Autor Thema: Meine letzte Eiche  (Gelesen 5662 mal)

Erich Kykal

Meine letzte Eiche
« am: Juni 26, 2016, 10:08:47 »
Im Abendsturm, mein Freund der Kindertage,
bist du geborsten und zuletzt gefallen.
Ich höre immer noch das Knacken hallen,
und welke Blätter rascheln deine Klage.

Seit Jahren war dein Innerstes verdorben,
man sah es nicht, von außen warst du mächtig;
die langen Äste reckten sich bedächtig
und haben jeden raschen Wind umworben.

So bist du, der du Turm warst dem Erinnern,
mir doch voraus in jenem letzten Fallen -
die hehre Größe brach am kranken Innern.

So gingst du nicht an Wetters Macht zugrunde:
Das Sterben nagt inmitten von uns allen,
und manches Stürmen öffnet nur die Wunde.
« Letzte Änderung: August 14, 2025, 12:47:25 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re: Meine letzte Eiche
« Antwort #1 am: Juni 26, 2016, 10:21:23 »
Lieber Erich,

welch ein gewaltiger und formschöner Nachruf auf einen mächtigen und schönen Baum!
Zuerst dachte ich, ich käme beim Betonen ins Stolpern und habe privatim geixt -
und siehe da:
Gleichklang, Harmonie!

Nun ist die Eiche durch Dich unsterblich geworden und Du wirst es einst durch Deine Lyrik sein.

Ganz lieben Sonntagsgruß
von
Cypi
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re: Meine letzte Eiche
« Antwort #2 am: Juni 26, 2016, 11:12:10 »
Hi Cypi!

Vielen Dank! :)

Ich schrieb ja in deinem Faden schon über das Ereignis. Hier für andere Leser nochmals der Text:

Bei mir war eben ein Sturm, der die heiße Luft ausgeputzt hat. Leider hat er auch die letzte große Eiche vor dem Haus bis zu den Wurzeln gespalten! Die eine Hälfte fiel um und riß ein Telefonkabel vom Mast, aber sonst ist zum Glück kein Schaden entstanden.
Die andere Hälfte stand noch, aber was, wenn noch ein Sturm kommt heute nacht? Ich ließ die Feuerwehr kommen und den Rest kontrolliert umschneiden. Eben sind sie fertig geworden und abgerückt.

Morgen werde ich mich an die kahle Stelle gewöhnen müssen, und kommende Woche soll der Gärtner sich um den Rest kümmern. Ich werde einen neuen Baum daneben setzen, aber keine Eiche mehr - die fallen mir zu leicht um bei Sturm!
Vielleicht lasse ich gleich auch noch ein paar andere Bäume fällen, die meine eigene Telefonleitung schon zuwachsen. Eigentlich wollte ich damit noch 10 Jahre warten, um das Schnittholz selbst zum Verheizen nutzen zu können, aber in letzter Zeit stürmt es mir hier zu oft und zu heftig!



Heute bin ich traurig, denn wie ich schrieb - der Baum (und sein Nachbar, der schon vor ein paar Jahren einer Sturmböe zum Opfer fiel) war Teil meiner intensivsten Kindheitserinnerungen: In seinem Schatten spielte ich im Sandkasten, mit Freunden bin ich darin herumgekraxelt, wir ließen uns von den Ästen baumeln, hatten zeitweilig sogar eine Schaukel daran.

Ob meine Lyrik "unsterblich" wird (als Begriff ohnehin zu hoch gegriffen - Sprache verändert sich, und in ein paar Jahrhunderten ist alles, was heute geschrieben wurde, ohnehin ein Fall für Spezialisten), betrifft mich nicht, da ich nicht an ein Nachleben glaube, und zu Lebzeiten wird mein Schaffen bestenfalls nur wenige "Fans" interessieren.
Als ich jung war, mochten mich solche Gedanken an Ruhm locken, das Bedürfnis, Bleibendes zu schaffen - ein Bildhauer der Sprache.
Heute weiß ich, wie - bemessen am allgemeinen Zeitenlaufe - kurzlebig unsere Kunst ist, und mich treibt nur noch die reine Freude am schönen Wort. :)

LG, eKy
« Letzte Änderung: September 10, 2022, 11:30:43 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re: Meine letzte Eiche
« Antwort #3 am: Juni 26, 2016, 11:28:30 »
mich treibt die reine Freude am schönen Wort

Und diese reine Freude am schönen Wort wird Deine Lyrik Dich überdauern lassen - wenn Dir das Wort unsterblich zu hochgegriffen erscheint.

Noch heute erfaßt mich ein "heiliger Schauder" bei manchen Gedichten von J.Ch.Günther, und der ist vor fast 300 Jahren gestorben.

Je nun, Du wirst noch Jahrzehnte lang Lyrik schreiben, ich werde sie hoffentlich noch ein paar Jahre lang bewundern dürfen.

