Autor Thema: Einseitiger Kunstgeschmack  (Gelesen 4505 mal)

Erich Kykal

Einseitiger Kunstgeschmack
« am: November 14, 2016, 20:12:46 »
Wer kennt die farbengeile Pinselschlampe,
an jede nackte Leinwand sich verhurend,
im Weiß die Loipen ihrer Lüste spurend
mit wild verkleckerter Palettenpampe?

Wer ist der Krasse, der das bunte Nasse
verschleudert, bald entrückter dabei zuckend
als Trunkne, ungeschlachte Formen spuckend
in alles, was sein wirres Toben fasse?

Bald orgiastisch sich verströmend über
das Unberührte, so als übergieße
er allen Zweifel, dass er ihn verliere -

so macht das Grelle nur die Seele trüber!
Wovon er wünschte, dass er überfließe,
erringt er nicht mit brünstigem Geschmiere!
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Curd Belesos

Re: Einseitiger Kunstgeschmack
« Antwort #1 am: November 14, 2016, 23:19:00 »
moin moin Erich,

nur einen Abriss...
die Wortwahl der ersten Strophe ist genial.

Über die Schlusszeilen

Zitat
Wovon er wünschte, dass er überfließe,
erringt er nicht mit brünstigem Geschmiere!

wird sich Cyparis freuen, passen deine Worte doch nicht nur analytisch gut zu deinem Sonett,
sondern auch zu einigen Protagonisten ihrer Schmähgedichte.   ::)

Das Sonett gefällt mir sehr.

LG
CB



Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

Erich Kykal

Re: Einseitiger Kunstgeschmack
« Antwort #2 am: November 15, 2016, 02:23:59 »
Hi Curd!

Meine Intention war, einen verknöcherten Traditionalisten sprechen zu lassen (ich höre meinen Vater reden, ein durchaus intelligenter Mensch, aber ein Teil von ihm konnte oder wollte sich nie davon verabschieden, ein strammer Nazi gewesen zu sein ...), der in moderner Kunst nur "entartetes" Geschmiere sieht.

Dementsprechend fragt er in den Quartetten, wer denn dieser Schmierulant wohl sein mag, dass er sich solcherart erdreistet, und in den Terzetten fachsimpelt er aus seiner Sicht, das so kein Bild die Seele berühren könne, und was der "Künstler" ersehne - die wahre Kunst und das sich darin Vertiefen und Berührenlassen - könne er mit diesem Gekleckse nie erreichen.

Die Parallele zu meinem eigenen lyrischen Geschmack und meiner offenen Ablehnung "moderner" Lyrik ist mir wohl bewusst, deshalb nehme ich mich damit zum Teil auch selbst ironisch auf die Schippe.

LG, eKy
« Letzte Änderung: Oktober 09, 2020, 15:59:30 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Letreo71

Re: Einseitiger Kunstgeschmack
« Antwort #3 am: November 17, 2016, 22:09:39 »
Hallo eKy,

das find ich klasse! Hab es mehrfach und mit Freude gelesen. 8)

Lieben Gruß

Letreo

Erich Kykal

Re: Einseitiger Kunstgeschmack
« Antwort #4 am: November 18, 2016, 15:43:04 »
Hi Letreo!

Nicht dass du es falsch interpretierst - ich schätze gewisse abstrakte Künstler, zB Hundertwasser, sehr.

Was ich nicht verknusen kann, ist die sog. Konzeptkunst, wo einer zB einen ranzigen Klumpen Fett auf einen alten Stuhl klatscht und das dann als "Skulptur" hinstellt! Das ist mir einfach irgendwie zu billig! Idee dahinter hin oder her, wenn ich das Gefühl habe, dass sich einer kaum Mühe macht, zählt es irgendwie nicht für mich.

Kunst kommt für mich immer noch von Können, aber auch der Aufwand ist für mich entscheidend für die Wertigkeit - man muss dem Werk ansehen, dass der Künstler sich nicht nur Gedanken gemacht, sondern sich auch entsprechend Mühe gegeben und Aufwand betrieben hat.
Bei Michelangelo's Pietá u.ä. ist das natürlich offenkundig, aber je moderner es wird, desto weniger Mühe scheint man sich zu machen. Zuletzt sieht man nur noch "bedeutungsschwere" weiße Leinwände oder Farbschüttungen mit Tierblut (Orgien? Wuärcks!). Es gerät alles zu bloßer Hirnwixerei - und das stört mich.
Damit kann ich zwar intellektuell was anfangen - aber Kunst ist es für mich nicht mehr, eher Anregung zum Nachdenken. Aber das kann die Rätselseite in einer Zeitschrift auch.
Wenn jede beliebige Anordnung von Müll in einem Container schon Kunst sein kann und soll, dann hört es für mich auf - da sabotiert sich der Begriff nur noch selbst und führt sich ad absurdum. Philosophisch interessant, aber eben nichts Werktaugliches mehr. Schade.

