Autor Thema: groszstadtabend  (Gelesen 1789 mal)

Seeräuber-Jenny

groszstadtabend
« am: August 16, 2014, 02:36:19 »
george grosz gewidmet

holzdielen modrig greinen lau
die giftge grüne raupe dämmrung
ringelt diebisch sich gen freudenhaus
dort im kohleglühnden backsteinbau
kauert schaudernd hinterm diwan
der melancholische kardinal

gurrend schmeicheln feile maden
die nylonseelen dessous veräuszert
prallen hüllen sich entledigend
spinnen klebrigen puppenfaden
marionettenzylindergentlemen
zynisch dirigierend

auf blutgetränktem asphalt
schleicht finster hutgetarntes fettauge
die klinge und das wort perfide gekrümmt
mürrisch lauernd furchtgeballt
rostig harrend auf beszre zeiten
auf die ermächtigte mörderbande

http://www.abcgallery.com/G/grosz/grosz17.JPG
« Letzte Änderung: August 16, 2014, 13:00:26 von Seeräuber-Jenny »
Ideale sind wie Sterne. Wir erreichen sie niemals, aber wie die
Seefahrer auf dem Meer richten wir unseren Kurs nach ihnen.
Carl Schurz

Phoenix-GEZ-frei

Re:groszstadtabend
« Antwort #1 am: August 16, 2014, 12:00:46 »
Hi Seeräuber-Jenny

Habe ich unter deinen Gedichten schon mal kommentiert?

Mir ist es egal ob du Administratorin,
Meisterin, von Wortspielen bist. Auf
Wiesen wie sie wachsen.

Für mich zählt Aussage – Mut – schriftliches Fixieren.

Das tust du, immer wieder!

Heute habe ich/George ge-Googelt.

Wie mich deins an Alice erinnert.

Google, wenn du magst, Horst Janssen.

Liebe Jenny danke für dein Gedicht.
Es tut gut wenn Ghostrider über:
Grauen, Wolken schweren
Blitze schlagenden, Reiten.

Das wenige in meinem Hirn
wurde durch deines befeuert!

Super Girl Jenny,

und lieben Gruß vom Phönix

cyparis

Re:groszstadtabend
« Antwort #2 am: August 16, 2014, 14:23:58 »
Den Link hätte ich gar  nicht gebraucht.
Den G. Grozs hatte ich vor Augen.
Ein Schimmer von G. Benn (nicht nur ihm!) ist für mich auch zu erkennen.

Und  i h n, den Deutlichmacher der politischen und gesellschaftlichen Dekadenz nannte man dekadent.
Tja - die Machthaber aller Richtung und Couleur sehen sich nicht gerne demaskiert.

Gut konzeptiert, Jenny!




Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re:groszstadtabend
« Antwort #3 am: August 16, 2014, 14:28:42 »
Hi, Jenny!

Erinnert an brecht'sches "Milieu". ;D Gelungen! Auch wenn mir persönlich solch "modern" eingesetzter Mangel an korrekter Rechtschreibung und stringenter Satzführung stets missbehagt. ;)

Dennoch sehr gern gelesen!

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Seeräuber-Jenny

Re:groszstadtabend
« Antwort #4 am: September 04, 2014, 21:50:59 »
Hi Phönix,

ja, hast du, aber hier noch nicht.

Auf der Wiese kann ein Pflänzchen wie ich wachsen und gedeihen. Hier bin ich glücklich und unbeschwert.

Ja, ich versuche die Augen offen zu halten und auf Missstände hinzuweisen, damit nicht in alle Ewigkeit dieselben Fehler begangen werden. Am besten nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit einem, mit dem ich auch auf mich selbst zeige.

Ich danke dir, Super-Phönerl!  :)

Lieben Gruß
Jenny

***

Danke, liebe Cyparis.

Jaja, die Dekadenten zeigen gern mit dem nackten Finger auf angezogene Leute. Vor allem auf die, die sich zur Wehr setzen.

Stimmt, Gottfried Benns Gedichte sind ebenso schonungslos wie die Bilder von George Grosz, John Heartfield und Otto Dix.

All die großen Expressionisten! In die Emigration, den Wahnsinn oder den Tod getrieben. Ihre Kunst verboten, verbrannt, zerstört. Oftmals ausgelöscht für immer. Die Kunst in Deutschland hat durch diese gewaltsame Zäsur einen schweren Rückschlag erlitten, von dem sie sich bis heute nicht erholt hat.

Lieben Gruß
Jenny

***

Hi Erich,

ja, das war die Zeit der Weimarer Republik!

Die Zeit, als in Berlin Kunst und Kultur eine Blütezeit erlebten. Die vielen Varietés und Cabarets, die großen deutschen Filme, die revolutionären Theater, Jazzkeller und Tanzsäle!

Doch herrschte auch viel Elend. Die Nachkriegsjahre, die Weltwirtschaftskrise, Hunger, Inflation, Massenarbeitslosigkeit.
Und die Reaktionäre lauerten nur darauf, der jungen Republik den Todesstoß zu versetzen. Das Unheil lag schon in der Luft.

All das haben die Künstler als Zeitzeugen festgehalten. Konnten George Grosz, Bertolt Brecht und all die Anderen früher die Menschen aufrütteln, so gelingt ihnen das auch heute noch. Denn "die Verhältnisse, sie sind nicht so." (B.B.)

Kleinschreibung und Verzicht auf die Interpunktion sind als kleine, wenn auch unzulängliche Huldigung an die Dadaisten gedacht.

http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/kunst/

Danke, lieber Erich.

Lieben Gruß
Jenny
« Letzte Änderung: September 04, 2014, 22:05:36 von Seeräuber-Jenny »
Ideale sind wie Sterne. Wir erreichen sie niemals, aber wie die
Seefahrer auf dem Meer richten wir unseren Kurs nach ihnen.
Carl Schurz