Hi, Aspasia!
Der Rückzug der napoleonischen Truppen war ein grausames Gemetzel, das nicht allein ein Napoleon zu verantworten hatte ...
Das soll jetzt keine Rechtfertigung für Napoleons Handeln sein - er war ein Usurpator, ein skrupelloser Machtmensch und Manipulator und hat, wie dein Gedicht so deutlich beschreibt, unfassbar viel Leid verursacht, ohne sich weiter daran zu kehren: Menschen waren für ihn nur Mittel zum Zweck.
...
Gern gelesen, denn deine Zeilen haben mich an all dies erinnert. Und ja: Das Pferd tat mir wesentlich mehr leid als die verhungernden Soldaten! Was sagt das über mich aus???
LG, eKy
Danke fürs Lesen und für deinen umfassenden Kommentar, lieber Erich.
Das Gedicht entstand unter dem Eindruck des neuesten Buchs über Napoleons Russlandfeldzug (Adam Zamoyski: "1812 - Napoleons Feldzug in Russland"). Der Autor hat sich mit dem Quellenstudium sehr viel Arbeit gemacht, bis hin zu Tagebucheinträgen von Kriegsteilnehmern, sowohl was einfache Soldaten als auch Offiziere angeht. Nach seinen Auswertungen waren die Dinge, die diesem Krieg zugrunde lagen, sehr differenziert und lassen sich allein mit Großmannssucht nicht erklären.
Zwischen vielen Staaten der damaligen Zeit herrschte viel Mißtrauen, ganz besonders jedoch bezüglich der französischen und russischen Interessen. Das Verhältnis zwischen Napoleon und Zar Alexander war anfangs dennoch freundschaftlich geprägt, weil sich beide Herrscher gegenseitig mochten. Auch lebten in Russland viele Europäer und natürlich auch Franzosen. Aufgrund vieler Mißverständnisse und auch, weil Alexander unter dem Einfluss seiner anti-napoleonischen Familie stand, sah sich Napoleon zum Krieg gegen Russland veranlasst. Wie verflochten die europäischen Staaten damals waren, zeigte sich darin, dass auf beiden Seiten nicht nur französische bzw. russische Truppen kämpften, sondern auch deutschsprachige Soldaten, Polen, Italiener und andere mehr.
Der Feldzug hätte nicht in einer Katastrophe enden müssen, wenn nicht einige fatale Fehlentscheidungen auf beiden Seiten getroffen worden wären. Sowohl für die Franzosen als auch für die Russen hatten sich Möglichkeiten aufgetan, den Gegner endgültig zu schlagen. Sie wurden nicht wahrgenommen. Das lag zum Teil auch daran, dass sich die Teile der Armeen zu weit auseinander befanden und - aufgrund von Kompetenzstreitigkeiten unter dem russischen Führungspersonal - Befehle von der Heersleitung ignoriert wurden. Napoleons größter Fehler war, den Rückzug nach Polen zu spät angeordnet zu haben.
Hinzu kam, dass Napoleons Verhalten untypisch für ihn war. Er galt bis zum Russlandfeldzug als genialer Stratege und Feldherr. In Russland jedoch erwies er sich als unsicherer Zögerer, der sich von Stimmungen leiten ließ. Es stimmt nicht, dass ihm seine Soldaten egal waren, die Verluste und das Leid der Menschen bereiteten ihm große Pein. Er wohnte persönlich dem Brückenbau an der Beresina bei und sah zu, wie Soldaten bis zur Brust im Eiswasser standen und manche von ihnen vom Wasser davongerissen wurden oder später an Unterkühlung starben. Das hätte er sich nicht antun müssen - aber er hat es sich angetan. Er musste vielleicht, denn jeder sterbende Soldat war die Garantie dafür, dass zwei oder drei weitere Soldaten ans andere Ufer kam. Wie bei den Ameisen.
Die Pferde tun dir leid, Erich, und natürlich spricht das für dich. Aber wir sind im Frieden, wo Pferde dem Vergnügen oder manchmal noch der Feldbestellung dienen, hauptsächlich aber ein Sportgerät sind.
Gerät waren sie damals auch, reine Nutztiere, die grauenhaft umkamen. Zehntausende bereits beim Eintritt in Russland aufgrund gravierend schlechter Klima- und Bodenverhältnisse. Später kamen Kriegsbeschuss, Hunger und Kälte dazu, beim Übergang über die Beresina wurden viele zu Tode getrampelt, weil sie sich, zwischen die Holzbohlen geraten, die Beine brachen und stürzten. Aber sie wurden gebraucht.
Es gibt aber auch positive Berichte von Franzosen, die mit Weitblick und Lebenserfahrung handelten und nicht nur heil nach Hause kamen, sondern auch ihr Pferd heil mitbrachten.
Warum tun sich Menschen das gegenseitig an, und warum tun sie es ahnungslosen Tieren an? So dachte ich oft beim Lesen dieses Buches.
Ich kann es empfehlen, es wird von der Presse ohnehin hochgelobt. Aber streckenweise muss der Leser einen gesunden, starken Magen haben, um durchzukommen.
VG
Aspasia