Autor Thema: Spinnennetz der Zeit  (Gelesen 3117 mal)

galapapa

Spinnennetz der Zeit
« am: April 08, 2014, 12:12:52 »
Gedanken nur, sie sind ganz still gegangen,
entlassen in die  Anonymität;
sie sind, noch ehe man sie je errät,
im Spinnennetz der Ewigkeit gefangen.

Die Furcht wird nicht zum Seelengrund gelangen,
denn auf dem Weg, da gibt es kein Zuspät,
das in den Frieden falsche Bilder sät,
mit Lügen einer Zuversicht behangen.

Gib mir die Hand und lass Dich mit mir treiben,
in Meeresströmen und im wilden Wind,
bis wir in Spinnenfäden hängenbleiben,

wo die vergessenen Gedanken sind.
Wenn unsre Seelen sich dereinst entleiben,
verstehen wir, wer diese Fäden spinnt.

Erich Kykal

Re:Spinnennetz der Zeit
« Antwort #1 am: April 08, 2014, 20:21:35 »
Hi, Charly!

Hochphilosophisch kommt das daher, sprachlich hoch elaboriert und ausgefeilt! Ein klassisches Sonett nach allen Regeln der Kunst! Ich akklamiere!

S1Z1 - stört mich etwas die Wiederholung von "sie" in der4selben Zeile. Alternative: "sie sind, eh man ihr Innerstes errät"

In S2 rätselt man etwas, ob hier "Die Furcht" exemplarisch gemeint ist (wenn ja, ist es eine recht heftige Überleitung von "Gedanken" aus S1) oder eine spezielle, sich auf etwas beziehende Furcht, von der leider nicht näher erklärt wird, woher sie kommt, welchen Bezug sie hat.

S2Z2 - Flüssiger: "denn auf dem Wege gibt es kein Zuspät," Eventuell das "Zuspät" im Text in Anführungszeichen setzen, das erleichtert die Erkenntnis, dass sich die beiden folgenden Zeilen genau darauf beziehen.

Die Terzette sind ganz wunderbar wortgewoben - große Lyrik! Einzig bei der "Entleibung der Seelen" stutzte ich kurz, weil ich das Wortspiel nicht gleich erkannte. Ich dachte an "Entleibung" nur in der Bedeutung "Tod" und nicht im wortwörtlichen Sinne, nämlich, dass sich die Seelen des Leibes entledigen.  :D

Ausgesprochen gern gelesen und genossen!

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

galapapa

Re:Spinnennetz der Zeit
« Antwort #2 am: April 08, 2014, 22:08:35 »
Hallo Erich,
herzlichen Dank fürs Lob und für Deine Anregungen.
Mich haben die zwei "sie" hintereinander eigentlich nicht gestört, aber Dir zuliebe :D hab ich's jetzt mal verändert. Du hattest neulich mal in einem Text zwei "die" unmittelbar hintereinander; das hat mich auch nicht sonderlich gestört, weil das in bestimmten Satzkonstruktionen ja auch üblich ist. Ich find sowas auch nicht unlyrisch.
Die Furcht hat nichts mit den Gedanken nichts zu tun. Man muss die Strophe weiterlesen, dann erkennt man den Hintergrund: Es geht ganz allgemein um die Furcht vor dem Unbekannten und Ungewissen. Postmortal gedacht geht es z.B. darum, was nach dem Tod ist oder ob es für irgendetwas irgendwann zu spät ist. Die falschen Bilder beziehen sich dann auf den Glauben.
Der Weg steht somit für das Leben.
Es gibt aber auch andere, ähnliche Interpretationsmöglichkeiten.
Um den Weg als zentralen Gedanken (Leben/Zeit) herauszuheben, habe ich diese Absetzung mit dem Wörtchen "da" und dem Komma gesetzt. "Auf dem Wege..." würde mir zu sehr hinplätschern, jetzt nicht negativ gemeint.
Dein Lob hat mich gefreut, danke nochmal! (Da geh ich heut mit der Krawatte ins Bett  ;D )
Liebe Grüße!  :)
Charly

Daisy

Re:Spinnennetz der Zeit
« Antwort #3 am: April 11, 2014, 18:20:34 »
Lieber Charly,

wunder-, wunderschön ist dieses Sonett und liegt wieder mal ganz auf meiner Linie!
Eine großartige Idee ganz besonders fein umgesetzt, mir gefällt die Originalversion, so wie sie ist, sehr.

"Spinnennetz der Ewigkeit" klingt toll und die Terzette haben es mir auch angetan! Klasse!

Hab im Moment leider nur wenig Zeit für das Forum, deshalb fallen meine Kommentare nicht allzu lang aus,
aber man sagt ja: In der Kürze liegt .....!  ;)

Liebe Grüße von
Daisy

galapapa

Re:Spinnennetz der Zeit
« Antwort #4 am: April 12, 2014, 15:03:20 »
...die Würze, liebe Daisy, wie könnte man es schöner sagen? Ganz lieben Dank für Dein Lob!
An anderer Stelle habe ich geschrieben: Wir sind im Spinnennetz unserer Ahnungslosigkeit gefangen und müssen aufpassen, dass uns die Spinne "Angst nicht auffrisst.
Was verstehen wir schon von unserer Welt?!
Liebe Grüße!
Charly

cyparis

Re:Spinnennetz der Zeit
« Antwort #5 am: April 13, 2014, 07:55:17 »
Lieber Galapapa -


wie Erich schon betonte:
Ein hochphilosophisches Gedicht!
Ich schließe mich dem Lob an, habe nur einen begrifflichen Vorbehalt:
Die Seele ist nichtsotfflich. Wie kann sie sich entleibten?
Und wenn sie es schon kann:
Wie können wir dann noch etwas verstehen?
Sehr mystisch.
Mir gefällt das ungemein!


Lieben Sonntagsgruß
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
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galapapa

Re:Spinnennetz der Zeit
« Antwort #6 am: April 13, 2014, 10:01:43 »
Liebe Cyparis,
herzlichen Dank für Dein Lob!
Was und woraus die Seele ist, das weiß ich nicht. So es aber so etwas wie eine Seele gibt, bildet sie ja wohl zu Lebzeiten eine Einheit mit dem Köper. Nach dem Tode vergeht das Körperliche, also müssen sich Seele und Körper getrennt haben. Und das ist hier gemeint: Die Seele verlässt den Körper, den sie "bewohnt" hat, sie entkleidet sich des Leibes oder entleibt sich.
So herum gedacht wird klarer, was ich meinte.
Liebe Grüße!
Charly