Soviel zu meinem Kunstbegriff, um das mal klarzulegen. Vielleicht auch einseitig, um beim Thema zu bleiben, aber so ticke ich nun mal.
Interessantes Detail am Rande: Bei meinen Bildersonetten habe ich durchaus mehrmals versucht, auch abstrakte Werke zu bedichten - es ging nicht! Sie berührten vielleicht mein Hirn, nicht aber mein Herz, und ohne emotionale Bindung oder Auseinandersetzung kam eben keine einzige lyrische Zeile dazu zustande! Ich hätte ein wenig über Farbnuancen oder Übergänge in Reimen fachsimpeln können, aber sonst eben nix. Bezeichnend irgendwie ...  ::)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Aspasia

  • Gast
Re: Einseitiger Kunstgeschmack
« Antwort #5 am: November 19, 2016, 09:33:29 »
Zunächst: Dein Gedicht ist superklasse, lieber Erich. Es ist nicht nur gut formuliert, sondern drückt auch den ganzen Widerwillen gekonnt aus, den du gegen Künstler hast, die sich entweder nur so nennen oder nie ihr Talent entfalten, geschweige denn, ihren eigenen Stil finden.

Was moderne Kunst angeht, stehe ich den Künstlern allerdings offener gegenüber. Mir ist ein Werk von Andy Warhol, Jasper Jones, Frank Stella, Mark Rothko, René Magritte und Jörg Immendorf allemal lieber, um nur einige zu nennen, als die Heile-Welt-Malerei und Abbildung gesellschaftlicher Idylle, und wenn ich nur einen einzigen Jackson Pollock hätte, wären ich und mein Erbe für den Rest des Lebens saniert.

Ausgerechnet Hundertwasser mag ich seit einer kurzen, anfänglichen Begeisterung überhaupt nicht mehr. Er ritt mir zu sehr auf der Öko-Welle mit und benutzte seine Kunst zu einer geschickten Vermarktung: Halstücher, Regenschirme, Kaffeetassen - ich glaube, niemand hat damit mehr Geld gemacht als Hundertwasser. Die Frage wäre interessant, ob er mit seinem bewusst poppigen Stil und den aufdringlichen Farben ohne die Grünen-Bewegung nicht zu den Gescheiterten hätte zählen können. Jedenfalls spricht kaum noch ein Mensch von ihm, seit sich diese Welle gelegt hat, und geblieben sind von seiner Ideologie nur noch ein paar aberwitzige Häuser.

Künstler sind Menschen, die ihre Zeit ausdrücken, das ist allgemein bekannt. Als Toulouse-Lautrec mit seinen Bildern die Zeitschrift "Elle" illustrierte, galt das nicht nur als modern und ungewöhnlich, sondern es war ein Skandal. So, wie er die Frauen darstellte - als abgekämpfte Tänzerinnen in den Lokalen des Montmartre und verlebte Huren - wollte man in Paris die Frauen nicht sehen. Heute sehen wir die Intention des Malers und werten seine Bilder ganz anders als seine Zeitgenossen, die sich durch den vorgehaltenen Spiegel brüskiert fühlten.

Lieben Gruß
Ilka






Erich Kykal

Re: Einseitiger Kunstgeschmack
« Antwort #6 am: November 19, 2016, 17:28:53 »
Hi Aspasia!

Grundsätzlich gebe ich dir recht, aber ich sehe Hundertwassers Kunst vielleicht weniger ideologielastig. Was er dachte oder tat, ist mir egal, ich entscheide nur, ob mir seine Bilder gefallen oder nicht - und das tun sie, ganz wertfrei und unbelastet.
Zudem ist es mit Künstlern, gerade den toten, so, dass sie in Intervallen kommen und gehen. Mancher ist 100 Jahre lang nicht "angesagt", nur um dann wieder aufzuerstehen und Unsummen zu bringen! Nimm Van Gogh als Beispiel: In den ersten Jahren nach seinem Suizid war er kaum gefragt, von seinen Lebzeiten ganz zu schweigen. Erst Jahrzehnte später, und nur im Zusammenhang mit seiner traurigen und tragischen Geschichte wurde er zum Superstar und quasi zum Inbegriff des idealistisch durchglühten Künstlers!
Wer weiß, was in 100 Jahren über Hundertwasser gedacht wird!?
Und bist du sicher, dass Van Gogh sich zu gut gewesen wäre, mit seiner Kunst merkantil Geld zu verdienen, wenn er die Gelegenheit und das Talent dazu gehabt hätte?

