Autor Thema: Unter-Eisblumen  (Gelesen 2597 mal)

Koollook

Unter-Eisblumen
« am: Oktober 24, 2014, 16:52:07 »
Unter-Eisblumen

Und was da an der Oberfläche schwimmt
ist nicht einmal die Spitze meines Eisbergs.
Weißt du, wie tief der Mond ins Wasser fällt?
Kein Atem ist genug, um ihn zu retten.

Der Abgrund blickt so tief in mich hinein
und ich versuche seinen Blicken stand zu halten.
Am Grund liegt mehr als schwarzer, kahler Sand.
Dort wachsen Sonnenblumen ohne Sonne.

Und Leben ist ein paradoxer Traum.
Du nennst es Tod, ich nenne es erwachen.
Die Blumen wachsen weiter in der Tiefe
und unter meinem Eis ist ihnen warm.
« Letzte Änderung: November 01, 2014, 14:00:09 von Koollook »

Thomas

Re:Unter-Eisblumen
« Antwort #1 am: Oktober 24, 2014, 17:25:22 »
Lieber Koollook,

dein Gedicht im Blankvers gefällt mir. Die poetischen Bilder sind gut gewählt und ihre Folge ergibt eine wirkungsvolle Metapher. Der Wechsel der Kadenzen von jeweils männlich zu weiblich erzeugt einen ruhigen Rhythmus, wobei die Umkehrung in den Schlusszeilen sehr geschickt ist und inhaltlich gut passt.

Drei sprachliche Kleinigkeiten würde ich gerne anmerken.

Die Zeile "es ist nicht mal die Spitze meines Eisbergs." stört mit den vielen Einsilbern am Anfang meiner Meinung nach den Rhythmus ein wenig, vielleicht ist "ist nicht einmal die Spitze meines Eisbergs." etwas schöner.

In der Zeile "So tief blickt nun der Abgrund in mich rein" stört mich das fast vulgäre "rein", welches man so "Der Abgrund blickt so tief in mich hinein" vermeiden könnte.

Die Zeile "und ich versuche seinen Blicken stand zu halten." halt als einzige 6 Jamben, wofür ich keinen poetischen Grund erkennen kann. Deshalb würde ich versuchen, auch diese Zeile zum Blankvers zu machen, was ohne größere Eingriffe nicht einfach ist. Eine für mich nicht ganz befriedigende Lösung wäre "ich strebe seinen Blicken stand zu halten." Vielleicht fällt dir ja noch etwas Besseres ein.

Liebe Grüße
Thomas

S p r i c h t die Seele so spricht ach! schon die S e e l e nicht mehr

(Friedricht Schiller)

Koollook

Re:Unter-Eisblumen
« Antwort #2 am: Oktober 27, 2014, 04:15:35 »
Hallo Thomas,

vielen Dank für das Lesen und Kommentieren meines Gedichts.

Deine Vorschläge sind sehr gut und ich würde den ersten auch gerne übernehmen.
Das vulgäre rein empfinde ich nicht so. Deine Umstellung würde zwar glatter klingen, aber irgendwie erscheint es mir wichtig, dass die Tiefe des Abgrunds ihm vorausgeht. Und "rein" verdeutlicht auch die Härte und Kälte des Abgrunds, es ist ein sehr kurzes und energisches Wort, wie ein Messer, das irgendwo rein sticht.
Ich finde es trifft die Metapher sehr gut.

Die Zeile " "und ich versuche seinen Blicken stand zu halten." fällt mir nicht weiter auf. Was genau stört dich daran, dass ich da 6 Jamben habe?

Schönen Gruß
koollook

Thomas

Re:Unter-Eisblumen
« Antwort #3 am: Oktober 27, 2014, 12:44:50 »
Lieber koollook,

ich freue mich, wenn du etwas übernimmst.

Das Wort "rein" existiert im Deutschen nur im Sinne von "sauber", "klar". Die Verkürzung von "herein" ("Kommen Sie bitte herein." versus "Komm rein, Alter.") gehört einem Sprachstil an, der nicht auf dein Gedicht passt. Man kann verschiedene Stilebene in einem Gedicht anwenden, aber dann muss es poetisch begründet sein. Übrigens, das "so tief" tut meiner Meinung nach schon die von dir erwünschte Wirkung.

Ich vermute, es wird nicht nur mich stören, sondern den Leser allgemein, wenn auch unbewusst. Es ist etwas für die deutsche Sprache typisches (bei romanischen Sprachen ist es z.B. nicht so), dass die Anzahl der Versfüße für das Ohr von großer Bedeutung ist. Ich vermute, sogar wichtiger als der Reim. Das hat den Vorteil, dass man mit den unbetonten Füllungen sehr frei umgehen kann, ohne die Poesie der Sprache zu ruinieren und sogar solche Dinge wie Knittelverse möglich sind. Es hat jedoch den Nachteil, dass man durch Änderung der Füße unweigerlich Reibungen und Spannungen erzeugt, was, wenn es bewusst eingesetzt wird, gut sein kann. Aber hier sehe ich keinen poetischen Grund dafür. Ich habe einige Zeit darüber nachgedacht, und muss zugeben, dass es ohne größere Eingriffe in das Gedicht (die nur der Autor machen könnte) nicht möglich ist, dieses zu ändern. Ich würde es an deiner Stelle auch lieber so lassen, als zu verschlimmbessern.

Liebe Grüße
Thomas
S p r i c h t die Seele so spricht ach! schon die S e e l e nicht mehr

(Friedricht Schiller)

cyparis

Re:Unter-Eisblumen
« Antwort #4 am: November 01, 2014, 12:36:09 »
Hallo Koollook -


ich kann sowohl dem Gedicht als auch den Ausführungen von Thomas nur applaudieren.
Sehr gut!


Herzlichen Gruß
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Curd Belesos

Re:Unter-Eisblumen
« Antwort #5 am: November 01, 2014, 13:42:52 »
moin moin Koollook,

Weißt du, wie tief der Mond ins Wasser fällt?
Kein Atem ist genug, um ihn zu retten.


Das ist für mich Poesie, die mir das Herz erwärmt.

Wunderschön, wenn dieser Ausdruck erlaubt ist.

LG
CB
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

Koollook

Re:Unter-Eisblumen
« Antwort #6 am: November 01, 2014, 14:01:11 »
Vielen Dank, cyparis und Curd.
Freut mich, dass ich euch Lesefreude bereiten durfte.

Curd Belesos

Re:Unter-Eisblumen
« Antwort #7 am: November 01, 2014, 15:01:47 »
du durftest nicht nur,
du konntest es auch. ( mit Können, von Kunst)  ;)

Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch