Autor Thema: Kreativitätsfaden  (Gelesen 66 mal)

gummibaum

Kreativitätsfaden
« am: August 31, 2026, 13:34:52 »
Ich bin andernorts noch immer an den Krativitätsfaden gefesselt, wo man unter Zeitdruck aus 5 vorgegebenen Wörtern ein Gedicht macht. Ein kleine Probe aus den letzten 4 Tagen:

lokomotive °° hüpfen °° stur °° hagebutte °° sandeln


Eine Dampf-Lokomotive,
war zwar eisern, doch nicht stur,
hüpfte mit der Perspektive
eines Ausflugs aus der Spur.

Aß statt Kohlen Hagebutten,
sandelte am weißen Strand,
plauderte am Dom mit Putten,
und durchräderte das Land.

Schließlich stieg sie in die Gleise,
fügte sich der Schienenspur.
Doch ihr Pfiff bei jeder Reise
atmete die Herzenskur…
 

Köpfe, beißen, dienen Lacktisch, karstig


Mir dienten Höhlen untertage
in karstigen Verstecken,
das Laserschwert, das Menschheitsplage
enthauptet, auszuhecken.

Noch immer beißen diese Köpfe,
die auf dem Lacktisch bluten.
Sie drückten fast die roten Knöpfe
vor wenigen Minuten.

Enorm, ihr Überlebenswille,
wer weiß, worauf er gründet.
Beruhigt sie, dass, kaum ist Stille,
ihr Doppelgänger zündet? …


krank, Raspel, beten, kästeln, südlich


Wie war ihr Leben einst verästelt
in Denken, Fühlen, rascher Tat.
nun faulte es wie eingekästelt
in einem Hinterhausquadrat.

Wie eine Raspel trug das Alter
ihr Leben immer weiter ab,
sie fühlte sich als kranker Falter,
und war zu jedem Flug zu schlapp.

Holt mich, ihr südlichen Gestade,
so betete sie manche Nacht,
ans weite Meer, gewährt die Gnade,
dass mich sein Rauschen selig macht.

Und endlich trat ihr Sohn ins Zimmer.
Er trug den dürren Leib hinaus
und bettete ihn dann für immer
ins Meer, als rauschhaft tiefes Haus …


Waldesrauschen, Reisezug, verzweifelt, irren, duften


Der Reisezug ist überfüllt,
es duftet stark nach Schweiß,
als ganz verzweifelt jemand brüllt:
„Es ist das falsche Gleis!“

Dann knallt es, und wir alle lauschen
aus den zerstörten Wagen
nur noch dem schönen Waldesrauschen
und eines Kuckucks Klagen.

Ein Jäger irrt durchs Sterben, weiß
den Grund für diese Wende:
„Das alte, stillgelegte Gleis
war vor dem Knall zu Ende.“


Apfelsine, Gewänder, schüren, richten, wacklig


Richtete in ferne Länder
Segel, wo man Fremdes spürt,
Kippa, Burka und Gewänder
trägt und Glaubenskriege schürt.

Selten fand ich Menschen frei –
Und wie ging es mir dabei?

Wacklig wurden Geist und Zähne,
Apfelsinen halfen nicht.
Dass ich doch Skorbut erwähne,
passt vorzüglich ins Gedicht …










 


 
« Letzte Änderung: September 01, 2026, 23:28:43 von gummibaum »

Erich Kykal

Re: Kreativitätsfaden
« Antwort #1 am: August 31, 2026, 18:59:51 »
Hi Gum!

Nummer 3 mit der sterbenden Alten finde ich am gelungensten. alle anderen kränkeln etwas an der herbeigezogenen Künstlichkeit der Konstrukte, damit auch alle verlangten Wörter unterkommen.

Das ist zugleich auch das, was mich an dieser 'Spielerei' stört: Sie erschafft nur im seltensten Fall literarisch wertige Lyrik mit einer wirklich tiefen, profunden Aussage. Dein Gedicht Nr.3 beweist allerdings, dass es (mit etwas Glück bei der Auswahl der vorgegebenen Worte) durchaus mögloch ist. Chapeau!

die primäre Herausforderung für mich ware bei diesem System, TROTZ der zufälligen bis sabotierenden Wortpflicht gute, stimmige Gesichte abzuliefern - und zwar jedes Mal. Dank mancher in sich bereits extrem unlyrischen Vorgabewörtern leider ein Ding der Unmöglichkeit - wie deine obige Auswahl beweist ...