Vielen Dank für deine Gedanken!  :)

LG, eKy
« Letzte Änderung: November 19, 2016, 17:30:29 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Aspasia

  • Gast
Re: Einseitiger Kunstgeschmack
« Antwort #7 am: November 19, 2016, 18:19:43 »

Und bist du sicher, dass Van Gogh sich zu gut gewesen wäre, mit seiner Kunst merkantil Geld zu verdienen, wenn er die Gelegenheit und das Talent dazu gehabt hätte?


Vermarktung im Stil der heutigen Zeit gab es damals nicht. Maler von damals, die heute ebenso wie Hundertwasser vermarktet werden - Franz Marc, der in sehr jungen Jahren im 1. WK bei Verdun fiel, ist ein Beispiel -, haben nichts mehr davon. Da hatte es Hundertwasser besser.

Van Gogh wollte nur leben können, er war nicht auf Reichtum aus. Schon vor der Malerei, als Pfarrer in der Borinage, teilte er das Wenige, das er hatte, mit den Zechenarbeitern. Gelegenheit, seine Bilder zu verkaufen, hatte er durchaus: Sein Bruder Theo betrieb eine Galerie, und ihm gelang es tatsächlich, ein Bild von Vincent zu verkaufen.

Die Zeit war für die Impressionisten und Expressionisten einfach nicht reif.

Liebe Grüße
Aspasia

cyparis

Re: Einseitiger Kunstgeschmack
« Antwort #8 am: Januar 01, 2017, 23:01:35 »
Lieber Erich,

obwohl die Pinselschlampe eindeutig weiblich ist, dachte ich sofort an Otto Muehl.
Auf irgemdeine seiner Schülerinnen wird das Gedicht zutreffen.
Ich las es nicht aus der Sicht eines erzkonservativen Mannes, sondern aus meiner Sicht.

Das Gedicht hat etwas Rohes, Ungeschlachtes an sich - so wie die "Werke" Muehls.
Eine interessante Philippika.

Gutenachtgruß
von
Cyparis





Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re: Einseitiger Kunstgeschmack
« Antwort #9 am: Januar 01, 2017, 23:48:54 »
Hi Cypi!

Die Pinselschlampe war hier durchaus geschlechtsneutral gemeint - bezeichnend jene "modernen" Schmierulanten, die glauben, es genüge, sich über eine weiße Leinwand zu erbrechen, um Kunst zu schaffen! Jene, die selbstdarstellerisch mit dem Ejakulat ihrer Überheblichkeit hausieren gehen, aber im Grunde ohne jedes wahre Talent sind!

Ich habe mir Bilder von Mühl angeschaut (interessante Mischung: ein wenig Kandinsky, ein wenig Picasso u.a. - Anleihen von einem halben Dutzend Künstler für einen unstringenten, aber immer derben Stil - der Mann hatte keine wirklich eigene Inspiration!) und weiß nun, was du meinst. Appetitlich ist manches da nicht eben, aber letztlich hat jeder da seine eigene Schmerzgrenze. Allerdings meinte ich eher die völlig abstrakten Farben-an-die-Leinwand-Schmeißer, die Mit-dem-eigenen-Arsch-oder-Penis-Maler, die Blutschütt-Orgienmeister und ähnlich Abgedrehte.
Aber ich muss dir recht geben: Mein Text passt auf Mühl's Kunst wirklich wie die Faust auf's Auge!  ;D

Vielen Dank für deine Zeilen!

LG, eKy
« Letzte Änderung: Januar 02, 2017, 00:02:14 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re: Einseitiger Kunstgeschmack
« Antwort #10 am: Januar 05, 2017, 12:35:22 »

wird sich Cyparis freuen, passen deine Worte doch nicht nur analytisch gut zu deinem Sonett,
sondern auch zu einigen Protagonisten ihrer Schmähgedichte


IWelche Schmähgedichte? Meine?
Ich bin doch ein Lämmlein weiß wie Schnee, weiß nichts von der Schlechtigkeit der Welt! ;)

Lieben Gruß
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re: Einseitiger Kunstgeschmack
« Antwort #11 am: Januar 05, 2017, 17:03:54 »
MÄÄÄÄHHH!  ;) ;D
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Curd Belesos

Re: Einseitiger Kunstgeschmack
« Antwort #12 am: Januar 05, 2017, 21:21:36 »

Ich bin doch ein Lämmlein weiß wie Schnee

vielleicht aber auch ein wilder schwarzer Rappe  8) ::) O0

Dicken Gruß  :-*
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch