Autor Thema: Gebändigt  (Gelesen 2481 mal)

Erich Kykal

Gebändigt
« am: Juni 23, 2016, 16:22:26 »
Ein heißes Flüstern wohnt in meinen tiefsten Gängen,
darein kein Licht aus dem Gewissen fällt,
und alle Tage spüre ich sein grimmes Drängen
an meine Reue, die den Riegel hält.

Zuweilen freilich wird sie müde ihrer Wache
und schaut mich bittend aus der Tiefe an,
und hinter ihrem Blick fragt unentwegt der Drache,
ob er die Flügel endlich breiten kann.

Doch ließe ich, geliebtes Tier, dich von der Leine,
du brächtest rasend mich um den Verstand,
und alle Tugend, Weisheit und das letzte Reine,
das mir verblieb, entglitten meiner Hand.
« Letzte Änderung: Dezember 25, 2022, 18:16:38 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re: Gebändigt
« Antwort #1 am: Juni 23, 2016, 18:12:03 »
Lieber Erich,


dieses Tier scheint mir weitaus mehr als ein simpler Drache zu sein.
Ich sehe auch Fell und Tatzen, viel Atavistisches.
Das gefällt mir, ich mag das Wilde in der Lyrik, das beinahe-Losgelassene, das Drängende.

Kommt wohl auf den Riegel an?
Gönne dem Rudel einen Blick in die Helle.

Nur allzugern gelesen!

Lieben Gruß
von
Cypi
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re: Gebändigt
« Antwort #2 am: Juni 23, 2016, 19:41:51 »
Hi Cypi!

Ich meinte die eigene Dunkelheit, die "böse" Seite, die Hemmungslosigkeit, das Ausleben des internen "Mr. Hyde" ohne Rücksicht oder Inbedachtnahme von Konsequenzen, ob für sich oder andere - ich nenne es gern "meinen Drachen", da ich schon immer eine starke Affinität zu diesen Fantasiegeschöpfen hatte (nach dem chinesischen Horoskop bin ich sogar einer! ;D)
Mit "atavistisch" liegst du da richtig!

Der Riegel ist die Reue (oder sie hält ihn, wie auch immer) über früher Getanes, aus dem man lernte. Aber der Mensch vergisst gern, verdrängt oder relativiert - dann mag es geschehen, dass die Sperre brüchig wird, und der Drache beginnt zu grollen ...
Dann muss man ihn umarmen, ihn streicheln und ihm versichern, dass er immer Teil von einem sein wird, ein geliebter Teil - aber gebändigt, gezähmt um des eigenen und anderer Wohlergehen willen.
Wer seinen Drachen aber bloß wegsperrt und ignoriert, der füttert ihn mit Verleugnung und Scham, macht ihn auf Dauer wütend, wild und stark - und wenn er dann ausbricht, zerstört er Leben! Meist das eigene, zuweilen auch das anderer ...

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
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cyparis

Re: Gebändigt
« Antwort #3 am: Juni 24, 2016, 06:47:35 »
Wie herrlich klar Du das deutlich gemacht hast!


Cypi
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Aspasia

  • Gast
Re: Gebändigt
« Antwort #4 am: Juni 24, 2016, 07:22:32 »
Lieber Erich,

was ist es nur, dass wir Menschen das Dunkle in uns, die geheimen Mr. Hydes, faszinierender finden als das Helle? Niemand will zugeben, dass er einen Drachen in seinem Verlies hat, aber jeder weiß: Es gibt ihn, und wie sich ein Wolf nie ganz zähmen lässt, so ist es auch mit diesem Drachen.

Du hast das Thema wunderbar umgesetzt und dafür ungewöhnliche Verse geschaffen. Eine Leine für das wilde Tier genügt dir nicht, es muss hinter Schloss und Riegel. Ein sehr schönes, durchweg gelungenes Gedicht.

Liebe Grüße
Aspasia

Erich Kykal

Re: Gebändigt
« Antwort #5 am: Juni 24, 2016, 16:37:05 »
Hi, Aspasia!

Eine Leine für Hunde oder so könnte einen Drachen wohl kaum halten ...  ;) ;D Mein Tier ist eben besonders wild! :o

Vielen Dank für den lobenden Beitrag! :)

LG, eKy
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Pit Bull

  • Gast
Re: Gebändigt
« Antwort #6 am: Juni 25, 2016, 06:35:57 »
Hi eky, einige Sequenzen in deinem Gedicht haben mich entfernt an "Der Panther" von Rilke erinnert. Aber das nur so nebenbei.

Im Ausdruck ist dein Gedicht sehr eindringlich und man ertappt sich dabei darüber nachzudenken, wie es wohl um den eigenen "Drachen" bestellt ist.
In jedem von uns schlummert  mehr oder weniger so ein Biest, das es zu zähmen gilt.

Eine insgesamt überzeugende Schreibarbeit.

VG Pitti

Erich Kykal

Re: Gebändigt
« Antwort #7 am: Juni 25, 2016, 10:55:45 »
Hi Pitti!

Das mit dem Panther nehme ich als hohes Kompliment! :)

Wenn man es unter dieser Prämisse liest, fallen (mir erst jetzt) gewisse Ähnlichkeiten auf, besonders in den beiden ersten Strophen. Bewusst so gemacht ist es aber nicht.

Vielen Dank für deine freundlichen Zeilen! :)

LG, eKy
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gummibaum

Re: Gebändigt
« Antwort #8 am: Juni 25, 2016, 11:09:04 »
Sehr gut, Erich.

Ich träumte schon öfter, ich hätte Menschen in Stücke zerlegt und irgendwo verscharrt. Die ständige Bedrohung kultureller Riegel durch archaische Verhaltensweisen hat im Bild des wilden Drachens (der in nichtchristlichen Kulturen auch als stark, gut und weise gilt) einen passenden Ausdruck gefunden.

Mit Freude gelesen.

LG gummibaum



 


Erich Kykal

Re: Gebändigt
« Antwort #9 am: Juni 25, 2016, 12:03:57 »
Hi Gum!

Ich sehe vor allem deshalb einen Drachen in mir, weil dieses Fabelwesen für mich ein Ausdruck großer Präsenz und Macht ist, die auch ich haben könnte, wenn ich mich der selbstbewusst-soziopathischen Seite in mir ganz hingeben würde! Dann würde ich buchstäblich lächelnd über Leichen gehen, um irgendwelche Ziele zu erreichen, die mir dann wichtig scheinen.

Das christlich geprägte Drachenbild (siehe hl. Georg) hat damit aber nichts zu tun, zumal der Drache hier ja getötet wird. Der innere Drache aber stirbt erst mit mir ... da muss man sich bis ans Lebensende entscheiden ...

Vielen Dank für deine verständnisvollen Gedanken! :)

LG, eKy
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