Autor Thema: Der Enkel  (Gelesen 1664 mal)

gummibaum

Der Enkel
« am: September 03, 2014, 23:56:54 »
Sie kam nicht heim in dieser Nacht.
Befragte Schergen meinten:
Das Flittchen hat sich weggemacht!
Was half es, dass wir weinten.  

Sie war ja schwanger. Irgendwann  
erfuhren wir, entbinden
ließ man sie noch, betäubt sodann
auf hoher See verschwinden.

Man gab ihr Kind dem Herrn Major,
der Dissidenten pfählte.
Dort wuchs es ahnungslos empor,
bis jemand was erzählte.

 

« Letzte Änderung: September 04, 2014, 11:24:12 von gummibaum »

cyparis

Re:Der Enkel
« Antwort #1 am: September 04, 2014, 12:06:58 »
Ich schaudere!
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re:Der Enkel
« Antwort #2 am: September 04, 2014, 12:22:23 »
Hi, Gum!

Eine beklemmende Vision vom Leben in Unterdrückung, in totalitären Systemen, bis hin zu der Tatsache, dass sich die Behörden nicht mal die Mühe machten, einen Grund für die Beseitigung der Frau anzugeben oder die Hinterbliebenen überhaupt zu informieren.

So passiert? Ich könnte mir das als typische DDR-Begebenheit vorstellen. Wie die Erzähler allerdings auf das "Verschwindenlassen auf hoher See" kommen, ist mir schleierhaft. Derlei macht man nicht publik - wie haben sie es erfahren? Oder soll es bloß eine Mutmaßung sein? Zumindest gäbe es einfachere Methoden, sich missliebiger Elemente zu entledigen, als sie heimlich aufs Meer zu schaffen und dort zu entsorgen. Das wäre doch viel zu unsicher: Die Leiche könnte sich losreißen und angespült werden.

Abgesehen von diesem unklaren Punkt: Sehr eindrucksvoll!

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re:Der Enkel
« Antwort #3 am: September 04, 2014, 12:52:16 »
Hallo, Cyparis und Erich,

Militärdiktatur in Argentinien, 1976-83. In der Phase danach wurde (trotz Verschleierungsversuchen) viel bekannt. Tausende, die das Regime für irgendwie verdächtig befunden hatte, waren unbemerkt verhaftet, schwer gefoltert und aus Flugzeugen betäubt ins Meer geworfen worden. Es gab nie eine Auskunft, wo ein Verschwundener war und ob er noch lebte. (Das Konzept stammte aus den USA.) Geschätzte 500 solche Babys wurden an kinderlose Familien der Militärs gegeben.

LG gummibaum
« Letzte Änderung: September 04, 2014, 12:54:15 von gummibaum »

cyparis

Re:Der Enkel
« Antwort #4 am: September 04, 2014, 13:08:33 »
Grauenhaft!

Waren es nicht Mütter vieler Verschwundener, die mit weißen Kopftüchern vor dem Regierungsgebäude stumm (fast stumm) protestierten?

Es gab wohl nie ein Schuldeingeständnis, geschweige denn den Versuch einer Aufklärung oder Wiegergutmachung.
Fatal!


LG
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
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copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re:Der Enkel
« Antwort #5 am: September 04, 2014, 16:48:04 »
Was für reizende Menschen es doch gibt...
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re:Der Enkel
« Antwort #6 am: September 04, 2014, 21:03:39 »
Ja, sie zogen mit weißen Kopftüchern, die die Windeln ihrer Kinder symbolisierten, vor dem Regierungsgebäude jeden Donnerstag im Kreis herum, um auf die Verschwundenen aufmerksam zu machen und um Auskunft über ihren Verbleib zu fordern. Man ließ sie weitestgehend gewähren, aber einige wurden auch umgebracht. Ganz Lateinamerika hat ja seit der Unabhängigkeit (ca. 1815) viele Gewaltregimes hinter sich. Im letzten Jh. wurden rechtsextremen Putsche oft von den USA unterstützt, weil sie sich diese Länder als abhängige Rohstoffquellen und Absatzmärkte für Fertigprodukte erhalten und den Kommunismus, der wegen der Armut natürlich zahlreiche Anhänger fand, verhindern wollten.

LG gummibaum