nach Kinderfrauen.

Die letzten sangen abends Lieder.
Es blieben nur zerfetzte Glieder.
Die Kinder warnten noch: „Gespenster!“
Dann flog der Drohnenschwarm durchs Fenster.

Die Eltern sind vor ein paar Jahren
vom Urlaub nicht mehr heimgefahren:
„Den Opa wird sein Glück erfreuen,
im Krieg die Kleinen zu betreuen“ …


Erich Kykal

Re: Im Rollstuhl
« Antwort #1 am: Juli 01, 2026, 11:11:23 »
Hi Gum!

Ein grimmiges Bild! Ein behinderter Opa, der mehrere Enkel durchbringen muss, während rundherum Krieg herrscht. Ein Bild aus der Ukraine? Die 'Drohnen' lassen darauf schließen.

Schaudernd gelesen.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Im Rollstuhl
« Antwort #2 am: Juli 02, 2026, 21:34:51 »
So ist es, lieber Erich.

Dem Fortschritt der Technik entspricht hier ein Rückschritt der Menschlichkeit.

LG g

Erich Kykal

Re: Im Rollstuhl
« Antwort #3 am: Juli 03, 2026, 11:20:59 »
Hi Gum!

Rückschritt? Das ist der Denkfehler. Die Menschen, die sich da gerade hassgestählt politisch oder religiös überzeugt oder idiotisch patriotisch austoben, leben jeden Tag unter uns, sind wir in Teilen sogar selber, wenn man uns richtig triggert.

Es liegt in unseren Genen, eher kleine Kreise der Gemeinschaft zu ziehen und andere auszugrenzen, allein schon, um die eigene 'verschworene' Gemeinschaft intensiver zu definieren. Größere Konglomerate können wir einfach geistig und emotional nicht mehr bewältigen. Diese Kulturkreise, Völker oder Staaten mögen im Laufe der Geschichte gewachsen sein, aber es scheint eine sozial verträgliche Obergrenze für unser inhärentes Gemeinschaftsgefühl zu geben, über das hinaus wir einfach nicht mehr empathisch sein können - von wenigen möglicherweise genetisch mutierten Ausnahmen vielleicht abgesehen.
Im Kopf können wir uns Weltfrieden wünschen - aber das Herz bleibt dabei irgendwann auf der Strecke, wenn's ans Eingemachte geht, und reine Kopfgeburten sind nie dauerhaft tragend und gesellschaftsfähig.

Ich vermute, das einzige, was jemals zu einer Art 'Weltfrieden' führen könnte, wäre eine gemeinsame Bedrohung von außen: Böse Aliens oder ein Todeskomet. Aber selbst gesetzt den Fall, die Menschheit würde derlei überleben - hinterher würden wir sofort wieder in unsere Kulturklüngel gewohnter Vorurteile verfallen, 'gerechte Sachen' aller Art gewaltsam vertreten, Macht- oder Religionskriege führen, gewalttätig rebellieren (ob nach allgemeinen menschlichen Maßgaben 'moralisch gerechtfertigt' oder nicht), Ungewohnte ausgrenzen, erobern, aus welchen 'guten Gründen' auch immer, Terror ausüben und im ganz Kleinen unserer sozialen 'Übereinkünfte' uns Anvertraute überwältigen, missbrauchen und ermorden (zu einem gewissen Bevölkerungsprozentsatz immer!) usw. ...

Wir sind keine 'nur' guten Wesen und werden es vielleicht niemals sein. Unser soziales Funktionieren, vielleicht sogar das Gefühl der Liebe an sich, obliegt dem Fortpflanzungstrieb (ungesteuert, darum gibt es auch Schwule) und dem genetisch programmierten Instinktdruck zur Rudelbildung, um das eigene Überleben und das der Art zu optimieren. Das Leben an sich ist amoralisch, und es gibt keinen gütigen Gott, der geborene oder erzogene Raubtiere bestraft.

LG, eKy
« Letzte Änderung: Juli 03, 2026, 11:34:39 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Im Rollstuhl
« Antwort #4 am: Juli 05, 2026, 20:28:17 »
Lieber Erich,

danke, lieber Erich. Das Wort Rückschritt war nicht evolutionär gemeint, sondern prozentual. Die Weiterentwicklung der Technik von Kriegsgerät ermöglicht immer größeres Leid, der Prozentsatz an Menschlichkeit unter den Taten sinkt.

LG g









Erich Kykal

Re: Im Rollstuhl
« Antwort #5 am: Juli 06, 2026, 09:12:00 »
Hi Gum!

Wahr gesprochen! Ich glaube, der einzige Grund, warum wir noch keinen echten Atomkrieg geführt haben ist, dass selbst die Dümmsten begreifen, dass man damit auch immer sich sebst vernichten würde.

Aber warte mal ab, bis einer der gekränkten Egomanen an der Macht, der über solche Waffen verfügt, so sehr in die Ecke gedrängt wird, dass er weiß, dass er sterben wird, aber immer noch die Macht hat, es per rotem Knopf seinen Gegnern heimzuzahlen! Was schert ihn da das Leid der Nachwelt? Seine Rache an denen, die ihn zu Fall gebracht haben, wird ihm wichtiger sein.

Das andere echte Risiko sind bildungsferne Fanatiker, egal ob politisch oder religiös motiviert. Sie sehen in ihrem ideologischen Tunnelblick nur ihre Gegner und wie sie ihnen schaden können - und scheiß auf die Konsequenzen!

Ich fürchte, die Welt muss alle paar Generationen kaputtgehen, damit die kurze Erinnerung der Menschen lernt, worin diese Konsequenzen tatsächlich bestehen. Der Knackpunkt ist, wie du geschrieben hast, der technische Fortschritt, der die Folgen für alle immer globaler macht.

Seufzergrüße, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.