Autor Thema: Die Kinder der Propheten  (Gelesen 3167 mal)

Erich Kykal

Die Kinder der Propheten
« am: August 08, 2013, 19:45:41 »
So sind die Augenblicke eines tiefern Lebens,
dass wir sie kaum erfassen und verstehn.
Wir mühn uns redlich, doch zumeist vergebens,
als sei die Spur zu groß, darin zu gehn.

So fürchten wir den Klang der hohen Schritte,
die leichthin unser Größtes übersteigen,
und flüstern atemlos und immerfort die Bitte,
dass uns nicht sieht, wovor wir uns verneigen.

Wir sinken hin, ergriffen und entmündigt,
und merken nicht, dass jener greise Geist,
der uns den Hauch des Göttlichen verkündigt,
in viel zu weiten Schuhen um uns kreist.
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re:Die Kinder der Propheten
« Antwort #1 am: August 10, 2013, 15:50:01 »
Obwohl ich mir für vorschnelle Unterwerfungenzu schade bin, anzuerkenne ich gern, dass andere einen viel größeren, für mich nicht überschaubaren Raum leicht durchmessen. Nur so störe ich nicht und kann evtl. noch etwas lernen. Es fehlt ja heute manchem an Einsicht in die eigenen Grenze. In diesem Sinne bedenkenswerte Zeilenhier, Erich.

LG gummibaum 

Erich Kykal

Re:Die Kinder der Propheten
« Antwort #2 am: August 10, 2013, 23:13:35 »
Hi, Gum!

In diesem - älteren - Gedicht geht es darum, dass sich manche Menschen auf ihrer sog. Sinnsuche nur allzu leicht dem oft genug abstrusen Gedankengut der Religionen öffnen und dann unreflektiert oder einseitig denkend, weil genau mit dieser Absicht indoktriniert und manipuliert, jeden himmelschreienden Schwachsinn akzeptieren, nur weil er sich "Glaube" nennt.
Dass es hierbei primär nicht um Glaubensinhalte, sondern um eine Sehnsucht nach Gruppenzugehörigkeit und Geborgenheit sowie Abgabe der Last von Verantwortung geht, für die man leichthin jedwede abseitige Welterklärungstheorie hinnimmt, bzw. gar verinnerlicht, erscheint offensichtlich.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re:Die Kinder der Propheten
« Antwort #3 am: August 11, 2013, 09:29:27 »
Somit habe ich das Gedicht falsch verstanden, Erich. Ich hatte dein Verhältnis zu Rilke vor Augen, sah die Religion metaphorisch. Nun ist es klar. Ich hatte mich schon gewundert, dass der Greis nicht in großen Bahnen, sondern in zu "zu großen Schuhen" kreist. Die Komik der Selbstüberhebung mit der Gefahr zu stolpern steht mir jetzt belustigend vor Augen.

LG gummibaum
« Letzte Änderung: August 11, 2013, 09:35:58 von gummibaum »

Erich Kykal

Re:Die Kinder der Propheten
« Antwort #4 am: August 11, 2013, 11:47:09 »
Hi, gum!

Ja, es soll heißen, dass die Prediger "allumfassender Wahrheit" immer grundsätzlich "zu große Schuhe" tragen, sprich sich gern den Nimbus der Unumstößlichkeit ihres Kanons verleihen und ihr Gebrabbel somit für unantastbar, weil unfehlbar halten. Es ist, als schalteten die Menschen ihr Gehirn bewusst ab, sobald es um religiöse Inhalte geht. Sie überlegen einfach nicht mehr: Kann das sein? Oder: Kann das zumindest SO gewesen sein?
Nein, sie nehmen das Gepredigte einfach so hin - Gruppenzwang: Wenn du zu uns gehören willst, gehört eben dazu, dass du DAS nicht hinterfragst! So funktioniert Religion. DESHALB funktioniert Religion.
Bedauerlich...

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re:Die Kinder der Propheten
« Antwort #5 am: August 11, 2013, 12:32:48 »
Die "weiten" Schuhe ist mir irgendwie nicht griffig genug.
Denn das hieße ja, stellt man Deine Gedanken in den Hintergrund, daß sie selbst in zu großen Schuhen nicht rumschlottern, schlottern, kippen, sondern immer noch festen Tritt haben.

Also erscheint mir das "weit" dem "angemaßt" hinterherzuhinken.

Nicht grollen, hab mich mal wieder über Religiöses abseits Deines Gedichtes aufregen müssen.


Herzlichen Gruß, lieber Erich,


von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re: Die Kinder der Propheten
« Antwort #6 am: Juli 09, 2026, 09:20:14 »
Hi Gum!

Vergiss nicht, dass dies hier aus der Sicht der willig Gläubigen geschrieben ist, eben der 'Kindern der Propheten', jener Propheten (also Verkünder und Prediger), die, gemessen an ihren intellektuell (und oft auch herzensgütlich) eng bemessenen Grenzen, eben viel zu weite metaphorische Schuhe tragen: Einen behaupteten Glauben an das Absolute, der ihnen absolut nicht passt.
Dennoch: Die 'Kinder' nehmen dies nicht wahr - oder wollen es gar nicht. Schon ein Titel wie 'Bischof' oder 'Ajatollah' reicht aus, um sie gehorsam ins Knie sinken zu lassen, ergriffen von der selbstauferlegten Macht ihrer 'heiligen Hingabe'.
Ich frage mich, welche Sorte schlimmer ist: Der verstiegene Narr - oder der Narr, der diesem Narren kritiklos folgt? Nun, von beiden gibt es ja auch noch eine andere Sorte: Nicht durchglüht von naivem Sendungsbwusstsein oder williger Anbetung, sondern eiskalt manipulierend und berechnend, wieviel Macht über andere sich aus diesem System herausschnitzen lässt. So entstehen geifernde Päpste und ihre Kreuzritterhorden, oder giftspeiende Ajatollahs und ihre Revolutionsgarden: Beide Sorten von 'Religiösen' auf beiden Seiten - auch wenn ich sicher bin, dass die berechnenden Glaubenssoziopathen unter der Führungselite solcher dogmatischer Konstrukte prozentual stets häufiger vertreten sein dürften als unter den durchglüht dienenden Kindern, die sich die viel zu weiten Schuhe ihrer Proheten nur zu gern auch selbst überstreifen, um grausam darin über alles hinwegzulatschen, was sich ihrer Behauptung von Wahrheit (Sorte von Schuh) nicht fügen will.

LG, eKy

Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.