Autor Thema: Das Menschenspiel  (Gelesen 2192 mal)

Erich Kykal

Das Menschenspiel
« am: September 29, 2019, 11:59:57 »
Wer hätte je gelernt, sich zu bescheiden,
wo ihn die Welt an ihre Fülle führte
und inniges Gefühl ein Feuer schürte,
darum ihn alle anderen beneiden?

Wer hätte je gedacht, dass Sichentscheiden
auch Türen schließt, die man durchschreiten wollte,
wie manches Herz, das leise dafür grollte,
dass man so blind war für sein stilles Leiden?

Wir taumeln trunken durch ein buntes Leben,
verführt von Düften, die sich wirbelnd tauschen,
bemerken kaum, was wir einander geben

und nehmen, ohne es gewollt zu haben,
als hörten wir einander nie im Rauschen
der Flüsse, die an unsern Ufern graben.
« Letzte Änderung: September 22, 2022, 22:40:17 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

  • Gast
Re: Das Menschenspiel
« Antwort #1 am: September 29, 2019, 12:19:55 »
 Lieber Erich,
die zweite Strophe, besonders das Entscheiden, das Türen schließt, finde ich sehr stark. Ja, es ist so. jede Entscheidung blendet eine andere Variante aus. Dennoch muss man sich im Leben entscheiden. Letztendlich kann es auch sein, dass man bei einer Entscheidung Menschen verletzt , vor den Kopf stößt und dennoch: Jeder hat nur dieses eine Leben.
Ich denke da nicht an Materielles und Ausbeutung, sondern an Lebensentscheidungen, wie z.B. mein Entschluss damals ins Ausland zu gehen, um dort zu arbeiten. Meine Mutter hat darunter sehr gelitten, mein vater hingegen war stolz und begeistert, auch, wenn er mich vermisste. Warum also hätte ich die Entscheidung nicht treffen sollen?
Dableiben wäre dem Egoismus meiner Mutter geschuldet gewesen. So ist es immer. Ich schrieb mal einen Apho: Die Freiheit des einen grenzt immer an die Freiheit des anderen.
Wer ein erfülltes Leben möchte, der muss seine Entscheidungen treffen und die Konsequenzen tragen.
LG von Agneta

Erich Kykal

Re: Das Menschenspiel
« Antwort #2 am: September 29, 2019, 13:43:19 »
Hi Agneta!

Genau! Wenn die Rücksichtnahme, die Empathie mit anderen mit dem kollidieren, was man für sich selbst erreichen oder bauen will, dann muss man entscheiden, und egal wie, es wird immer jemand leiden, immer jemand zurückstecken müssen. Irgendein Traum wird immer begraben, wenn jemand den seinen leben will, man selbst oder jemand anders.
Man KANN nicht auf alles und jeden Rücksicht nehmen, immer und überall, denn dann könnte man gar nichts mehr entscheiden, aber diejenigen, die mit Feingefühl abzuwägen verstehen, kommen besser durch.
Ich bin früher stets über andere hinweggetrampelt auf meinem Weg irgendwo hin, keine Ahnung mehr, was mir halt gerade wichtig war. Was ich mir einzig zugute halten kann ist das heutige Wissen, dass ich es damals nicht aus Berechnung und Rücksichtslosigkeit tat, sondern weil ich anderer Empfindlichkeiten oder Bedürfnisse schlicht nicht bemerkt habe. Mir fehlte lange Jahre überhaupt das Sensorium dazu, erst mit langer Lebenserfahrung lernte ich auf die Feinheiten menschlichen Miteinanders zu achten.
Selbst heute noch passiert es mir, dass ich Menschen verliere, weil ich das Fettnäpfchen nicht mal mit Ansage kommen sehe! Da fehlt mir wohl irgendwas, der ich als in frühen Jahren völlig isoliertes Einzelkind aufgewachsen bin - die ersten 4 Lebensjahre (soziale Prägungsphase) hatte ich nur und ausschließlich mich selbst, meine Eltern und eine Putzhilfe zur Beschäftigung, und allein rausgehen, um mit anderen Kindern zu spielen, war strengstens verboten!
Meine Mutter kochte meistens oder war Einkaufen, aber sie war am ehesten für mich da, mein Vater war berufstätig, gab bis spät abends Nachhilfe, und die Hausbesorgerin kam einen Vormittag die Woche. So lebte ich in meinen eigenen Welten, in meiner Fantasie - und kriegte nur am Rande mit, dass die Welt draußen voller Menschen war. Damit konnte ich später dann nie so recht umgehen  - schon mit einzelnen war es meist schwierig, und mit Gruppen war ich heillos überfordert - schon drei zusammen waren mir immer einer zuviel!

Genug davon. Vielen Dank für deine Gedanken!  :)

LG, eKy
« Letzte Änderung: M?RZ 23, 2021, 18:40:42 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Das Menschenspiel
« Antwort #3 am: September 30, 2019, 23:37:54 »
Lieber Erich,

das lässt die Menschen sehr blind für einander und für das eigene Leben erscheinen. Aber so ist es wohl. Und wir werden von innen und außen gelenkt und halten es für Freiheit.

Sehr gern gelesen.
Gruß g 

Erich Kykal

Re: Das Menschenspiel
« Antwort #4 am: Oktober 01, 2019, 17:13:22 »
Hi Gum!

Reine Lebenserfahrung - aber bewältigt. Hauptsächlich gehe ich als Dichter meist von mir selbst aus und extrapoliere auf die Allgemeinheit. Stimmt nicht immer, aber oft. Zumindest erziele ich damit am ehesten die größten Näherungswerte.

Vielen Dank für deine Gedanken!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Das Menschenspiel
« Antwort #5 am: Oktober 02, 2019, 16:48:07 »
Hi eKy!
Da schließ ich mich - aus zeitweiliger Versenkung wieder auf- und in dieses wunderschöne Sonett genussvoll eintauchend - Agneta an: Besonders starke 2. Strophe (was kein Lob auf Kosten des Rests sein soll!)... Du bist der Sonettmeister!
Sehr gerne gelesen!
S.

Erich Kykal

Re: Das Menschenspiel
« Antwort #6 am: Oktober 02, 2019, 18:41:16 »
Hi Suf!

Du bist mir schon abgegangen, und ich wunderte mich, wes Behufes du dich anderswo umtun mögest!

Vielen Dank für das pralle Lob! Ich schwelge!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.