Autor Thema: Industriegebiet Ost, irgendwo  (Gelesen 5367 mal)

Erich Kykal

Industriegebiet Ost, irgendwo
« am: November 13, 2014, 20:20:40 »
Das Sickerlicht aus hohen Neonlampen
beginnt orange zu leuchten, aber kalt
vergilbt es mählich und wird blass und alt.
Die letzten Münder der Verladerampen
verschließen sich mit überlautem Rattern,
und um die frühen Kunden zu ergattern,
stehn um die Ecke schon die ersten Schlampen.

Das wilde Gras an ungepflegten Rändern,
die den Asphalt wie stumme Bettler säumen,
wirkt beinah schwarz und scheint davon zu träumen,
dass sich die Dinge mit dem Morgen ändern.
Das Wanderlicht der Wagen rafft die Schatten
und streift mit den Verlockten und den Ratten
die bunten Huren beim Vorüberschlendern.

Ganz hinten, bei den dunklen Hafenmolen,
bewegt sich selten ein Kapuzenmann,
bei dem man Träume teuer kaufen kann,
und mancher arme Teufel schleicht verstohlen
vorbei am Defileé aus Lack und Lügen,
mit dem sich die Begehrenden betrügen,
um sich den letzten Traum bei ihm zu holen.
« Letzte Änderung: Juni 29, 2025, 20:23:41 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Aspasia

  • Gast
Re:Industriegebiet Ost, irgendwo
« Antwort #1 am: November 13, 2014, 21:25:06 »
Mal ein ungewöhnliches Thema für ein Gedicht: Ein trostloses Industriegebiet ist dabei, auf Nachtbeleuchtung umzuschalten und sich auf Schattenkundschaft einzustellen. Keine Natur, kein Herz-Schmerz, keine Götter und Engel, keine Weinberge und Laubhügel … nein, Neonlicht und Asphalt. Das gefällt mir!

Technisch ist das Gedicht perfekt, wie bei dir, lieber Erich, nicht anders zu erwarten. Aber von der Wortwahl her kam ich beim letzten Vers der ersten Strophe ins Stocken. Dort steht: “… die ersten Schlampen“. Vielleicht ist die Definition einer „Schlampe“ ein weites Feld, aber nicht für mich. Für mich ist eine Schlampe ein liederliches Frauenzimmer, das lügt, stiehlt, betrügt, den Freundinnen die Männer ausspannt und dergleichen, also eine Frau ohne Moral und Gewissen. Das unterscheidet sie von einem Flittchen, das darauf ausgelegt ist, jedem Mann gefallen zu wollen und sich den Beweis dafür zu holen, ob dies der Fall ist. Beide Typen legen es nicht auf Bezahlung an.

Eine Prostituierte (auch Hure genannt) ist keine Schlampe, kein Flittchen und auch keine Nutte, sondern eine berufsmäßige Dienstleisterin. Und um solche Dienstleisterinnen handelt es sich in deinem Gedicht.

Dein Gedicht ist atmosphärisch dicht, das liegt ganz auf meiner Linie. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass es hier nicht um das Industriegebiet an sich geht, sondern um das Nachtleben, und ganz explizit um die Prostituiertenszene. Das macht die dritte Strophe stark deutlich.

Das Gedicht ist für mich nahezu perfekt: stimmige Bilder, kühl-schwülstige Atmosphäre, nacktes Leben, Käuflichkeit, Lügen, Todesnähe … alles da …

Nur das mit dem „Schlampen“ – das schmeckt mir nicht. Prostituierte sind Frauen, die ihren Beruf ausüben und Steuern zahlen.

Lieben Gruß
Aspasia
« Letzte Änderung: November 15, 2014, 05:21:08 von Aspasia »

Erich Kykal

Re:Industriegebiet Ost, irgendwo
« Antwort #2 am: November 13, 2014, 23:04:30 »
Hi, Aspasia!

Die Schlampen waren leider des Reimes wegen nötig. Es liegt mir fern, die Prostis als Berufsgruppe zu diskreditieren. Tröste dich mit dem Gedanken, dass es auch bei Prostituierten eine große Bandbreite an Charaktereigenschaften gibt und dass manche Huren sicherlich sehr schlampenhaft sind: Ordinär, gehässig, oberflächlich, proletarisch derb, liderlich und grundverdorben! Sagen wir einfach, dass es sich hierbei um ebensolche handelt! ;)

Vielen Dank für das ansonsten so positive Feedback! :)

LG, eKy

Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Curd Belesos

Re:Industriegebiet Ost, irgendwo
« Antwort #3 am: November 14, 2014, 00:24:02 »
moin moin Erich,

Dem Kommentar von Aspasia stimme ich inhaltlich gerne zu.

