Autor Thema: Litanei vom allmorgendlichen Erwachen  (Gelesen 1916 mal)

Sufnus

Litanei vom allmorgendlichen Erwachen
« am: November 04, 2020, 09:30:33 »
Litanei vom allmorgendlichen Erwachen

Menschenglaube äfft die Runde,
die Verstandeskraft gesunde.
Dummheit auf und unter Deck,
hohe Not von Bug bis Heck.
Santa misera Hekabe,
Hoffnung ist ein böser Rabe.
Nur das Herz schlägt nichts entzwei,
Sinusmurmeln, einst im Mai...
mein privates Gartengrünen
zur Oase in den Dünen.


Erich Kykal

Re: Litanei vom allmorgendlichen Erwachen
« Antwort #1 am: November 04, 2020, 13:57:58 »
Hi Suf!

Sehr anspruchsvoll! Vom Lateinischen, das vom "heiligen Elend der Hekabe" spricht (musste ich in Wikipedia nachschlagen) und die Trauer der Mutter meint, die man all ihrer Kinder beraubte, bis hin zu genialen Wortschöpfungen wie dem "Sinusmurmeln", das meiner bescheidenen Ansicht nach ein auf- und abschwellendes Sprachgewirr meint, welches die Ganglien so richtig schön in Fahrt bringt!  O0

Ist der "Satz", soweit man die Aneinanderreihung von Phrasierungen so nennen kann, der letzten beiden Zeilen mit Absicht unvollständig? Sozusagen Telegrammstil ohne Verb? Sollte "mein" nicht groß geschrieben sein, oder worauf genau weiter oben nehmen diese Zeilen Bezug?
Die Aussage ist klar - das LyrIch flüchtet vor der hirnrissigen, gedankenlosen Grausamkeit des Weltgetriebes in die friedliche Enklave kontemplativer Gartenidylle ... - nur bezüglich der Art und Weise der Ausformulierung tun sich mir die obigen Fragen auf.

Sehr gerne gelesen und hinsichtlich Sprachfindung und -schöpfung adäquat bewundert!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Litanei vom allmorgendlichen Erwachen
« Antwort #2 am: November 04, 2020, 14:45:41 »
Hi eKy!
Dein Lob geht runter wie edel gereifter Portwein! :)
Die Anspielung auf Hekabe habe ich übrigens gewählt, weil diese mythische Figur zwar einerseits für größtes denkbares Unglück steht, aber - dank dieses Typen aus Stratford und wie in Wikipedia dankenswerterweise erwähnt - auch für die Gleichgültigkeit, die mancher Mensch gegenüber dem Unglück anderer zeigt ("das ist mir Hekuba!"). Diese Doppeldeutigkeit fand ich hier ganz spannend und auch ein bisschen provozierend, denn der Rückzug ins private Glück wird ja gerne von Moralisten problematisiert... ich habe eine Meinung dazu, erkenne aber abweichende Haltungen durchaus an... ;) Lange Rede, kurzer Sinn: Die gebildete Anspielung erfüllte auch einen gewissen inhaltlichen Sinn. :)
Was nun die Telegrammsprache angeht: Die ist ja tatsächlich Teil meines poetologischen Programms (ohne dass ich das immer sklavisch verfolge), nämlich bei Verben ein bisschen abzurüsten, weil diese oft eine derartige "Präzision" in einen Gedanken einbringen, dass sich eine von mir ungewollte Sinn-Eindeutigkeit einstellt, die den Graustufen der Menschenwelt nicht so recht gerecht wird, wie ich finde... :) Die Großkleinschreibung um die drei Pünktchen herum ist dabei ein etwas unbefriedetes Areal meiner orthographischen Kompetenz. Ich würde nach den Punkten wohl groß schreiben, wenn quasi ein neuer Satz beginnt, aber eher klein weiterschreiben, wenn ein Gedanke unausgeführt blieb, an den sich eine auf diesen rückzuführende Assoziation anschließt. Hm. Bin etwas unsicher... mir (sic!) kommt hier die Kleinschreibung etwas passender vor.
LG!
S.

Erich Kykal

Re: Litanei vom allmorgendlichen Erwachen
« Antwort #3 am: November 04, 2020, 15:05:24 »
Hi Suf!

Ich kannte die Hekabe bis dato gar nicht, so intensiv habe ich mich nie mit der Ilias beschäftigt. Zum Rückzug ins Private kann ich nur anmerken, dass die Anmutung der "Biedermeierlichkeit", die diesen Akt der Einkehr benamst und geprägt hat, hier mitnichten greifen sollte!
In wievielen Filmen pilgert der Held zum weltfernen, in Abgeschiedneheit lebenden Meister, um sich unterrichten zu lassen, Weisheit zu erlangen und größer zu wachsen!? Oft sind das fernöstliche Geschichten, aber auch bei uns erfreut sich die väterliche Figur des weltgereiften, weltgrprüften Eremiten, der sich in irgendeiner Bergeinsamkeit des jugendlichen Überschwangs und des emotionalen Ungleichgewichts eines Jüngeren annimmt, großer Beliebtheit.

So betrachtet ist am Akt der Weltentfernung nichts Feiges oder Unmoralisches. Bloß agitierende Tatmenschen und überidealistische Betroffenheitsopfer denken so - das sind dann immer die, die heißblütige Reden schwingen, glühend vor Inbrunst gewalttätige Revolutionen starten, nie begreifend, dass man mit Waffengewalt vielleicht Symptome, aber nie die Krankheit der Soziopathie selbst bekämpfen kann! Diese "Moraltheoretiker" stellen den Wert einer von ihnen als ideal erdachten Gemeinschaft jederzeit über das Recht des Individuums auf Selbstverwirklichung.

Menschen, die denken, dass, was für sie gilt, für alle zu gelten habe - egal von welcher Seite des Spektrums her - haben in der Weltgeschichte noch nie etwas Gutes, Dauerhaftes bewirkt. Nur immer gern viel - von ihnen selbst in ihrem von moralischen Beweggründen oder (beim Gegenpart) von Machtgeilheit induzierten Beeinflussungswahn meist kaum wahrgenommenes - Leid.


Zu deinem Experiment zum Telegrammstil kann man stehen, wie man will - ich bevorzuge eben vollständige Sätze mit klarer Syntax, auch bei extremer Verdichtung, darum habe ich das überhaupt erwähnt und nachgefragt - hätte ja sein können, dass du mal ein Wörtchen unbemerkt verloren hast.
Aber das soll dich nicht jucken! Meine persönlichen Vorlieben darf ich anmerken, aber ich verlange keinstenfalles, sich danach auszurichten!


LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Litanei vom allmorgendlichen Erwachen
« Antwort #4 am: November 19, 2020, 03:53:45 »
Für mich, lieber Sufnus,

ein Zusammenraufen der spärlichen Kräfte, um den Tag bestehen zu können. Dazu gehört das Erinnern an Liebe im Wonnemonat. Ich habe an den Sinusknoten gedacht, der die Impulse für die Herzfrequenz moduliert.

Sehr gern gelesen.
Grüße von gummibaum


Sufnus

Re: Litanei vom allmorgendlichen Erwachen
« Antwort #5 am: November 23, 2020, 16:09:08 »
Hey Ihr lieben!
gum, Du hast es mit Deinem Hinweis auf den Sinusknoten wieder genau getroffen.... an eben denselbigen hab ich in der Tat primär gedacht, aber die von eKy angemerkte auf- und abschwellende Sinuskurve auch mit eingeschlossen. :)
LG!
S.