Autor Thema: Erinnerungen  (Gelesen 2269 mal)

Erich Kykal

Erinnerungen
« am: April 03, 2014, 16:40:38 »
Wie ging ich auf in namenlosem Schrecken,
wenn mich die Mutter nach dem Keller sandte,
mich in den Höhlenschlund des Grabes bannte
zu kaltem Russ und schwarzen Schimmelflecken!

In jeder Nische sah ich Unbekannte
sich lauernd bergen, Böses auszuhecken -
nach meinem Leben sich die Finger lecken.
Ein leises Schaben! Wie geschwind ich rannte!

Ich fürchte lang schon keine finstern Ecken,
nur was ich selber war an Dunkelheiten.
Vor jenen Schatten gibt es kein Verstecken,

wenn sie die schwache Seele überbreiten,
genährt von Bildern, die sie auferwecken,
und wortlos alle Grenzen überschreiten.
« Letzte Änderung: April 03, 2014, 19:55:44 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re:Erinnerungen
« Antwort #1 am: April 03, 2014, 16:53:54 »
Große Dichtkunst, Erich,

mit einem gerüttelt Maß an Erinnerungswecken.
Diesen Keller kannte ich auch und für mich ist es im Moment schlimm, daß ich aufgeschreckt wurde.
Dein Schrecken scheint weitaus nachhaltiger zu sein, als es meiner war.

Nie - niemals wird es mir gelingen, daraus große Kunst gleich Deiner zu schaffen.


Neidlosen, aber sehr aufgerüttelten Gruß
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re:Erinnerungen
« Antwort #2 am: April 03, 2014, 20:00:38 »
Hi, Cypi!

Über die "Größe" mag die Nachwelt entscheiden. Ich weiß nur, dass ein oder zwei Zeilen dieses Gedichts schon den ganzen Tag in mir schlummerten und zu Papier gebracht sein wollten. Der Rest ergab sich der Form.
Ein liebes Dankeschön von einem ehemaligen Kinde zum anderen! ;) :D

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Daisy

Re:Erinnerungen
« Antwort #3 am: April 06, 2014, 12:41:40 »
Hallo Erich,

wie Cyparis schon schrieb: Große Dichtkunst!

Auch für mich sind beim Lesen deines Sonetts diverse Erinnerungen wach geworden, die mir nach wie vor einen gruseligen Schauer verursachen.
Ganz offensichtlich empfinden Kinder solche "Keller- oder Dachbodenerlebnisse" sehr ähnlich.

Dein Gedicht hat mir trotz Gruseleffekt viel Freude bereitet!

LG Daisy

Erich Kykal

Re:Erinnerungen
« Antwort #4 am: April 06, 2014, 13:10:00 »
Hi, Daisy!

Schön, dass du hier bist! Uff - seit gestern dachte ich schon, ich wäre alleine hier im Forum! :o

Solche Erinnerungen hat sicherlich jeder: Die Angst des Wehrlosen, Unwissenden vor dem Unbekannten, Dunklen, möglicherweise Gefährlichen - auf dieser Basis entstanden einst die Religionen!
Jedes Kind, das seine Welt erweitert, stößt auf solche furchteinflößenden Räume: Heizkeller, die seltsame Geräusche machen, der staubige Dachboden, die Finsternis unter dem eigenen Bett usw...
In ihrer Überwindung der Angst erobern sie die Welt, erfahren sie sich selbst und reifen.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.