Interessiert gelesen.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Kreativitätsfaden
« Antwort #2 am: August 31, 2026, 22:50:53 »
Danke für deine Antwort, lieber Erich.

Deine Auffassung ist völlig richtig. Ich habe nur oft das Gefühl, mein geistiger und körperlicher Akku erreicht nicht mehr 100% und ist schnell leer, und ich brauche etwas, das mich pusht. Zugleich missfällt mir meine Suche nach dem rettenden Strohhalm. Ein Positives hat es, wenn ich im Konstrukt trotzt der Fesselung an Wörter meine Stimmung oder sogar unbewusste Gedanken lesen kann. 

LG g
« Letzte Änderung: August 31, 2026, 23:08:51 von gummibaum »

Erich Kykal

Re: Kreativitätsfaden
« Antwort #3 am: September 01, 2026, 10:05:23 »
Hi Gum!

Ein interessanter Gedanke.

Leider hängt das Ergebnis solcher Sprachbasteleien meist vom Wohlwollen derer ab, welche die Schlüsselwörter auswählen. tun sie dich nach freundlichem Ermessen, mag das Ergebnis stringent, folgerichtig konstruiert und wohlklingend sein.
Lacht sich dabei ein böswilliges Teufelchen ins Fäustchen, bleibt es schier unmöglich, aus dem Haufen schriller, abseitiger Begriffe noch irgendetwas Sinnfälliges zu gestalten, das noch irgendwie gut klingt oder nicht völlig abstus rüberkommt. Es sei denn, man legt es auf ein 'Nonsensgedicht' an und will sehen, wie abseitig der Verstand mancher Mitmacher dabei arbeiten kann ...

Du, der du selbst den mundansten Werkzeugen und Gegenständen im Gedicht noch eine eigene, ernstzunehmende Stimme als pseudolebendiges LyrIch zu verleihen vermagst, bist da sicher ganz vorne mit dabei - falls es das ist, was du dir davon erwartest und was du willst. Falls nicht, eird so eine Manie bald zum geistigen Gefängnis, weil der Geist anfängt, sich dem Fakt von Vorgaben anzupassen und ihn beim Dichten schon zu erwarten.
Suchtfaktor einerseits, andererseits Verfestigung einer bestimmter Denkstruktur, die letztlich von diesen im Grunde einschränkenden Prämissen handwerklich abhängig zu werden droht.

Du schriebst ja, dass du fast gegen deinen Willen in diesem Vorgabespiel festhängst. Vorschlag: Anstatt immer weiter der 'einfacheren' Idee von Konstruktvorgaben zu folgen, bloß weil du befürchtest, deine 'lyrische Batterie' konnte sich allenthalben verbraucht haben, nimm bewusst abstand davon und lass deiner zerebralen Gedichtemaschine ihren eigenen Willen. Wenn sie denn eine Weile ruhen will, lass sie. Keine Sorge, das Talent verliert sich nicht (zumindest bei weitem nicht so schnell wie befürchtet), und die Pause könnte deine eigenständig kreative Ideenmaschine wieder anlaufen lassen.
so schafft du wieder originäre Werke einzig aus eigener Feder.

Ich selbst habe zuweilen Monate ohne Dichten verbracht, einfach weil ich 'keine Lust dazu' in mir fand, einmal über ein halbes Jahr! Danach ging es doch weiter, und das Schreiben machte mir wieder richtig Spass. Man darf nur den Zugang dazu nicht verlieren: Während dieser Phasen kommentierte ich eifrig weiter, auch wenn ich selbst nichts schrieb. So hielt ich mir diese Türe stets offen.

So, ich hoffe, das ist irgendwie hilfreich gewesen.  :) 8)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Kreativitätsfaden
« Antwort #4 am: September 01, 2026, 11:19:01 »
Ja, danke, lieber Erich.