Die Schlampen waren leider des Reimes wegen nötig.

das macht diese Wortwahl nicht besser, in meinen Augen sogar schlechter.

Doch "es war leider nötig" ist für mich fast schlimmer.

Negative Beispiele zu diesen Worten muss ich dir nicht nennen.

Einen kopfschüttelnden Gruß  ???

CB





« Letzte Änderung: November 25, 2014, 23:54:55 von Curd Belesos »
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

Erich Kykal

Re:Industriegebiet Ost, irgendwo
« Antwort #4 am: November 14, 2014, 10:05:56 »
Jetzt plustert euch nicht so auf in so einem betulichen Gutmenschentum! Mit der sog. "political correctness" kann man es zuzeiten durchaus übertreiben!

Ich kannte genug Nutten, die sich selbst sofort als Schlampen bezeichnet hätten oder Schlampen, die jeden Tag anschaffen gingen, und ich hatte menschlich kein Problem mit ihnen - DIE legten nämlich NICHT jedes Wort auf die Goldwaage!

Das selbstgerechte Kopfschütteln kannst du dir sparen, Curd! >:(

Verstimmte Grüße, eKy
« Letzte Änderung: Oktober 06, 2021, 23:42:11 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Aspasia

  • Gast
Re:Industriegebiet Ost, irgendwo
« Antwort #5 am: November 14, 2014, 12:19:56 »
Jetzt plustert euch nicht so auf in so einem betulichen Gutmenschentum! Mit der sog. "political correctness" kann es zuzeiten durchaus übertreiben!

Das ist ein Mißverständnis, Erich, mit "political correctness" hat es nichts zu tun, sondern mit der Begriffsdeutung. Für mich ist der Begriff "Schlampe" kein Synonym für eine Prostituierte und geht nicht zwangsläufig mit Käuflichkeit einher. Es ist ein übles Schimpfwort, das auf jede Frau angewendet werden kann. Daran ändert nichts, dass eine Hure sich selbst als Schlampe bezeichnet, denn sich selbst kann man nicht beleidigen.

Dies nur zur Verdeutlichung meiner Sichtweise. Mit tat dieses Wort in dem Gedicht beim Lesen spontan weh, und gegen diese Empfindung konnte ich nichts machen.

Aber natürlich hat der Dichter das letzte Wort, und Du sollst Dir auch gar nicht den Kopf darüber zerbrechen. An der Qualität Deines Gedichtes ändert es ja nichts, wenn ich beim Lesen plötzlich an einer Stelle mein persönliches Störgefühl bekomme.

Lieben Gruß
Aspasia

Erich Kykal

Re:Industriegebiet Ost, irgendwo
« Antwort #6 am: November 14, 2014, 14:25:43 »
Hi, aspasia!

Du kannst die Begriffe vielleicht nicht in Übereinstimmung bringen - andere nutzen den Begriff sehr wohl im Sinne wie im Gedicht erwähnt. Ich verstehe deinen Gedankengang, aber letztlich ist es eine - wie wir in Österreich sagen - I-Dipferl-Reiterei.
Lassen wir das Thema...

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

charis

  • Gast
Re:Industriegebiet Ost, irgendwo
« Antwort #7 am: November 14, 2014, 16:58:11 »
Lieber Eky,
Das ist ganz toll!
Irgendwie ganz ungewohnt von dir, also im Vergleich zu dem wenigen, das ich bisher von dir so kenne.
Sehr düster, beklemmend, athmosphärisch dicht, und das Reimschema begeistert mich auch.
Die Diskussion über die "Schlampe" finde ich in diesem Kontext ziemlich amüsant. Ich denke, die Herrschaften,
die sich an diesem Ort herumtreiben, haben nicht einmal ansatzweise darüber nachgedacht, dass dieser
Ausdruck vielleicht nicht passend sein könnte.  ;D

Aber für alle Sensiblen hab mir eine korrekte Version überlegt:

Das Sickerlicht aus hohen Neonlampen
beginnt orange zu leuchten, aber kalt
vergilbt es mählich und wird blass und alt.
An Hallen, die täglich mehr verschlampen,
verschließt man Klappen mit lautem Rattern,
und um die frühen Kunden zu ergattern,
stehn die Schönen aufgreiht an Rampen.

 ;D
Lieben Gruß
charis
« Letzte Änderung: November 14, 2014, 17:25:11 von charis »

Erich Kykal

Re:Industriegebiet Ost, irgendwo
« Antwort #8 am: November 14, 2014, 19:52:45 »
Hi, charis!

Danke für deinen Zuspruch! :D

Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, wenn ich bei meiner Version bleibe  - auch zum Leidwesen der Sensiblen! ;) ;D

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Aspasia

  • Gast
Re:Industriegebiet Ost, irgendwo
« Antwort #9 am: November 14, 2014, 22:23:28 »
Zitat
Hallen, die täglich mehr verschlampen,

Nee, das geht nicht. Das Thema ist nicht die Verschlampung eines Industriegebiets samt dessen Rampen. Es geht um die Huren, die den ausgelaugten Köpfen und Leibern, die abends diesem Industriegebiet entrinnen, Entspannung gegen Knete anbieten. Da ist Erichs Version besser und direkter.

Es ist ein feines, gutes und atmosphärisch dichtes Gedicht, das ganz auf meiner Linie liegt.

Erich, du solltest mehr solche erdnahe Gedichte schreiben und dich dabei von der sublimen Sprache lösen. Vielleicht hätten die "Schlampen" weniger gestört, wenn das Gedicht nicht so getragen und erhaben daher gekommen wäre.

Nur so ein Gefühl. Macht aber nix, ist und bleibt ein bemerkenswertes Gedicht, das schon von der Atmosphäreher meinen Geschmack trifft.

LG
Aspasia

Curd Belesos

Re:Industriegebiet Ost, irgendwo
« Antwort #10 am: November 15, 2014, 01:05:15 »
Lassen wir das Thema...
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

cyparis

Re:Industriegebiet Ost, irgendwo
« Antwort #11 am: November 15, 2014, 12:35:14 »
Lieber Erich,


großes Kompliment füer dieses ungewöhnliche Gedicht!
Die "Schlampen" haben für mich gar keinen diskriminierenden Beigeschmack, denn bei uns wird auch eine Hausfrau, bei der man nicht "vom Boden essen" kann, so tituliert.

Lediglich hier:

bewegt sich selten ein Kapuzenmann,

hätte ich anders formuliert (ich kenne den Kapuzenmann nur zu gut!).

Z.B.
bewegt sich hin und wieder ...

falls es in Dein Metrum paßt.

Dein Gedicht erinnert mich an den genialen, viel zu früh verstorbenen Georg Heym.

Also, ganz salopp:
Klasse!


Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re:Industriegebiet Ost, irgendwo
« Antwort #12 am: November 15, 2014, 12:53:22 »
Hi, Cypi!

Danke für die Blumen! Mal was anderes eben...

Das mit dem Kapuzenmann möchte ich so lassen. Ich habe selbst beim Schreiben hin und her überlegt, wie ich das am besten formuliere, kam aber dann mit mir überein, es genau so wie oben zu belassen - es spiegelt sein Bemühen, nicht weiter aufzufallen, quasi mit den unbeweglichen Schatten zu verschmelzen, in denen er herumlungert und auf Kundschaft wartet.

LG, eKy
« Letzte Änderung: Februar 08, 2015, 20:56:42 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re:Industriegebiet Ost, irgendwo
« Antwort #13 am: November 15, 2014, 13:16:44 »
Dann vielleicht:


regt sich nur selten der Kapuzenmann


Lieben Gruß!
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re:Industriegebiet Ost, irgendwo
« Antwort #14 am: November 15, 2014, 15:30:04 »
Hi, Cypi!

Danke für dein Bemühen, aber das "regt" erscheint mir etwas zu niedlich, zu verharmlosend, bedenkt man das finstere Geschäft dieser Person. Ein Blatt "regt" sich zB. im Lüftchen, aber hier wollte ich etwas mit mehr lyrischem Ernst. Wie gesagt, ich habe selbst lang überlegt...

LG, eKy
« Letzte Änderung: November 15, 2014, 16:28:18 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.