Lieben Sonntagsgruß
von
Cypi

Der Schönheit treu ergeben
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Erich Kykal

Re: Meine letzte Eiche
« Antwort #4 am: Juni 26, 2016, 14:33:58 »
Hi Cypi!

Es könnte auch anders herum kommen! ;)

Am besten wäre natürlich, wenn uns beiden noch Jahrzehnte beschieden wären ...

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re: Meine letzte Eiche
« Antwort #5 am: Juni 26, 2016, 15:28:39 »
Dazu nur noch einen Vers von Carl Bellmann:

"Trinkt, liebe Freunde! Leert Eure Humpen! Laßt Euch nicht lumpen!
Wir bringen Euch Särge aus hundertjährigen Eichen, die heute gepflanzt werden". ;)
Der Schönheit treu ergeben
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Curd Belesos

Re: Meine letzte Eiche
« Antwort #6 am: Juni 26, 2016, 22:51:22 »
Das Sterben nagt inmitten von uns allen,
und manches Stürmen öffnet nur die Wunde.

moin moin Erich,
das sind lyrische Gedanken in einer bewundernswerten Ausdrucksweise.

Deinen Kommentar in dem anderen Faden kannte ich, daher habe ich mich sofort über dein Gedicht hergemacht.

Nur die Anfänge S3 und S4 wollen mir nicht behagen.

LG
CB
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

Erich Kykal

Re: Meine letzte Eiche
« Antwort #7 am: Juni 27, 2016, 00:02:22 »
Hi Curd!

Soso, keine Sätze mit "So" ...  ;) - oder was sonst gefällt dir nicht an den monierten Zeilen?

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re: Meine letzte Eiche
« Antwort #8 am: Juni 27, 2016, 13:15:42 »
Ich selbst finde das so
als Fazit gut.
Es ist keine Zustandsbeschreibung/-umschreibung.

LG
Cypi
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Curd Belesos

Re: Meine letzte Eiche
« Antwort #9 am: Juni 27, 2016, 21:58:06 »
Soso, keine Sätze mit "So" ..

moin moin Erich,

nein, ein "so" oder "und" verwenden wir alle mal am Zeilenanfang, doch es ist die Doppelung:

So bist du.....

So gingst du....

die diesem ansprechenden Gedicht, nach meinem Gefühl, ein etwas bemühtes Ende bereitet  O0

LG
CB
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

cyparis

Re: Meine letzte Eiche
« Antwort #10 am: Juni 27, 2016, 22:12:32 »
Nahmd Nahmd, lieber Curd:

Was wäre denn in Deinem Sinne passender?
Diesel viel- und gleichzeitig eindeutige so ersetztest Du womit?

Auf die Antwort "gelüstig" ;)
und mit lieben Grüßen:

Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
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Curd Belesos

Re: Meine letzte Eiche
« Antwort #11 am: Juni 28, 2016, 00:06:26 »
Liebe Cyparis, moin moin,

Nun bist du..............

wäre mir genehm  8)

Guten Abend, gute Nacht wünscht mit einem lachenden Auge

Curd.

Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

cyparis

Re: Meine letzte Eiche
« Antwort #12 am: Juni 28, 2016, 10:40:30 »
Aber das "nun" ist ein zeitlicher Begriff, das "so"  ist ein Fazit.
Zumindest verstehe ich das so.

Lieben Gruß
von
Cyparis
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Curd Belesos

Re: Meine letzte Eiche
« Antwort #13 am: Juni 28, 2016, 14:22:07 »
....eben, dem Gedanken nachhängend, dass der Baum NUN vor dem LI gegangen ist, obwohl er eigentlich noch einige hundert Jahre stehen sollte.

In dem "so bist du" sehe ich ein vorausgegangenes Zwiegespräch zwischen dem Baum und dem LI, vielleicht schon vor längerer Zeit in der Jugend, in dem der Baum Zweifel anmeldete, dass er noch hunderte von Jahren leben werde und es auch nicht wünsche. Er wolle vor dem LI von den Kräften der Natur abberufen werden.
Da das LI dem seinerzeit widersprach, müsste die dritte Strophe für mich mit dem "NUN bist du ja doch vor mir gegangen" beginnen.

Sonnige Grüße aus dem wolkenverhangenem Norden
von
Curd.



Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

Erich Kykal

Re: Meine letzte Eiche
« Antwort #14 am: Juni 28, 2016, 19:25:09 »
Hi Curd!

Das ist Geschmacksache. Das "nun" könnte man auch in meiner Formulierung einbauen: "So bist du mir nun doch voraus ...". Dass man es weglässt, macht die Verwendung dieser Phrase nicht falsch. Es ist eine Weiterführung des Zwiegesprächs mit dem Baum aus S1Z1, quasi ein Aufseufzer.

Du könntest bestenfalls einwenden, dass es nicht so schön sei, beide Terzette mit "So ..." zu beginnen. Das lasse ich als Argument gelten. :) Ist aber auch Geschmacksache.  ;)

Ich überlege es mir.

LG, eKy



Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
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