Autor Thema: Hausbesetzer  (Gelesen 2769 mal)

Erich Kykal

Hausbesetzer
« am: Mai 26, 2014, 19:11:30 »
So leise und gemächlich hast du mich betreten,
als wolltest du mir heimlich meine Sinne rauben.
Du sprichst von Liebe und ich soll es glauben,
als hätt ich selber dich zur Tür hereingebeten.

Als dürftest du mein Oberstübchen neu möblieren,
verplanst du eifersüchtig die geheimsten Orte
für die Kristallvitrinen deiner großen Worte,
die sonst zu rasch womöglich ihren Glanz verlieren.

Und wenn du tausend Nägel in die Wände schlügest
in meiner Seele Haus, bis alle Mauern bluten,
du hieltest doch die Bilder nicht, die es durchfluten,
und fändest keine Heimat, die du gern ertrügest.
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Daisy

Re:Hausbesetzer
« Antwort #1 am: Mai 28, 2014, 18:15:41 »
Hallo Erich,

das ist eine Hausbesetzung ganz spezieller Art!

Interessant dabei ist, dass offensichtlich die Besetzung gegen den Willen des Hausbesitzers erfolgte, er es aber dennoch zuließ.
Es scheint so, als ob er selbst nicht ganz sicher sei, ob er diesen Angriff auf sein Eigentum nun ertragen wolle oder lieber doch nicht.
Die Hausbesetzung ist bereits erfolgt, aber die Türen stehen alle ganz weit auf, der Hinauswurf ist nur noch Formsache.

Klasse Gedicht! Tolles Ding!

LG Daisy

Erich Kykal

Re:Hausbesetzer
« Antwort #2 am: Mai 28, 2014, 21:56:19 »
Hi, Daisy!

Das Gedicht spielt auf eine (seeehr ehemalige) Freundin an, die, kaum waren wir uns eben nähergekommen, ganz wie selbstverständlich damit begann, an mir herumzu"erziehen". Sie sprach von Heirat, als wäre das schon längst entschieden und geplant, und als hätte ich diesbezüglich ohnehin nix zu melden. Sie begann tatsächlich, in meinen Kästen zu stöbern und "unmögliche" Kleidung auszusortieren.
Unnötig zu erwähnen, dass diese "Beziehung" nicht lang gehalten hat! Manche Männer leben vielleicht gern fremdbestimmt, aber ich nehme meine Privatsphäre und meinen persönlichen Freiraum sehr ernst.
Deine Gedanken sind also durchaus zutreffend. Zu deiner Überlegung, warum das LyrIch sich anfänglich nicht gegen die "Besetzung" gewehrt hat - du bist eben kein Kerl! ;D Wir Typen lassen uns auf vieles ein, wenn gewisse "andere" Körperteile für uns denken als das Gehirn... :-\, vor allem, wenn wir jung und "bedürftig" sind! Sei also gnädig in deinem gestrengen Urteil! ;) :D

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re:Hausbesetzer
« Antwort #3 am: Mai 29, 2014, 11:22:48 »
Hahaha -

lieber Erich,
Deine Entschlüsselungsantwort spricht Bände!
Noch mehr als das Gedicht.
Bei den ersten Versen dachte ich eher an ein Haustier, aber das war natürlich ein Trugschluß.

Deine Reime sind wieder einmal Extraklasse!
Und irgendwie ernüchternd finde ich das Gedicht auch.
Klar, daß ich ich Stacheln und Dornen vor mir sehe.


Feiertagsgruß
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Daisy

Re:Hausbesetzer
« Antwort #4 am: Mai 29, 2014, 14:35:47 »
Hallo Erich,

ahaaa, so war das, da hast du ja noch mal großes Glück gehabt, dass zum gegebenen Zeitpunkt doch wieder der richtige Körperteil das Denken übernommen hat!  ;)

Und außerdem - du mit einer solchen Frau, unvorstellbar! Aber ein tolles Gedicht hat sich dennoch daraus ergeben!

LG Daisy


wolfmozart

Re:Hausbesetzer
« Antwort #5 am: Mai 29, 2014, 15:56:03 »
Hallo Erich,

GROSSE KLASSE!
Das Thema perfekt in Szene gesetzt; noch dazu mit einem sehr realen Hintergrund.
Solche Werke sind ganz auf meiner Linie; verlangen Lob und Beifall.

LG wolfmozart

Erich Kykal

Re:Hausbesetzer
« Antwort #6 am: Mai 29, 2014, 16:09:00 »
Hi, Leute!

Vielen Dank für eure Kommis!

Weder mir noch meinen Werken würde es einfallen, Lob und Beifall zu verlangen, lieber Wolfmozart, aber der Autor nimmt beides gerne zur Kenntnis und genießt die Illusion des Ruhmes. ;)

Da ich, liebe Daisy, schon immer harmoniesüchtig war, denken "solche" Frauen mitunter, in mir das perfekte "Rohmatrial" für ihren Dressurtrieb gefunden zu haben. Die Ernüchterung in Form eines unbeugsamen harten Kerns inmitten all der höflichen Weichheit, an dem sie sich vergeblich die Lästerzähne ausbeißen, folgt auf dem Fuße.

Ja, liebe Cypi, du hast Recht - die erste Strophe könnte an ein heimatloses Tier gerichtet sein, das versucht, ein neues Zuhause zu finden. Allerdings sollte ich hier zuletzt das "Haustier" werden... :o

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re:Hausbesetzer
« Antwort #7 am: Juni 02, 2014, 15:49:08 »
Du meine Güte!


Da seien alle Baum- und Steingötter vor! :D

LG
Cypi
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte