Mal ein ungewöhnliches Thema für ein Gedicht: Ein trostloses Industriegebiet ist dabei, auf Nachtbeleuchtung umzuschalten und sich auf Schattenkundschaft einzustellen. Keine Natur, kein Herz-Schmerz, keine Götter und Engel, keine Weinberge und Laubhügel … nein, Neonlicht und Asphalt. Das gefällt mir!
Technisch ist das Gedicht perfekt, wie bei dir, lieber Erich, nicht anders zu erwarten. Aber von der Wortwahl her kam ich beim letzten Vers der ersten Strophe ins Stocken. Dort steht: “… die ersten Schlampen“. Vielleicht ist die Definition einer „Schlampe“ ein weites Feld, aber nicht für mich. Für mich ist eine Schlampe ein liederliches Frauenzimmer, das lügt, stiehlt, betrügt, den Freundinnen die Männer ausspannt und dergleichen, also eine Frau ohne Moral und Gewissen. Das unterscheidet sie von einem Flittchen, das darauf ausgelegt ist, jedem Mann gefallen zu wollen und sich den Beweis dafür zu holen, ob dies der Fall ist. Beide Typen legen es nicht auf Bezahlung an.
Eine Prostituierte (auch Hure genannt) ist keine Schlampe, kein Flittchen und auch keine Nutte, sondern eine berufsmäßige Dienstleisterin. Und um solche Dienstleisterinnen handelt es sich in deinem Gedicht.
Dein Gedicht ist atmosphärisch dicht, das liegt ganz auf meiner Linie. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass es hier nicht um das Industriegebiet an sich geht, sondern um das Nachtleben, und ganz explizit um die Prostituiertenszene. Das macht die dritte Strophe stark deutlich.
Das Gedicht ist für mich nahezu perfekt: stimmige Bilder, kühl-schwülstige Atmosphäre, nacktes Leben, Käuflichkeit, Lügen, Todesnähe … alles da …
Nur das mit dem „Schlampen“ – das schmeckt mir nicht. Prostituierte sind Frauen, die ihren Beruf ausüben und Steuern zahlen.
Lieben Gruß
Aspasia