Autor Thema: Autobiographisch  (Gelesen 88 mal)

gummibaum

Autobiographisch
« am: Oktober 28, 2026, 15:42:06 »
Heut hat der Herbst mich angestiftet,
von meinen Farben zu erzählen,
als Blatt das Thema selbst zu wählen,
zu dem sonst gern der Dichter driftet.

Sie sind im Frühling schon entstanden,
jedoch in meiner jungen Hülle,
von Chlorophyll in solcher Fülle
wie übermalt und nicht vorhanden.

Doch Gelb und Rot, sie unterstützen
das Grün, auch schwaches Licht zu binden,
und ist zu viel da, Schutz zu finden,
so können sie ihm doppelt nützen.

Danach ist eins noch zu begrüßen,
dass ich mit meiner Unterseite,
den Baumes Atemluft geleite,
und Wasser hilft, sie zu versüßen.

Doch dass ich Dampf als Atem spende
wird bald im Herbst dem Baum gefährlich,
wenn es durch Kühle nur noch spärlich
hinaufdringt durch die Wurzelhände.

Verdurstet müsste er bald sterben
und zieht es vor, mich aufzugeben,
nimmt erst dem Chlorophyll das Leben,
um dessen Stoffe noch zu erben.

Nun tritt verspielt und ungeheuer,
das Gelb der Carotinoide,
das Xanthophyll als Glut der Schmiede
hervor und nährt mein Todesfeuer.

Zuletzt verkorkt der Baum mir alle
Gefäße, die mir Wasser gaben.
Vertrocknet dürft ihr mich nun haben. -
Schaut auf, ihr Dichter, wie ich falle …

Erich Kykal

Re: Autobiographisch
« Antwort #1 am: Oktober 30, 2026, 08:33:59 »
Hi Gum!

Ehrlich - man sollte mal all deine 'didaktischen' Gedichte zusammenfassen und als allgemeines Lehrbuch in Reimform veröffentlichen!  :D

Schön gedichtet mal wieder, und das für etwas, das 'normale' Lehrer in einen furztrockenen, drögen Vortrag verwandeln können, der die meisten Hörer eher einschlafen lässt.

Neben der Belebung profanster Dinge in eingehenden Reimen, die zu Tränen für das beschriebene Ding zu rühren vermögen, ist es eines deiner Talente, Mathematik, Chemie, Physik oder Biologie in edle Verse zu kleiden, die der trockenen Materie schmeicheln.

Nicht ganz das romantisierende Schmalz, mit dem andere Poeten zur Beschreibung jeder Jahreszeit um sich werfen (wofür sich der melancholische Herbst ja besonders gut eignet, wie wir wissen ...), sondern eher mit erzieherischem, bildendem Anspruch - man merkt die Lehrernatur voll und ganz, und hier hat das bestimmt nichts Aufdringliches!

Sehr gern gelesen!  :) (Auch wenn ich ein schlechter Schüler bin und die gelernten Fachwörter rasch wieder vergessen werde ...)

LG, eKy

Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Autobiographisch
« Antwort #2 am: November 02, 2026, 15:59:33 »
Danke, lieber Erich,

für deine freundlichen Worte. Ja, man spürt hier den Lehrer oder das, was mich zum Lehrer machte.

Dir liebe Grüße von g